Kohle ist das neue Grün

Grafik: Kohle ist das neue Grün

 

Wie man in Davos mit Buhrufen Energie erzeugt

Von Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für fossile Fantasien, grüne Schwindel und internationale Nachtischverweigerung

Ich sage es gleich: Das Weltwirtschaftsforum in Davos ist kein Ort für leise Meinungen. Es ist ein Ort für große Visionen, größere Egos – und gelegentlich für Buhrufe, die so laut sind, dass selbst der Nachtisch beleidigt den Saal verlässt.

Diesmal ging es um Energie. Oder genauer: um das, was man laut Donald Trump nicht Energie nennen sollte. Er nutzte seinen Auftritt in Davos, um der Energiewende offiziell abzusagen. Höflich? Nein. Subtil? Ebenfalls nein. Mit der gewohnten Eleganz eines Vorschlaghammers erklärte er die europäischen Bemühungen zur Energiewende zum „grünen Betrug“ – möglicherweise sogar zum „größten Schwindel der Geschichte“.

Das muss man erst einmal schaffen. Jahrhunderte von Kriegen, Finanzkrisen und Diätversprechen – und dann kommt die Energiewende und gewinnt den Titel.

Der Eklat vor dem Dessert

Der wahre Knall ereignete sich allerdings nicht auf der großen Bühne, sondern beim VIP-Dinner hinter verschlossenen Türen. Ein Ort, an dem sonst mit gedämpfter Stimme über Milliarden gesprochen wird. Dort wollte US-Wirtschaftsminister Howard Lutnick die Energiepolitik der Trump-Regierung erklären.

Die Kernbotschaft, Medienberichten zufolge: Die Welt solle bitte wieder auf Kohle setzen. Europa wurde gleich mitkritisiert – wahrscheinlich, weil es zu viele Windräder und zu wenig Kaminromantik besitzt.

Und dann passierte etwas Unvorhergesehenes: Buhrufe. Echte Buhrufe. Von Menschen, die normalerweise nur in PowerPoint-Applaus klatschen. Einer der lautesten soll ausgerechnet von einem Landsmann gekommen sein: Al Gore.

Das Dinner endete vorzeitig. Kein Dessert. Kein Kaffee. Ein klares Zeichen: In Davos kann man vieles verzeihen – aber nicht, wenn man den Kuchen verhindert.

„Geisteskrank“ – ein Wort macht Karriere

Gore zeigte später keinerlei Reue. Die Energiepolitik der Regierung halte er für „geisteskrank“, sagte er Journalisten. Ein Wort, das man in Davos sonst eher selten hört – höchstens, wenn jemand Bitcoin bei Vollmond erklärt.

Andere Teilnehmer äußerten sich diplomatischer. Aber die Stimmung war eindeutig: Die Trump-Regierung steht mit ihrem singulären Fokus auf Kohle, Öl und Gas zunehmend allein da. Nicht, weil plötzlich alle zu Klimaaktivisten geworden wären – sondern weil Mathematik eine erstaunliche Eigenschaft hat: Sie lässt sich schwer beleidigen.

Windräder als Geldvernichtungsmaschinen

Trump selbst legte am nächsten Tag nach. Windräder seien „Loser“, sagte er. Ein Investment nur für „dumme Menschen“. Jedes Mal, wenn sich ein Windrad drehe, verliere man 1000 Dollar. Mit Energie müsse man Geld verdienen, nicht verlieren.

Eine beeindruckend konkrete Zahl. Woher sie kommt, weiß niemand. Aber sie steht im Raum. Und sie dreht sich. Wie ein Windrad.

Widerspruch ausgerechnet vom alten Verbündeten

Einen Tag später kam der offene Widerspruch – ausgerechnet von einem früheren Weggefährten: Elon Musk. Der Mann, der Trump einst mit einer Viertelmilliarde Dollar unterstützte, betrat die Davoser Bühne mit einer Botschaft, die kaum gegensätzlicher hätte sein können: Solarenergie könne alle Energieprobleme der USA lösen.

Man müsse nur einen kleinen Teil von Utah, Nevada oder New Mexico mit Solarpanels bedecken – und schon sei genug Strom da. Klein. Überschaubar. Fast niedlich. Das eigentliche Problem seien Zölle auf billige chinesische Solarmodule. Die Barrieren seien „extrem hoch“.

An wen diese Kritik gerichtet war, musste niemand erklären. In Davos versteht man auch ohne Untertitel.

Geld schlägt Ideologie

Falls Trump auf Zuspruch der versammelten Business-Elite gehofft hatte, ging die Rechnung nicht auf. Nicht aus moralischen Gründen – sondern aus ökonomischen. Solar und Wind sind schlicht billiger geworden. Und in einer Welt voller Unsicherheit zählt am Ende oft nur der Preis.

Ein australischer Bergbau-CEO brachte es auf den Punkt: Der Trend bei den Erneuerbaren „frisst die fossilen Energien zu Mittag“. Eine Milliarde Dollar pro Jahr will sein Unternehmen sparen, indem es auf Elektrobetrieb umstellt. Klingt nicht sehr „woke“. Klingt sehr nach Gewinn.

Zahlen, diese lästigen Dinge

Die Faktenlage ist unerquicklich für Kohle-Romantiker: 93 Prozent der 2024 weltweit neu installierten Energiequellen waren erneuerbar. 2025 flossen 2,2 Billionen Dollar in Erneuerbare – doppelt so viel wie in fossile Energien. Selbst die USA verzeichneten einen Rekordzubau bei Solarenergie, trotz aller politischen Bremsversuche.

Die Gerichte verhinderten sogar, dass große Windparks per Dekret gestoppt wurden. Ein weiteres Ärgernis: die Rechtsstaatlichkeit.

China lächelt und winkt

Während die USA diskutierten, nutzte China die Bühne von Davos geschickt. Man werde an der grünen Entwicklung festhalten und lade Unternehmen aus aller Welt ein, gemeinsam eine grüne Zukunft zu gestalten. Höflich. Offen. Wettbewerbsfähig.

Auf Trumps Behauptung, China betreibe selbst keine Windräder, ging man gar nicht ein. Man hatte Besseres zu tun: Angebote machen.

 

Ich ziehe meinen Helm vor dieser Vorstellung: Eine Welt, die sich in Richtung Erneuerbare bewegt – und eine Regierung, die ruft: „Zurück!“ Das ist kein Kulturkampf. Das ist ein Kostenvergleich.

In Davos hat man gelernt: Ideologie ist laut. Preise sind leise – aber sie gewinnen. Und wenn selbst alte Verbündete widersprechen, der Nachtisch ausfällt und die Zahlen gegen einen sprechen, dann bleibt von der großen Kohle-Vision vor allem eins: viel Rauch. Und wenig Zukunft.