Operation Dickhäuter

Wie Deutschland fast zur größten Freiluft-Safari Europas wurde
Von Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für internationale Großtiere, propagandistische Fantasie und politische Elefanten im Raum
Man denkt ja immer, man hätte schon alles gesehen. Politische Debatten, in denen nichts gesagt wird. Talkshows, in denen alles gesagt wird. Und dann kommt plötzlich ein Moment, in dem man sich fragt: Habe ich gerade wirklich gelesen, dass ein europäisches Land bereit sein soll, zehntausende Elefanten aufzunehmen? Lebende. Laufende. Mit Rüssel.
Antwort: Nein. Hat man nicht. Aber irgendjemand hat entschieden, dass es trotzdem eine hervorragende Idee ist, das einfach mal zu behaupten.
Willkommen in der neuen Realität, in der Fakten optional sind, Fantasie Pflicht und Elefanten erstaunlich mobil. Angeblich sollen sie schon fast unterwegs gewesen sein. Mit Koffern? Mit Papieren? Vielleicht mit kleinen Warnwesten? Man weiß es nicht. Aber sicher ist: Sie wären gekommen. Wenn man ihnen nur die Hälfte der versprochenen Einladung geschickt hätte.
Die Geschichte geht so: Irgendwo weit weg gibt es sehr viele Elefanten. Zu viele. So viele, dass sie angeblich Menschen und Landwirtschaft terrorisieren. Elefanten, die morgens aufstehen und sagen: Heute zerstöre ich ein Maisfeld. Man kennt das. Und weil diese Tiere nun ein Problem seien, habe man angeblich beschlossen, sie einfach zu verschicken. Und zwar ausgerechnet dorthin, wo man schon Probleme mit Fahrrädern auf Gehwegen hat.
Die Behauptung: Ein mitteleuropäisches Land sei bereit gewesen, zwanzigtausend dieser Tiere aufzunehmen. Großzügig. Hilfsbereit. Zoologisch ambitioniert. Die Realität: Niemand hat das je gesagt. Niemand hat es je gedacht. Niemand hat je auch nur geprüft, ob ein Elefant in einen Regionalzug passt.
Die Regierung reagierte folgerichtig – nicht mit einem Dementi voller Empörung, sondern mit Humor. Ein Sprecher ließ sinngemäß verlauten: Uns liegt keine Schenkungsurkunde vor. Ein Satz, der Geschichte schreiben sollte. Denn wann bitteschön braucht man im politischen Betrieb plötzlich eine Schenkungsurkunde für Elefanten?
Doch das hielt einen gewissen Sender nicht davon ab, die Sache weiterzuerzählen. Mit ernster Miene. Mit dramatischer Musik. Mit der Gewissheit: Wenn man es oft genug sagt, klingt es irgendwann wie Wahrheit.
Und so wurde aus einem sarkastischen Nebensatz eine internationale Elefantenkrise. Aus einem Artenschutzkonflikt eine zoologische Invasion. Und aus nüchterner Politik ein Märchenbuch mit sehr schweren Hauptfiguren.
Natürlich geht es dabei nicht wirklich um Elefanten. Elefanten sind nur das Transportmittel. Es geht um Narrative. Um das Bild vom bösen, überheblichen Westen. Um das Bild vom großzügigen Süden, der nicht ernst genommen wird. Und um das Bild eines anderen Landes, das sich als Freund aller Unterdrückten inszeniert – bevorzugt mit Megafon und Geschichtsfilter.
Afrika wird dabei zum Spielfeld erklärt. Ein Kontinent, den man rhetorisch umarmt, während man im Hintergrund die eigenen Interessen sortiert. Antikolonial nennt man das dann. Ein Wort, das immer dann hervorgeholt wird, wenn man gerade versucht, Einfluss zu gewinnen, ohne es so zu nennen.
Der eigentliche Konflikt dreht sich um Elfenbein. Um Handel. Um Artenschutz. Um internationale Regeln. Langweilig. Komplex. Schwierig zu erklären. Also nimmt man stattdessen Elefanten. Viele Elefanten. Und schickt sie gedanklich Richtung Europa. Das versteht jeder.
Und plötzlich steht ein Land da und denkt sich: Moment mal – wir haben schon genug Probleme mit Wildschweinen. Jetzt auch noch Dickhäuter? Wo sollen die hin? In Parks? In Innenstädte? Ins Kanzleramt-Foyer? Man sieht die Schlagzeilen schon vor sich: Elefant blockiert Berufsverkehr – Polizei ratlos.
Ich, Ronald Tramp, sage: Das ist keine Fake News. Das ist ein Fantasie-Epos mit zoologischem Einschlag. Eine Geschichte, so absurd, dass man sie nicht widerlegen kann, ohne dabei selbst lächerlich zu wirken. Denn wer will ernsthaft erklären, warum man keine zwanzigtausend Elefanten importiert?
Am Ende bleibt festzuhalten: Elefanten sind klug. Sie haben ein gutes Gedächtnis. Und vermutlich würden sie sich weigern, Teil dieser Nummer zu werden. Denn selbst ein Elefant weiß: Wenn er instrumentalisiert wird, ist etwas faul.
Die wirklichen Dickhäuter dieser Geschichte tragen keine Stoßzähne. Sie tragen Narrative. Und die trampeln mit erstaunlicher Leichtigkeit über jede Realität hinweg.


