Nein, doch, oh! – Die Nation der maximal Beschäftigten und minimal Überzeugten

Grafik: Also faul? Wir? Ganz sicher nicht.

Ein schonungslos ehrlicher Arbeitsmarktbericht aus dem Maschinenraum der Selbstwahrnehmung von Ronald Tramp

Es gibt diese wunderbaren Momente, in denen ein Land kollektiv in den Spiegel schaut – und dann sagt: „Also faul? Wir? Ganz sicher nicht.“ Und genau so ein Moment ist jetzt. Drei Viertel der Deutschen sagen klipp und klar: Der Vorwurf, man arbeite hierzulande zu wenig, ist schlicht eine Unverschämtheit. Eine Frechheit. Eine Beleidigung der gesamten Kaffeepausenkultur. Nur ein Fünftel sagt: Ja, vielleicht stimmt da was. Der Rest winkt ab – energisch, aber bitte ohne Überstunden.

Das ist großartig. Wirklich großartig. Denn nichts vereint eine Nation so sehr wie das gemeinsame Gefühl, missverstanden zu werden. Besonders dann, wenn man gerade keine Zeit hat, das Missverständnis aufzuklären – man arbeitet ja.

Gleichzeitig wird es spannend. Denn sobald man fragt, ob mehr Arbeit insgesamt gut für die Wirtschaft wäre, teilt sich das Land in zwei fast identische Hälften. Die eine sagt: Ja, mehr Arbeit wäre wichtig. Die andere sagt: Naja. Oder eher: Nein. Oder vielleicht: Kommt drauf an, wer arbeitet. Und wann. Und wie lange. Und warum.

Das ist kein Widerspruch. Das ist deutsche Präzision. Man ist nicht faul, aber man ist auch nicht begeistert. Man arbeitet gern, aber bitte nicht mehr. Man will Wachstum, aber nicht persönlich. Wachstum soll stattfinden – irgendwo. Abstrakt. Möglichst im Ausland.

Die Deutschen haben ein besonderes Talent: Sie können gleichzeitig überzeugt sein, genug zu arbeiten, und skeptisch, ob mehr Arbeit sinnvoll ist. Das ist wie zu sagen: „Ich laufe Marathon – aber Rennen halte ich für überbewertet.“

Und dann kommen wir zu den Sozialversicherungen. Ein echtes Wohlfühlthema. Nur neun Prozent sagen: Alles gut. Neun! Das ist keine Mehrheit, das ist ein Restbestand. Die große Masse sagt: Es gibt Probleme. Große Probleme. Und fast ein Drittel sagt sogar: Das Ding steht kurz vor dem Zusammenbruch. Kurz davor! Also quasi schon mit einem Fuß im Formularstapel des Untergangs.

Und jetzt wird es richtig schön. Denn bei der Frage nach der Lösung dieser Finanzierungsprobleme zeigt sich die wahre Kreativität des Landes. Die Mehrheit sagt: Mehr Steuergeld. Natürlich. Was sonst? Steuergeld ist das Schweizer Taschenmesser der Politik. Es passt immer. Es tut nicht weh. Es kommt von irgendwo. Irgendwer zahlt es. Wahrscheinlich jemand anderes.

Leistungskürzungen? Nur eine kleine Minderheit findet das charmant. Beitragserhöhungen? Noch weniger. Das ist verständlich. Niemand möchte weniger bekommen. Niemand möchte mehr zahlen. Aber alle möchten, dass es weiterläuft. Stabil. Sicher. Am besten wie bisher – nur billiger.

Das ist keine Doppelmoral. Das ist Systemvertrauen. Ein tiefes, beinahe romantisches Vertrauen darin, dass der Staat das schon irgendwie regelt. Mit Geld. Viel Geld. Am besten neu gedruckt, frisch und ohne persönliche Beteiligung.

Was wir hier sehen, ist ein Land, das sehr genau weiß, was es nicht will. Nicht faul genannt werden. Nicht mehr arbeiten. Nicht weniger bekommen. Nicht mehr zahlen. Aber bitte weiterhin volle Leistungen, stabile Systeme und wirtschaftlichen Erfolg. Das ist kein Anspruchsdenken – das ist Optimismus mit Bedingungen.

Ich finde das herrlich. Denn es zeigt: Die Deutschen sind keine Faulenzer. Sie sind Effizienz-Realisten. Sie arbeiten viel, aber nicht aus Spaß. Sie arbeiten solide, aber nicht ideologisch. Und sie lassen sich ungern sagen, sie müssten mehr tun – vor allem von Leuten, die das meistens vormittags sagen.

Mein persönlicher Lieblingsaspekt ist dieser Satz, der über allem schwebt: „Wir arbeiten genug.“ Das ist kein Argument. Das ist ein Glaubenssatz. Ein nationales Mantra. Gesprochen mit dem Selbstbewusstsein eines Landes, das Excel beherrscht und weiß, wie man Termine verschiebt.

Und trotzdem: Wenn die Systeme wackeln, wenn die Zahlen rot werden, wenn die Kassen leerer klingen – dann schaut man nicht auf die Arbeitszeit, sondern auf den Staat. Der Staat soll helfen. Der Staat soll zahlen. Der Staat soll bitte alles regeln, aber möglichst leise und ohne Reformdebatte.


Die Deutschen sind nicht faul. Sie sind strategisch ausgelastet. Sie wollen arbeiten, aber nicht mehr. Sie wollen Sicherheit, aber ohne Opfer. Sie wollen Lösungen, aber bitte nicht persönlich.

Das ist keine Krise. Das ist ein Balanceakt. Ein sehr deutscher Balanceakt.
Zwischen „Wir machen genug“ und „Da muss jemand was tun“.

Und solange sich alle einig sind, dass es nicht an ihnen liegt,
kann das Land ganz beruhigt weiterarbeiten.
So wie bisher.
Mit Überzeugung.
Und Pausen.