Lincoln wäre überrascht

Grafik: Trump vergleicht sich mit Lincoln

Ronald Tramp meldet sich. Und glauben Sie mir: Was ich heute gehört habe, ist so groß, so historisch, so unfassbar – ich musste erst drei Espressi und eine Portion Realitätsprüfung zu mir nehmen. Denn wenn sich jemand mit Abraham Lincoln vergleicht… dann weiß man: Jetzt wird Geschichte neu geschrieben. Oder zumindest sehr kreativ interpretiert.

Also, setzen wir uns kurz hin – am besten auf etwas Stabileres als politische Argumente – und schauen uns das Spektakel an.

Da steht er, der Mann, die Marke, das wandelnde Eigenlobsystem: Donald Trump. Frisch aus einem Vorfall, bei dem Schüsse gefallen sind. Ein ernster Moment, keine Frage. Aber was macht unser Lieblings-Ich-bin-der-Größte-Präsident-aller-Zeiten-Experte daraus? Richtig: Er erklärt sich selbst zur historischen Zielscheibe. Und nicht irgendeiner – nein, zur Liga der ganz Großen.

Lincoln. Abraham. Bart, Zylinder, Bürgerkrieg. Dieser Lincoln.

Und ich sage Ihnen: Wenn Selbstbewusstsein ein Rohstoff wäre, könnte dieser Mann die Energiekrise der nächsten 200 Jahre lösen.

Die Logik dahinter? Fantastisch. Wirklich. Laut eigener Analyse sind Attentate nämlich eine Art Belohnungssystem. Wer besonders erfolgreich ist, wird beschossen. Eine Art politischer Treuebonus. Je mehr Wirkung, desto mehr Kugeln. Das ist nicht nur eine These – das ist fast schon ein neues Naturgesetz.

Newton hatte die Schwerkraft. Trump hat die Wirkungskraft.

Und plötzlich ergibt alles Sinn! Historiker haben jahrhundertelang falsch gedacht. Lincoln wurde nicht ermordet, weil die Nation tief gespalten war – nein, er war einfach zu erfolgreich. Zu gut. Zu beeindruckend. Und jetzt, 160 Jahre später, erleben wir das gleiche Phänomen erneut. Zufall? Ich denke nicht.

Ich meine, schauen wir uns die Argumentation an: Zölle eingeführt? Gefährlicher. Militärbudget erhöht? Noch gefährlicher. Wahrscheinlich ist sogar ein besonders gut gebratenes Steak mittlerweile ein Sicherheitsrisiko.

Man könnte fast meinen, Politik sei kein kompliziertes System aus Interessen, Konflikten und Entscheidungen – sondern ein Highscore-Spiel. Und wer oben steht, bekommt Bonus-Level: „Achtung, jetzt kommen die Attentäter!“

Ich habe versucht, diese Theorie weiterzudenken. Wenn Erfolg automatisch zu Attentaten führt – müsste dann nicht jeder besonders erfolgreiche Mensch in ständiger Lebensgefahr schweben? Wo sind die Attentate auf Spitzenköche? Auf erfolgreiche Influencer? Auf den Erfinder von Katzenvideos?

Oder – und jetzt wird es wild – könnte es sein, dass die Welt doch etwas komplexer ist?

Aber nein. Komplexität ist überbewertet. Hier gilt: Große Wirkung = große Gefahr = große historische Vergleiche. Und wenn man sich schon vergleicht, warum klein denken? Warum nicht direkt mit Lincoln? Oder gleich mit Julius Cäsar? Oder, ich werfe es mal in den Raum: mit der gesamten Menschheitsgeschichte auf einmal.

Ich sehe schon das nächste Interview:

„Viele sagen, ich bin wie Lincoln. Einige sagen, ich bin sogar besser. Lincoln hatte keinen Twitter-Account. Ich schon. Enormer Vorteil.“

Und während ich das alles analysiere, wird mir klar: Es geht gar nicht um Geschichte. Es geht um Inszenierung. Um die perfekte Dramaturgie. Held, Gefahr, Bedrohung, Triumph. Ein Drehbuch, das Hollywood ablehnen würde, weil es zu übertrieben ist – aber in der politischen Realität scheinbar bestens funktioniert.

Denn seien wir ehrlich: Der Vergleich mit Lincoln ist nicht nur groß. Er ist gigantisch. Er ist so groß, dass er fast schon ein eigenes Bundesland sein könnte.

Und genau das ist der Punkt.

Hier wird nicht nur reagiert – hier wird skaliert. Jede Situation wird zur Bühne. Jeder Vorfall zur historischen Parallele. Jede Kritik zur Bestätigung des eigenen Mythos.

Ich, Ronald Tramp, habe schon viel gesehen. Wirklich viel. Aber diese Kombination aus Selbstinszenierung, Geschichtsbiegung und dramatischer Überhöhung – das ist Kunst. Reine, ungefilterte, goldgerahmte Kunst.

Und während irgendwo Historiker leise weinen und Geschichtsbücher nervös ihre Seiten umblättern, steht da jemand und sagt:

„Ich bin wie Lincoln.“

Und ich sage:
Wenn das stimmt… dann hat die Geschichte definitiv einen neuen Ghostwriter.

Und er hat einen sehr, sehr starken Hang zur Übertreibung.