Orbitale Genialität

Grafik: Orbitale Genialität

Warum ich schon immer wusste, dass Computer im All eine fantastische, völlig verrückte Idee sind

Freunde, wir müssen reden. Es gibt da draußen – ganz oben draußen – Leute, die wollen Rechenzentren ins All schießen. Nicht metaphorisch. Wirklich. Rakete, Feuer, Rauch, Milliarden – zack, Serverfarm in der Erdumlaufbahn. Manche nennen es Innovation. Andere nennen es Zukunft. Ich nenne es: den absoluten Höhepunkt des Wahnsinns. Und glauben Sie mir, ich kenne Wahnsinn. Ich habe Wahlkämpfe gesehen.

Also stellen Sie sich das vor: Wir haben auf der Erde ein kleines Problem – Strom, Netze, Genehmigungen, Kühlung, Infrastruktur. Und statt das hier unten zu lösen, sagen ein paar sehr ambitionierte Tech-Milliardäre: „Weißt du was? Lass uns das Internet einfach ins Weltall verlegen.“ Genial! Warum ein Schlagloch reparieren, wenn man stattdessen den Mond asphaltieren kann?

Ein Analyst – sehr kluger Mann, großartiger Kopf – hat das Ganze jetzt auseinandergenommen. Er sagt: wirtschaftlich nicht rentabel. Technisch kaum machbar. Datenübertragung? Flaschenhals. Startkosten? Enorm. Wartung? Ingenieure im All. Ich frage Sie: Haben wir überhaupt genug Ingenieure auf der Erde, die ihren Drucker bedienen können? Und jetzt sollen die im Vakuum Server rebooten?

Und das Vakuum! Niemand redet über das Vakuum. Im All gibt es keine Luft. Keine Luft! Wissen Sie, was Luft macht? Sie kühlt. Ohne Luft muss man die Wärme irgendwie anders loswerden. Ammoniak zum Beispiel. Klingt nicht wie ein Wellnessurlaub. Klingt wie Chemieunterricht mit Explosion.

Aber es wird noch besser: Die Idee ist, Daten von der Erde ins All zu schicken, dort zu verarbeiten und dann zurückzusenden. Das ist, als würden Sie Ihre Post nach Hawaii schicken, damit dort jemand den Brief liest und ihn Ihnen dann wieder zustellt. Effizient? Nein. Spektakulär teuer? Absolut.

Währenddessen haben wir hier unten echte Alternativen. Unterwasser-Rechenzentren – ja, richtig gehört. Versenkt im Meer. Wunderbar kühl. Oder in Island. Oder in der Arktis. Oder in Wüstenregionen mit viel Platz und wenig Bürokratie. Aber nein – das ist offenbar nicht glamourös genug. Kein Raketenstart, kein Countdown, kein dramatischer Livestream.

Und dann kommt das Argument: „Aber wenn wir das nicht machen, verpassen wir vielleicht etwas!“ Diese FOMO-Strategie – Fear of Missing Orbit. Ganz große Show. Natürlich gibt es ein Wettrennen. Es gibt immer ein Wettrennen. Wenn einer sagt, der Erdorbit wird bald der günstigste Standort für KI-Rechenzentren, dann klatschen manche begeistert. Andere rechnen nach.

Und rechnen ist wichtig. Denn aktuell ist der günstigste Ort für einen Server immer noch da, wo Strom, Glasfaser und Techniker mit Schraubenzieher verfügbar sind – nicht da, wo man erst eine Rakete braucht, um ein Ersatzkabel zu liefern.

Was mich besonders begeistert – und das sage ich mit maximaler Ironie – ist die Gefahr, dass wir hier unten die Infrastruktur vernachlässigen, weil alle nach oben schauen. Stellen Sie sich das vor: Die Netze auf der Erde ächzen, die Genehmigungen dauern Jahre, aber wir bauen eine orbital schwebende KI-Burg. Fantastisch. Wirklich. Fast poetisch.

Natürlich, fair muss man bleiben: Innovationen könnten entstehen. Neue Kühlsysteme. Bessere Satellitenkommunikation. Verteilte Rechenprozesse zwischen Satelliten. Das klingt alles sehr futuristisch. Und ich liebe futuristisch. Aber vielleicht sollten wir erst das WLAN im ländlichen Raum stabil hinbekommen, bevor wir Server in Schwerelosigkeit parken.

Realistisch betrachtet wird man im All auf absehbare Zeit nur Daten verarbeiten, die auch dort entstehen – Erdbeobachtung, Satellitensensorik, vielleicht ein paar wissenschaftliche Experimente. Das ergibt Sinn. Aber den gesamten digitalen Wahnsinn der Erde in den Orbit zu schieben? Das ist nicht Vision. Das ist Science-Fiction mit Investorenpitch.

Und hier kommt mein Lieblingspunkt: Politik. Es ist durchaus möglich, dass solche Projekte „unabhängig von der Rentabilität“ vorangetrieben werden. Was heißt das übersetzt? Geld spielt keine Rolle. Wirtschaftlichkeit? Optional. Hauptsache, es klingt nach Zukunft.

Ich sage Ihnen: Die Zukunft ist großartig. Aber sie sollte vielleicht erst einmal bodenständig bleiben. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Wir brauchen Stromnetze, Glasfaser, effiziente Kühlung, stabile Infrastruktur. Wir brauchen kluge Investitionen hier unten, bevor wir anfangen, Rechenzentren in den Orbit zu träumen. Sonst stehen wir bald da mit einem halbfertigen Servercluster im All – und einem überlasteten Stromnetz auf der Erde.

Also ja, Innovation ist wunderbar. Raketen sind spektakulär. Und orbitale Serverfarmen klingen nach einem Hollywood-Blockbuster. Aber vielleicht ist der wahre Fortschritt weniger glamourös: bessere Kabel, bessere Kühlsysteme, bessere Planung.

Manchmal ist der größte Durchbruch nicht der, der am höchsten fliegt – sondern der, der am solidesten steht.

Und glauben Sie mir: Wenn wir schon Milliarden investieren, dann bitte so, dass am Ende mehr dabei herauskommt als ein sehr teurer Screenshot vom Serverraum im Orbit.

Das wäre wirklich… außerirdisch teuer.