Ohne Helm, ohne Geld

Grafik: Wie Deutschland den Kopf zur Haftungszone erklärt

Wie Deutschland den Kopf zur Haftungszone erklärt

Meine Damen und Herren, liebe Radfahrer, E-Bike-Piloten, Stadtradler mit Einkaufskorb und Menschen, die glauben, ihr Kopf sei serienmäßig ausreichend gepolstert:
Es ist wieder so weit. Deutschland denkt nach. Und wenn Deutschland denkt, wird irgendwo ein Formular geboren.

Diesmal geht es um eine bahnbrechende, revolutionäre, geradezu hirnerschütternde Idee: Wer ohne Helm Fahrrad fährt und verletzt wird, soll weniger Schmerzensgeld bekommen. Nicht weil er Schuld hat. Nicht weil er falsch gefahren ist. Sondern weil er seinen Kopf offen mitgebracht hat. Ungeschützt. Wie ein Cabrio im Hagel.

Ein Juraprofessor, Präsident eines Verkehrsgerichtstages – allein diese Kombination klingt schon nach Spaßbremse auf Steroiden – sagt: Ja. Weniger Geld. Denn der Helm hätte ja helfen können. Vielleicht. Eventuell. Theoretisch. In einer Parallelwelt mit perfekten Bedingungen und rückwirkender Logik.

Das Ganze beruft sich auf ein Urteil aus Österreich. Österreich! Das Land der Berge, der Kühe, der klaren Luft – und jetzt offenbar auch der klaren Schuldverteilung nach Kopfbedeckung. Ein E-Bike-Fahrer wird an einer Tankstelle von einem Auto angefahren. Klassischer Fall, würde man denken: Auto böse, Fahrrad aua. Aber nein! Twist! Der Helm fehlte. Zack. Mitverschulden. Willkommen im Club.

Die Begründung ist genial. Wirklich genial. Sie lautet sinngemäß: E-Bikes sind gefährlich. Das weiß man. Helme sind wichtig. Das weiß man auch. Also: Selbst schuld. Logik wie aus dem Lehrbuch „Wie argumentiere ich mir alles zurecht“.

Ich sage: Das ist erst der Anfang. Heute Helm. Morgen Knie. Übermorgen Ellenbogen. Bald wird geprüft, ob der Radfahrer vor der Fahrt ausreichend geschlafen, genug getrunken und emotional stabil war. Kein Yoga vor der Tour? Leider nur 30 % Schmerzensgeld.

Denn plötzlich ist der menschliche Körper nicht mehr schützenswert, sondern verhandlungsoffen. Der Kopf wird zur Risikozone. Wer ihn nicht extra verpackt, verliert Ansprüche. Ich sehe die Zukunft klar vor mir: Bei Unfällen wird zuerst der Helm geprüft. Dann der Schaden. Dann der Kontostand.

Und was ist mit Autofahrern? Keine Sorge. Für sie gilt weiterhin: Sitz, Lenkrad, Leben – alles okay. Niemand fragt, ob der Autofahrer einen Helm trug. Niemand fragt, ob er emotional vorbereitet war. Der Helm ist offenbar exklusiv ein moralisches Kleidungsstück für Radfahrer.

Besonders schön finde ich das Argument, dass die Gefahren von E-Bikes „gesellschaftlich verankert“ seien. Gesellschaftlich verankert! Ich wusste gar nicht, dass Gefahren jetzt kulturelles Allgemeingut sind. Bald heißt es: „Dass Autos schnell fahren, ist gesellschaftlich bekannt – wer ohne Panzer unterwegs ist, trägt Mitverantwortung.“

Und dann dieser feine Unterschied: Für Verletzungen, die durch einen Helm hätten vermieden werden können, gibt es kein Geld. Das klingt logisch. Ist es aber nur so lange, bis man darüber nachdenkt, wer das entscheidet. Spoiler: Menschen mit Tabellen.

Der Richter wird dann sagen: „Diese Gehirnerschütterung – Helm hätte geholfen. Diese Schramme – egal. Dieses Trauma – unklar. Diese Lebensangst – nicht abrechenbar.“ Willkommen im Helm-Kalkulationsmodell.

Ich frage mich: Was passiert, wenn jemand zwar einen Helm trägt, aber den falschen? Farbe nicht korrekt? Zertifizierung abgelaufen? Design zu modisch? Dann gibt’s vielleicht nur 70 %. Sicherheit mit Stilabzug.

Und was ist mit Fußgängern? Ohne Helm unterwegs. Gefährlich. Sehr gefährlich. Sollten die künftig auch weniger Schmerzensgeld bekommen? Ich meine: Die gesellschaftliche Kenntnis, dass Gehwege rutschig sein können, ist ja wohl allgemein bekannt.

Ronald Tramps Vorschlag: Wenn wir schon dabei sind, ziehen wir es durch. Helmpflicht für alle. Radfahrer. Autofahrer. Jogger. Politiker. Journalisten. Richter. Am besten auch im Bett – man weiß ja nie.

Denn das Prinzip ist klar: Wer sich nicht maximal gegen alles absichert, hat moralisch verloren. Eigenverantwortung wird zur finanziellen Variable. Der Helm ist nicht mehr Schutz – er ist Beweisstück.

Ich sehe schon die Schlagzeilen: „Radfahrer trug Helm, aber nicht geschlossen – Schmerzensgeld halbiert.“ Oder: „Helm korrekt, aber innerlich zu sorglos – Mitverschulden.“

Das alles klingt absurd. Ist es auch. Aber genau deshalb passt es perfekt. Denn wir leben in einer Zeit, in der der Schaden nicht mehr entscheidend ist – sondern die Vorbereitung auf den Schaden.

Ohne Helm?
Ohne Geld.
Mit Helm?
Vielleicht.

Fahren Sie vorsichtig. Denken Sie an Ihren Kopf.
Und vor allem: Denken Sie daran, wer ihn später bewertet.