Make Rockets Great Again

Ronald Tramp über Indiens Raumfahrt, die rebellische dritte Stufe und 16 Satelliten mit akutem Badeurlaub
Ich sage es, wie es ist, und sehr viele Raumfahrt-Leute sagen es mir auch, manche mit Helm, manche ohne: Raketenstart ist eine ernste Sache. Sehr ernst. Milliarden ernst. Aber manchmal entscheidet sich eine Rakete mitten im Flug dazu, eine eigene Meinung zu entwickeln. Und genau das ist jetzt in Indien passiert. Mit einer Rakete, die eigentlich als zuverlässig galt. Sehr zuverlässig. Fast schon deutsch – aber eben nicht ganz.
Die Indian Space Research Organisation, kurz ISRO, hatte Großes vor. Wirklich Großes. Die Polar Satellite Launch Vehicle – die legendäre PSLV – sollte 16 Satelliten in den Himmel bringen. Sechzehn! Eine ganze Satelliten-Klassenfahrt. Ziel: ein sonnensynchroner Orbit in rund 500 Kilometern Höhe. Sonne, Ordnung, Präzision. Alles geplant. Alles berechnet. Alles PowerPoint-fähig.
Der Start erfolgte am 12. Januar um 10:18 Uhr Ortszeit vom Satish Dhawan Space Centre in Sriharikota. Alle standen bereit. Countdown. Applaus. Nationalstolz. Die ersten beiden Stufen? Perfekt. Großartig. Tremendous. Die Rakete stieg auf wie ein Traum aus Metall und Hoffnung.
Und dann kam die dritte Stufe.
Sechs Minuten nach dem Start. Nur sechs. Das ist kaum länger als ein durchschnittlicher Wahlkampfslogan. Und plötzlich begann die Rakete zu trudeln. Nicht elegant. Nicht geplant. Eher wie jemand, der auf einer Hochzeit zu viel getanzt hat. Und dann – Absturz. Ende. Aus. Indischer Ozean.
Der bekannte Astrophysiker Jonathan McDowell schrieb, die Rakete habe vermutlich nur eine suborbitale Flugbahn erreicht, bevor sie sich entschieden habe, baden zu gehen. Suborbital. Das ist ein sehr höfliches Wort für: „Fast, aber nein.“
Und jetzt kommt das wirklich Bittere: Es war der zweite Ausfall der PSLV in Folge. Zweimal hintereinander. In der Raumfahrt ist das wie zwei rote Karten im Finale. Nicht ideal. Überhaupt nicht ideal.
An Bord waren 16 Satelliten. Sechzehn kleine Hoffnungsträger. Darunter der indische Erdbeobachtungssatellit EOS-N1, der britisch-thailändische Erdbeobachtungssatellit THEOS-2 sowie ein besonders spannender indischer Satellit, der das Auftanken im Weltraum testen sollte. Auftanken im All! Das ist Zukunft. Das ist Science-Fiction mit Schraubenschlüssel.
Und jetzt? Alle weg. Bis auf eine Mission. Eine! Eine hat es irgendwie geschafft. Die Überlebende. Der Satellit, der sagen kann: „Ich war dabei, aber ich habe es irgendwie rausgeschafft.“
Ich stelle mir das so vor: 15 Satelliten schauen sich gegenseitig an und sagen: „War das Teil des Plans?“ Und einer sagt: „Nein.“ Und dann ist da Wasser.
Die ISRO hat sofort eine Untersuchung eingeleitet. Natürlich. Das ist Pflicht. Man untersucht. Man analysiert. Man findet heraus, warum die dritte Stufe plötzlich dachte, sie sei ein Kreisel. Vielleicht ein Ventil. Vielleicht ein Sensor. Vielleicht kosmische Laune. Man weiß es noch nicht. Aber man wird es wissen. Irgendwann. Nach sehr vielen Meetings.
Ich sage: Raumfahrt ist brutal ehrlich. Entweder es klappt, oder es explodiert. Es gibt kein „fast erfolgreich“. Suborbital zählt nicht. Das ist wie fast schwanger. Oder fast gewählt. Es bringt nichts.
Und trotzdem: Respekt. Großen Respekt. Denn Raumfahrt ist kein TikTok-Video. Man kann es nicht einfach neu aufnehmen. Man drückt einen Knopf – und dann entscheidet die Physik. Und die Physik liest keine Pressemitteilungen.
Die PSLV war lange Zeit der Stolz der indischen Raumfahrt. Zuverlässig. Günstig. Präzise. Ein Arbeitstier. Und jetzt? Zwei Ausfälle. Das kratzt am Image. Sehr. Aber ich sage auch: Wer nie abstürzt, startet zu wenig.
Indien ist eine Raumfahrtnation. Punkt. Sie kommen wieder. Mit besserer dritter Stufe. Mit noch mehr Tests. Mit noch mehr Ehrgeiz. Und wahrscheinlich mit einer Rakete, die diesmal nicht spontan Yoga macht.
Bis dahin bleibt das Bild: Eine Rakete, die sechs Minuten lang alles richtig macht – und dann sagt: „Ich bin raus.“ Und 16 Satelliten, die jetzt offiziell Meeresbiologen sind.
Großartige Geschichte. Wirklich großartig. Tragisch, ja. Teuer, ja. Aber Raumfahrt ist kein Wunschkonzert. Es ist Hochrisiko mit Applaus.
Und beim nächsten Start sage ich: Viel Erfolg. Wirklich viel Erfolg. Und bitte – haltet die dritte Stufe im Auge.


