Im Zweifel für den Algorithmus

Grafik: Wenn die Klage länger ist als das Vertrauen

 

Wenn die Klage länger ist als das Vertrauen

Von Ronald Tramp, Sonderberichterstatter für maschinelle Empörung, automatische Rechtsauffassung und das große Tippen ohne Anwalt

Es gibt Momente, da merkt man: Die Zukunft ist da. Sie trägt keine Krawatte, kennt keine Fristen und schreibt trotzdem viertausend Seiten. Willkommen im neuen Alltag der Gerichte, wo nicht mehr nur Menschen klagen, sondern auch Maschinen – höflich, ausführlich und völlig schmerzfrei.

Denn immer häufiger landen Schriftsätze auf den Tischen der Richter, bei denen niemand mehr so genau weiß, wer sie eigentlich verfasst hat. Ein Mensch? Eine Maschine? Ein Mensch mit Maschine? Oder eine Maschine, die so tut, als wäre sie ein Mensch, der eine Maschine benutzt? Sicher ist nur: Sie sind lang. Sehr lang.

Früher erkannte man eine Klage an ihrem Ton. Persönlich. Emotional. Manchmal chaotisch. Heute erkennt man sie an ihrer Struktur. Gliederungspunkte. Unterpunkte. Unterunterpunkte. Fußnoten, die auf Fußnoten verweisen, die wiederum erklären, warum sie existieren. Eine Textlawine, so perfekt formatiert, dass man fast vergisst, dass es um ein echtes Problem geht – nämlich um Menschen, Leistungen und Entscheidungen.

Und dann dieser eine Fall. Über 4000 Seiten. Ein Schriftsatz, der länger ist als so manche Gesetzeskommentierung, länger als die Geduld, länger als das Berufsleben mancher Richter. Eine Klage, bei der man sich fragt: Ist das noch Recht – oder schon Literatur?

Die Erklärung ist simpel. Es gibt weniger Fachanwälte. Schon seit Jahren. Der Nachwuchs fehlt. Die Spezialisierung lohnt sich kaum. Gleichzeitig dürfen Verfahren in den unteren Instanzen auch ohne anwaltliche Vertretung geführt werden. Eine Einladung. Eine offene Tür. Und vor dieser Tür steht nun die KI – geschniegelt, geladen, voller Argumente.

Denn wenn kein Anwalt da ist, aber ein Computer, der jederzeit verfügbar ist, niemals müde wird und auf Knopfdruck „Bitte formuliere eine umfassende Klage inklusive aller denkbaren Argumente“ versteht, dann passiert Folgendes: Man bekommt alles.

Alle Argumente. Alle Varianten. Alle Eventualitäten. Und zwar gleichzeitig. Warum sich entscheiden, wenn man auch alles einreichen kann? Die KI kennt kein Maß. Kein „Vielleicht reicht das“. Sie kennt nur: Mehr ist besser. Und wenn der Richter etwas nicht findet, dann liegt es garantiert irgendwo auf Seite 2874.

Ich, Ronald Tramp, sage: Das ist nicht die Digitalisierung der Justiz. Das ist die Überwältigung durch Text.

Denn Richter lesen. Sie lesen viel. Aber auch sie sind Menschen. Sie haben Tage. Termine. Kaffee. Und nun Schriftsätze, die so lang sind, dass man sie nicht mehr liest, sondern durchlebt. Ein Scrollen durch Argumente, die alle plausibel klingen, alle korrekt zitiert sind und alle voneinander abschreiben – aus derselben Quelle.

Der Witz an der Sache: Diese Texte sind oft gar nicht schlecht. Sie sind sauber formuliert. Juristisch korrekt. Höflich. Sie beleidigen niemanden. Sie schreien nicht. Sie sind die perfekten Musterschüler. Und genau das macht sie gefährlich.

Denn wenn alles gleich gut klingt, wird es schwer, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Die Kernfrage geht unter. Der Einzelfall verschwindet im Meer der Möglichkeiten. Und am Ende muss jemand entscheiden, was davon wirklich relevant ist – ohne dass die KI Verantwortung trägt.

Früher hatte man einen Anwalt, der filterte. Der sagte: Das lassen wir weg. Das ist Unsinn. Das bringt nichts. Heute sagt die Maschine: Warum nicht alles? Und sie hat recht. Aus ihrer Sicht.

Natürlich ist das erst der Anfang. Heute sind es Klagen. Morgen sind es Stellungnahmen. Übermorgen sind es Urteile – vorgeschlagen, strukturiert, mit Varianten. Wenn Sie Option A wählen, begründen Sie mit Absatz 4. Wenn Option B, bitte scrollen.

Das Gericht betont: Man beobachtet das. Man lernt. Man passt sich an. Aber man hört zwischen den Zeilen auch: Es wird anstrengend.

Denn Justiz lebt von Klarheit. Von Präzision. Von Verdichtung. Die KI lebt vom Gegenteil: Ausbreitung. Maximierung. Absicherung gegen jedes denkbare Risiko. Und so prallen zwei Welten aufeinander. Die eine will entscheiden. Die andere will alles sagen.

Ich stelle mir die Zukunft so vor: Der Kläger reicht eine KI-generierte Klage ein. Das Gericht antwortet mit einer KI-gestützten Eingangsbestätigung. Der Beklagte erwidert mit KI. Und am Ende sitzen sich zwei Maschinen gegenüber und tauschen PDFs aus, während die Menschen danebenstehen und hoffen, dass irgendwo noch Gerechtigkeit drinsteckt.

Vielleicht braucht es bald neue Regeln. Seitenbegrenzungen. Zeichenlimits. Oder einen Hinweis: Bitte fassen Sie sich kurz – auch wenn Sie eine Maschine sind.

Bis dahin gilt: Im Zweifel für den Angeklagten. Oder für den Algorithmus. Oder für den Richter, der nach Seite 500 denkt: Jetzt reicht’s.

Und das, meine Damen und Herren, ist dann nicht nur eine Frage des Rechts – sondern der Lesbarkeit.