Mehr Arbeit! Größer! Länger!

Deutscher Fleiß unter Leistungsverdacht – Friedrich Merz entdeckt das Stundenmaßband
Ich sage es, wie es ist. Viele Leute sagen es mir jeden Tag, auf der Straße, im Kopf, im Spiegel: Deutschland arbeitet nicht genug. Nicht großartig genug. Nicht episch genug. Und jetzt sagt es auch Friedrich Merz. Der Kanzler. Ein Mann mit Stirn, Stimme und Statistiken. Sehr viele Statistiken. Die besten Statistiken. Angeblich.
Neulich stand Friedrich Merz vor der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau – schon der Name klingt nach Arbeit, Schweiß und Filterkaffee – und hielt einen sogenannten „Arbeits-Appell“. Allein dieses Wort. Appell. Klingt nach Sirene, Wecker, Fabrikhalle. Und was war die Botschaft? Ganz einfach: Deutsche, ihr seid zu gemütlich. Zu wenig Malocher-Mindset. Zu viel Balance, zu wenig Wucht.
Merz sagt: „Die Arbeitsleistung unserer Volkswirtschaft ist nicht hoch genug.“ Boom. Da liegt er. Der Satz. Schwer wie ein Stahlträger. Und dann kommt natürlich der Vergleich. Immer kommt der Vergleich. Die Schweiz! Oh, die Schweiz. Neutral, reich, sauber, Uhren, Käse – und angeblich arbeiten die Menschen dort 200 Stunden mehr im Jahr. Zweihundert! Das sind fast 201! Und Merz sagt dazu sinngemäß: Es gibt keine genetischen Unterschiede. Keine. Nada. Kein deutsches Faulheitsgen. Kein schweizerisches Turbochromosom. Nur… Arbeitszeit.
Großartig. Wirklich großartig. Denn wenn man einmal anfängt, Gene auszuschließen, ist der Weg frei für alles. Für Tabellen. Für Excel. Für PowerPoint. Für das große nationale Stundenkonto.
Ich stelle mir das vor: Ein riesiger Bildschirm im Kanzleramt. „Deutschland hat heute 3,2 Millionen Stunden unter Soll gearbeitet.“ Rote Warnleuchte. Merz greift zum Mikrofon. „Liebe Bürgerinnen und Bürger, bitte bleiben Sie ruhig. Legen Sie die Yogamatten weg. Gehen Sie langsam zurück an Ihren Arbeitsplatz.“
Natürlich weiß Merz, dass das alles heikel ist. Er sagt ja selbst, er wisse, „wie anfällig für Missverständnisse solche Formulierungen sind“. Übersetzt heißt das: Beim letzten Mal gab es Ärger. Sehr viel Ärger. Twitter-Ärger. Talkshow-Ärger. Gewerkschafts-Ärger. Das volle Programm. Aber diesmal, diesmal hat er es besser verpackt. Mit Verständnis. Mit Mitgefühl. Mit dem Hinweis auf die vielen Menschen, die ja schon jetzt Überstunden machen. Sehr viele. Millionen! Die Besten!
Aber dann kommt der Hammer: Insgesamt müssten die Arbeitszeiten trotzdem steigen. Insgesamt. Dieses Wort ist gefährlich. Insgesamt heißt: Alle. Immer. Überall. Auch du. Ja, du. Selbst wenn du gerade zusammenbrichst. Insgesamt ist insgesamt.
Und während Merz die Stunden hochzählt, zählen andere etwas anderes: Burnout-Diagnosen. Rekord! Allzeithoch! Die AOK sagt: So viele ausgebrannte Menschen wie noch nie. Das ist auch eine Leistung. Muss man erstmal schaffen. Da hat Deutschland offenbar Weltklasse-Niveau. Vielleicht sogar besser als die Schweiz.
Ich sehe schon die neue Statistik: „Burnout pro Arbeitsstunde“. Da sind wir vorne. Spitzenreiter. Goldmedaille. Und niemand klatscht.
Aber Moment! Es gibt noch einen Joker im Merz-Deck. Einen richtig großen. Frauen! Genialer Move. Denn wenn man die Arbeitsleistung erhöhen will, ohne über Arbeit zu reden, redet man über Kitas. Wiedereinstieg. Betreuung. Verlässlichkeit. Und da, sagt Merz sinngemäß, ist noch viel Luft nach oben. Sehr viel Luft. Luft ist gut. Luft kann man füllen. Mit Arbeit.
Ich übersetze das frei: Liebe Mütter, liebe Familien, liebe Menschen mit Kindern – wenn ihr schneller wieder arbeitet, steigt die Statistik. Nicht das Glück. Nicht die Gesundheit. Aber die Statistik. Und Statistiken sind wichtig. Sehr wichtig. Sie stehen in Reden.
Natürlich sagt niemand: „Arbeitet euch kaputt.“ Nein, nein. Man sagt: „Mehr Leistung.“ Man sagt: „Wettbewerbsfähigkeit.“ Man sagt: „Arbeitskosten runter.“ Das klingt technokratisch, sachlich, fast sexy. Arbeitskosten runter heißt am Ende aber immer: Mensch rauf. Druck rauf. Zeit rauf. Leben… naja.
Ich als Ronald Tramp sage: Das ist großes Theater. Ein echtes Arbeitsmusical. Mit Merz als Dirigent, der vor dem Orchester steht und ruft: „Mehr Takt! Mehr Tempo! Die Schweiz spielt allegro!“
Aber niemand fragt: Was spielen wir eigentlich? Für wen? Und warum misst man ein Land wie eine Stechuhr?
Vielleicht, ganz vielleicht, ist die Frage nicht, wie lange gearbeitet wird, sondern wie sinnvoll. Wie menschlich. Wie nachhaltig. Aber das sind weiche Wörter. Die passen schlecht in Tabellen. Und Tabellen, meine Damen und Herren, lieben harte Zahlen. Stunden. Minuten. Sekunden.
Am Ende bleibt der Eindruck: Deutschland soll wieder funktionieren. Länger. Strammer. Vergleichbarer. Und wer müde ist, hat offenbar nur falsch gerechnet.
Ich sage: Großartige Debatte. Wirklich großartig. Sehr deutsch. Sehr effizient. Sehr erschöpfend.


