Lifestyle gestrichen

Grafik: Lifestyle gestrichen

 

Wie ein Wort fast die Republik in Teilzeit geschickt hätte

Meine Damen und Herren, liebe Vollzeitdenker, Teilzeitempörte und Menschen, die bei politischen Anträgen erst mal nach den Triggerwörtern suchen:
Deutschland hat überlebt. Knapp. Sehr knapp. Denn ein Wort wurde entfernt. Ein einziges Wort. Aber was für eines! Lifestyle.

Ja. Lifestyle.
Ein Wort so gefährlich, so aufgeladen, so emotional, dass es beinahe das Fundament der Arbeitsgesellschaft erschüttert hätte. Ein Wort, das aussieht wie ein englischer Begriff, klingt wie ein Vorwurf und wirkt wie ein Freizeitverbrechen.

Und jetzt ist es weg.

Der CDU-Wirtschaftsflügel hatte gewagt, im Zusammenhang mit Teilzeitarbeit von „Lifestyle“ zu sprechen. Und boom – Empörung. Parteiintern. Öffentlich. Emotional. Menschen fühlten sich ertappt, beleidigt, durchschaut. Denn wenn Deutsche eines nicht mögen, dann ist es, wenn Arbeit mit irgendwas Angenehmem in Verbindung gebracht wird.

Lifestyle! Als wäre Teilzeit eine Art Spa-Angebot. Als würde man sagen: „Ich arbeite nur 30 Stunden, weil mein Inneres Chakra sonst leidet.“ Skandalös. Unfassbar. Fast französisch.

Also trat man zusammen. Sitzungen. Gremien. Kommissionen. Und wie immer in Deutschland, wenn ein Wort Ärger macht, gründet man eine Arbeitsgruppe. Nicht um zu arbeiten – sondern um Wörter zu retten oder zu entsorgen.

Diese Arbeitsgruppe hatte eine Mission: Den Antrag überarbeiten. Aber bitte nicht „schleifen“, nein nein – das wäre zu ehrlich. Man erweitert ihn. Zusätzliche Aspekte. Niemand weiß welche. Aber sie sind da. Unsichtbar. Wie politische Vitamine.

Und dann kam der große Moment. Der historische Augenblick. Die Vorsitzende entschuldigte sich für die Wortwahl. Für das Wort. Nicht für den Inhalt. Der Inhalt ist stabil. Beton. Unverrückbar. Aber das Wort? Das Wort musste gehen.

Ich stelle mir diese Szene vor. Ernst. Würdevoll. Jemand sagt: „Wir müssen reden.“
Und jemand anderes sagt: „Über das Wort?“
Und alle nicken.

Das Wort „Lifestyle“ wird gestrichen. Einfach so. Raus. Entfernt. Vermutlich mit einem roten Stift. Vielleicht sogar feierlich. Danach kollektives Aufatmen. Deutschland darf weiter arbeiten, ohne sich gefragt zu fühlen, ob es vielleicht auch Spaß haben könnte.

Denn das ist der wahre Skandal: Der Gedanke, dass Teilzeit etwas mit persönlicher Entscheidung zu tun haben könnte. Oder gar mit Lebensgestaltung. Nein. Teilzeit ist ernst. Teilzeit ist Schicksal. Teilzeit ist niemals Lifestyle. Lifestyle ist Urlaub. Lifestyle ist Avocado. Lifestyle ist Yoga. Aber nicht Arbeitszeit.

Und jetzt verteidigt man den Antrag inhaltlich weiter. Natürlich. Inhaltlich alles richtig. Nur das Wort war falsch. Typisch. In Deutschland sind nie die Ideen das Problem – nur die Wörter.

Ich habe das immer gesagt: Politik ist zu 80 Prozent Semantik und zu 20 Prozent Sitzfleisch. Und wenn ein Wort stört, dann wird es ausgetauscht. Nicht weil es falsch ist. Sondern weil es zu ehrlich war.

Denn seien wir ehrlich: Wenn Menschen freiwillig Teilzeit arbeiten, dann hat das oft Gründe. Kinder. Pflege. Gesundheit. Aber manchmal – und das ist der Teil, den niemand aussprechen darf – auch, weil sie leben wollen. Und das ist gefährlich. Sehr gefährlich.

Also streicht man Lifestyle. Man ersetzt es vermutlich durch etwas Harmloses. Etwas Deutsches. Vielleicht „individuelle Arbeitszeitpräferenz im Rahmen gesellschaftlicher Verantwortung“. Klingt besser. Tut niemandem weh. Versteht niemand. Perfekt.

Und dann dieser Satz aus der Kommission: Der Antrag werde nicht geschliffen, sondern erweitert. Das ist mein Lieblingssatz. Denn er bedeutet: Wir ändern nichts, aber wir sagen, dass wir viel getan haben.

Zusätzliche Aspekte. Welche? Weiß man nicht. Aber sie kommen. Irgendwann. Vielleicht. In einer Anlage.

Ich bewundere diese Präzision. Diese Vorsicht. Diese Angst vor Wörtern. In anderen Ländern streitet man über Inhalte. In Deutschland streitet man über Vokabeln. Das ist feiner. Das ist kultivierter. Das ist Bürokratie mit Stil.

Am Ende bekam die Verteidigung des Antrags sogar Zuspruch. Viel Zuspruch. Parteiintern. Also alles gut. Wort weg. Antrag da. Alle zufrieden. Fast alle.

Ronald Tramp sagt: Das war knapp. Sehr knapp. Hätte man das Wort behalten, wären vielleicht Menschen auf die Idee gekommen, dass Arbeit nicht alles ist. Dass Zeit wertvoll ist. Dass Leben mehr sein könnte als Anwesenheitspflicht.

Zum Glück ist das Wort weg.

Deutschland kann wieder ruhig schlafen.
Vollzeit. Teilzeit. Aber bitte ohne Lifestyle.