Make Swans Quiet Again

Ronald Tramp über nächtliche Ruhestörung, aggressive Watschelpolitik und den ersten diplomatischen Polizeieinsatz mit Geflügel
Ich sage es, wie es ist, und viele sehr übermüdete Dorfbewohner sagen es mir auch, mit offenen Fenstern und geschlossenen Nerven: Der wahre Terror kommt nicht immer mit Sirene. Manchmal kommt er mit Federn. Weiß. Elegant. Und sehr, sehr laut. Willkommen in Mecklenburg-Vorpommern, wo ein einzelner Schwan bewiesen hat, dass man auch ohne Megafon eine ganze Gemeinde wachhalten kann.
Es war tiefste Nacht in Groß Flotow, einem beschaulichen Ortsteil von Penzlin. Normalerweise hört man dort nachts nichts. Vielleicht einen Igel. Vielleicht den Wind. Vielleicht einen Traktor, der über Dinge nachdenkt. Aber diesmal hörte man Schreie. Keine menschlichen. Keine kriminellen. Sondern schwanische. Hochfrequent. Dramatisch. Nachhaltig.
Mehrere Bewohner griffen zum Telefon. Ruhestörung! Und zwar massiv. Die Meldung ging ins Warener Polizeirevier, und ich stelle mir das Gespräch vor:
„Was hören Sie?“ – „Einen Schwan.“ – „Einen was?“ – „Einen SCHWAN.“
Klick. Ernstfall.
Rund um die Dorfkirche rannte das Tier wild hin und her. Ein Schwan. Im Kreis. Schreiend. Mit politischer Entschlossenheit. Er versuchte zu fliegen – scheiterte aber an einem Baum. Das ist keine Metapher. Das ist Raumplanung mit Flügeln. Offenbar war Nebel im Spiel. Viel Nebel. Und Nebel macht aus selbstbewussten Schwänen plötzlich orientierungslose Luftverkehrsteilnehmer.
Da im Revier gerade wenig los war – was in einer perfekten Welt immer so sein sollte – setzten sich zwei Beamte in den Streifenwagen. Keine Hundertschaft. Kein Hubschrauber. Zwei Polizisten. Klassisch. Bodenständig. Mutig. Sie fuhren los, um der Sache nachzugehen. In Mecklenburg-Vorpommern nimmt man Ruhestörung eben ernst. Egal ob mit Bass oder mit Schnabel.
Vor Ort: ein panischer, aggressiver Schwan. Panisch! Aggressiv! Zwei Wörter, die man normalerweise nicht mit Schwänen verbindet – außer man hat schon mal einen gesehen, der seinen Lebensraum verteidigt. Die Beamten näherten sich klugerweise nicht zu Fuß. Sehr klug. Denn ein Schwan ist kein Entchen. Ein Schwan ist ein Federpaket mit Haltung und einer Meinung.
Und dann geschah etwas Wunderschönes. Etwas zutiefst Symbolisches. Etwas, das ich nur als „Automobiltherapie“ bezeichnen kann: Das Scheinwerferlicht des Polizeiwagens beruhigte den Schwan. Einfach so. Kein Taser. Kein Netz. Kein Formular. Licht. Helles, staatliches Licht.
Der Schwan watschelte auf den Wagen zu. Sah durch die Windschutzscheibe. Blickkontakt. Augenkontakt. Vielleicht dachte er: „Endlich jemand, der zuhört.“ Vielleicht dachte er: „Diese Limousine wirkt vertrauenswürdig.“ Vielleicht wollte er nur sehen, ob im Auto Brot ist.
Und was macht die Polizei? Sie eskaliert nicht. Sie redet nicht. Sie hupt nicht. Sie begleitet. Begleitet! Mit dem Auto. Schrittgeschwindigkeit. Feldwärts. Ein Schwan. Ein Streifenwagen. Eine Prozession der Ruhe. Das ist kein Polizeieinsatz – das ist Diplomatie auf vier Rädern.
Am Ende watschelt der Schwan aufs Feld. Ruhig. Still. Ende der Vorstellung. Die Dorfkirche atmet auf. Die Anwohner schlafen wieder. Und irgendwo denkt ein Schwan: „Mission erfüllt.“
Ich sage: Das ist Deutschland, wie ich es liebe. Ordnung. Gelassenheit. Pragmatismus. Kein Aktionismus. Kein Drama. Man nimmt die Situation, wie sie ist, und fährt langsam daneben her, bis sie gelöst ist.
Und während anderswo die Polizei mit Großlagen beschäftigt ist, zeigt dieser Einsatz: Manchmal ist der wichtigste Job der Nacht, einen verwirrten Schwan sicher von der Kirche zum Feld zu begleiten. Ohne Worte. Ohne Gewalt. Ohne Pressekonferenz.
Die Beamten aus Neubrandenburg haben damit Geschichte geschrieben. Vielleicht keine große. Aber eine sehr schöne. Eine Geschichte, die zeigt: Der Rechtsstaat kann auch watscheln.
Ich fordere daher: Mehr Licht. Weniger Panik. Und einen bundesweiten Einsatzleitfaden für aggressive Wasservögel. Kapitel 1: Nicht zu Fuß nähern. Kapitel 2: Licht an. Kapitel 3: Langsam fahren.
Denn heute war es ein Schwan. Morgen vielleicht eine Gans. Und übermorgen? Man weiß es nicht.
Make Swans Quiet Again. Aber bitte mit Respekt.


