Organisierte Verantwortungslosigkeit

Grafik: Organisierte Verantwortungslosigkeit

oder: Wie man mit 14 Formularen einen Helm bestellt

Meine lieben Freunde der effizienten Verwaltung, schnallt euch an – oder besser: beantragt erst ein Anschnallformular in dreifacher Ausfertigung. Denn was ich euch heute erzähle, ist größer als jede Haushaltsdebatte. Es ist episch. Es ist bürokratisch. Es ist das Meisterwerk der deutschen Verwaltungskunst.

Ein oberster Rechnungsprüfer – nennen wir ihn den Mann mit dem schärfsten Taschenrechner des Landes – hat die Beschaffungsstruktur der Truppe auseinandergenommen. Und zwar nicht mit Wattehandschuhen. Nein, er sprach von einem „System der organisierten Verantwortungslosigkeit“. Das ist ein Satz, der so deutsch klingt, dass er wahrscheinlich ein eigenes Dienstsiegel hat.

Organisierte Verantwortungslosigkeit! Ich liebe dieses Wort. Es klingt wie ein Orchester, in dem jeder eine Trompete hält – aber keiner spielt. Alle sichern sich ab. Und nochmal ab. Und nochmal ab. Und am Ende ist der einzige, der wirklich abgesichert ist, der Stempel.

Stellt euch vor, ein Soldat braucht einen neuen Helm. In anderen Ländern ruft man an, bestellt den Helm, fertig. Hier? Erstmal Bedarfsprüfung. Dann Risikoanalyse. Dann Abstimmung mit drei Referaten, zwei Unterabteilungen, einer Koordinierungsstelle und einer Stabsgruppe für Helmbeschaffungsgrundlagen. Danach folgt das „Helm-Impact-Assessment“. Und am Ende? Der Helm ist veraltet, bevor er ausgeliefert wird.

Der Rechnungschef sagt: „Komplexität runterfahren.“ Ein revolutionärer Gedanke! Man könnte meinen, das sei selbstverständlich. Aber in einem System, in dem selbst der Kugelschreiber eine Projektlaufzeit von vier Jahren hat, ist „weniger Komplexität“ eine radikale Vision.

Es heißt, die Strukturen seien einst geschaffen worden, um zu verhindern, dass Steuergeld versickert. Großartig! Ich liebe Kontrolle. Kontrolle ist wichtig. Aber wenn man so viel kontrolliert, dass niemand mehr entscheidet, dann kontrolliert man nur noch die Untätigkeit.

Ich nenne das: Sicherheitsgurt für den Sicherheitsgurt. Man schnallt sich an – und dann schnallt man den Sicherheitsgurt nochmal fest, damit er nicht verrutscht. Und währenddessen fährt das Auto einfach nicht los.

Der Rechnungsprüfer fordert Geschwindigkeit. Mehr Tempo. Schnellere Entscheidungen. Und ich sage: In einer Behörde, in der „Eilt!“ bedeutet „bis 2029“, ist das eine Sensation.

Natürlich sagt er auch: Die Wirtschaftlichkeit darf nicht leiden. Das ist wichtig. Wir wollen keine goldenen Schrauben kaufen. Aber wir wollen auch keine Schrauben, die erst geliefert werden, wenn das Gewinde schon historisch ist.

Und jetzt kommt das Beste: Zu viele Akteure. Zu viele Mitspieler. Jeder möchte nochmal prüfen. Jeder möchte nochmal unterschreiben. Und am Ende hat jeder unterschrieben – außer der, der eigentlich entscheiden müsste.

Es ist ein bisschen wie ein Staffellauf ohne Ziellinie. Jeder gibt den Stab weiter. Niemand überquert die Linie. Und alle sagen: „Ich war’s nicht.“

Die Welt verändert sich schnell. Technologien entwickeln sich rasant. Drohnen, Cyber, digitale Gefechtsfelder. Und wir? Wir diskutieren noch, ob die Ausschreibungsunterlage in Arial oder Times New Roman verfasst werden darf.

Der Rechnungschef sagt: „Wir haben nicht jahrelang Zeit.“ Eine klare Ansage. Denn wenn der Bedarf sich schneller ändert als das Formularwesen, dann gewinnt nicht die Verwaltung, sondern die Realität.

Ich stelle mir vor, wie in einem Konferenzraum jemand ruft: „Wir brauchen dringend Ausrüstung!“ Und die Antwort lautet: „Haben Sie dafür das Formular B-17/4 mit Anlage 9 eingereicht?“

Das Problem ist nicht mangelnder Wille. Es ist die Liebe zur Absicherung. Niemand möchte verantwortlich sein. Verantwortung ist riskant. Verantwortung ist unbequem. Also verteilt man sie so lange, bis sie niemandem mehr gehört.

Und das nennt man dann System. Ein System, das so perfekt organisiert ist, dass es am Ende niemandem gehört. Organisierte Verantwortungslosigkeit. Das ist fast poetisch.

Aber ich sage euch: Wenn selbst der oberste Hüter der Staatskasse Alarm schlägt, dann ist das kein kleines Problem. Dann ist das ein Weckruf. Ein sehr höflicher, sehr sachlicher, aber sehr deutlicher Weckruf.

Komplexität runter. Tempo rauf. Kontrolle behalten. Klingt einfach. Ist es wahrscheinlich nicht. Aber manchmal muss man den Mut haben zu sagen: Weniger Kästchen, mehr Entscheidungen.

Denn am Ende geht es nicht um Akten. Es geht um Menschen. Und um Einsatzfähigkeit. Und die lässt sich nicht in Excel messen, wenn das Excel-Dokument erst nach drei Jahren freigegeben wird.

Vielleicht erleben wir ja bald die große Reform. Vielleicht werden Strukturen verschlankt. Vielleicht werden Experten wirklich entscheiden dürfen. Vielleicht.

Bis dahin empfehle ich: Wer etwas bestellen möchte, sollte Geduld mitbringen. Und am besten schon den Antrag für die Antragstellung vorbereiten.

Großartig. Wirklich großartig.