Matchball im Blackout

Grafik: Matchball im Blackout

Wie Berlin im Dunkel saß und der Bürgermeister den Aufschlag suchte

Von Ronald Tramp, Notstromaggregat der politischen Satire, zertifizierter Krisen-Coach und passionierter Zuschauer fremder Fehlentscheidungen.


Ich sage es gleich am Anfang, damit wir alle auf demselben Platz stehen, gern auch auf Sand: So etwas kann man sich nicht ausdenken. Das muss man erleben. Oder besser: durchspielen. Berlin hatte einen Blackout. Strom weg. Teile der Stadt im Dunkeln. Menschen ohne Licht, ohne Fahrstuhl, ohne WLAN – also praktisch im Mittelalter. Und was macht der Regierende Bürgermeister? Er greift zum Tennisschläger.

Ja, richtig gehört. Kai Wegner, CDU, Hauptstadtchef, Krisenmanager auf Abruf – entscheidet sich wenige Stunden nach Beginn des Stromausfalls für eine Stunde Tennis. Nicht symbolisch. Nicht metaphorisch. Echtes Tennis. Mit Ball. Mit Netz. Mit weißen Linien.

Jetzt könnte man sagen: „Moment mal.“ Und das haben viele auch getan. Aufregung! Kritik! Empörung! Twitter! Kommentarspalten, die schneller eskalierten als ein Berliner Flughafenbau. Aber Wegner blieb ruhig. Sehr ruhig. Olympisch ruhig. Er sagte sinngemäß: „Ich wollte den Kopf freikriegen.“

Kopf freikriegen. Ein wunderschöner Satz. Einer dieser Sätze, die Politiker benutzen, wenn sie etwas getan haben, das sie eigentlich nicht hätten tun sollen. Kopf freikriegen ist politisch für: „Ich war kurz woanders.“ Und wo war er? Nicht im Krisenstab. Nicht im Lagezentrum. Nicht im abgedunkelten Senatssaal mit Kerzen und Taschenlampen. Nein. Auf dem Tennisplatz.

Aber halt! Bevor wir unfair werden – Wegner betonte mehrfach: Er war erreichbar. Das Handy war auf laut gestellt. Auf laut! Meine Damen und Herren, das ist der wichtigste Satz dieser Geschichte. Denn wenn ein Handy auf laut ist, dann ist man praktisch überall gleichzeitig. Auf dem Platz, im Büro, im Herzen der Stadt. Multitasking made in Berlin.

Ich stelle mir die Szene vor:
Aufschlag.
Vibration.
„Moment, das ist der Krisenstab.“
Rückhand.
„Ja, ich höre Sie.“
Netzroller.
„Nein, spielen Sie bitte den Notfallplan durch.“

Das ist moderne Führung. Agil. Beweglich. In Sportschuhen.

Wegner sagt auch: Nach dem Tennisspiel sei er sofort zurückgefahren und habe weitergearbeitet. Sofort! Ein weiteres starkes Wort. Sofort nach der Stunde Tennis. Also nach dem Match. Oder zumindest nach dem Duschen. Vielleicht noch ein isotonisches Getränk. Dann sofort.

Er wolle das Tennisspiel nicht als Fehler bezeichnen. Natürlich nicht. Fehler sind Dinge, die andere machen. Das hier war Selbstfürsorge. Mentale Hygiene. Stressabbau. Man muss ja auch an sich denken, wenn eine Millionenstadt kurzzeitig im Dunkeln liegt.

Und dann kam der große Satz, der alles retten sollte. Wegner sagte, er glaube, die Berlinerinnen und Berliner seien erst mal froh, dass der Strom wieder da ist. Und wissen Sie was? Damit hat er sogar recht. Nichts beruhigt Menschen so sehr wie funktionierende Steckdosen. Aber die Frage ist nicht, ob der Strom wieder da ist. Die Frage ist: Wo war der Bürgermeister, als er weg war?

Ich sage nicht, dass Politiker nicht auch Menschen sind. Natürlich sind sie das. Sie brauchen Pausen. Sie brauchen Luft. Manche brauchen Kaffee. Andere Tennis. Aber der Zeitpunkt, meine Damen und Herren, der Zeitpunkt ist der wahre Gegner.

Berlin im Blackout. Und der Bürgermeister spielt Tennis. Das ist wie:
– Kapitän geht schwimmen, während das Schiff Schlagseite hat.
– Feuerwehrchef grillt, während es brennt.
– Fluglotse macht Yoga, während alle Flugzeuge kreisen.

Natürlich war Wegner erreichbar. Natürlich war das Handy an. Aber Symbolik schlägt Signalstärke. Und das Bild „Bürgermeister auf dem Tennisplatz während der Strom weg ist“ ist stärker als jedes Presse-Statement.

Ich höre schon die Verteidiger sagen: „Was soll er denn machen? Den Strom persönlich wieder einschalten?“ Nein. Aber vielleicht sichtbar da sein. Präsenz zeigen. Im Büro sitzen. In der Leitstelle stehen. Ernst gucken. Das volle Programm. Politik ist nicht nur Management – Politik ist Theater. Und diesmal war der Bürgermeister in der falschen Szene.

Und doch – und das ist das Absurde – passt es perfekt zu Berlin. Eine Stadt, in der Flughäfen zu spät kommen, Bürgerämter Termine in ferner Zukunft vergeben und Großprojekte grundsätzlich scheitern. Natürlich spielt der Bürgermeister Tennis, während der Strom ausfällt. Das ist fast schon konsequent.

Ich, Ronald Tramp, sage am Ende: Das war kein Skandal. Das war eine Berliner Kurzgeschichte. Mit Humor, mit Irritation, mit leichtem Kopfschütteln. Und mit der Erkenntnis: In dieser Stadt kann selbst ein Blackout sportlich interpretiert werden.

Matchball Berlin. Der Strom ist wieder da. Der Schläger auch. Und der Kopf? Offenbar frei.