Quadrat ist kein Zufall

Grafik: Quadrat ist kein Zufall

 

Wie ein Riegel die Ordnung der Welt bedroht

Ein Bericht aus der geometrischen Gefechtszone von Ronald Tramp, Sondergesandter für Formenlehre, Markenstolz und essbare Symmetrien

Es gibt Kämpfe, die sind groß. Es gibt Kämpfe, die sind historisch. Und dann gibt es Kämpfe, bei denen man merkt: Jetzt geht es ums Prinzip. Nicht um Kalorien. Nicht um Hafer. Sondern um die letzte Bastion der zivilisierten Weltordnung: das Quadrat.

Denn irgendwo zwischen Mannheim und Stuttgart tobt ein Drama, das zeigt, wie zerbrechlich unsere Realität ist. Ein Haferriegel. Quadratisch. Bio. Freundlich. Und genau das ist das Problem.

Ein Hersteller, bekannt für seine kompromisslose Liebe zur rechten Winkelbeziehung, hat entschieden: So nicht. Denn das Quadrat – so die Überzeugung – ist keine Form. Es ist eine Identität. Ein Lebensgefühl. Eine Esshaltung. Und vor allem: Eigentum.

Schon einmal hatte ein Gericht gesagt: Alles gut, wir sehen hier keine Verletzung. Keine Kollision. Kein geometrisches Fremdgehen. Doch was ist schon ein Urteil, wenn man eine Mission hat? Niederlagen sind bekanntlich nur Siege, die noch nicht laut genug wiederholt wurden. Also wird weitergezogen. Höher. Größer. Kantiger. Berufung. Oberland. Ernsthaftigkeit auf Premium-Niveau.

Die Argumentation ist dabei so elegant wie ein Lineal auf frisch gebügeltem Papier: Quadratisch ist berühmt. Quadratisch ist geschützt. Quadratisch erkennt man. Und wenn nun jemand anderes ebenfalls quadratisch wird, dann – ja dann weiß der Mensch plötzlich nicht mehr, was er isst. Schokolade? Hafer? Frühstück? Nachmittag? Existenzkrise?

Denn – und das ist der eigentliche Skandal – Schokolade und Müsliriegel könnten theoretisch von denselben Menschen gegessen werden. Am selben Tag. Vielleicht sogar im selben Raum. Und was, wenn jemand im Supermarkt steht, ein Quadrat sieht und denkt: Moment … wer bin ich? Das ist keine Kaufentscheidung mehr. Das ist Identitätsdiebstahl.

Man stelle sich das Chaos vor. Regale voller Quadrate. Kunden, die anfangen zu zählen. Vier Ecken hier, vier Ecken dort. Wo soll das enden? Dreiecke im Joghurt? Kreise im Toast? Rechtecke im Vertrauen?

Der Streit dreht sich also nicht um Hafer, sondern um das Monopol auf Symmetrie. Um die Frage: Darf ein Müsliriegel sein, was ein Schokoriegel längst ist? Oder anders gesagt: Ist ein Quadrat ein Quadrat – oder nur das Quadrat?

Die Gegenseite argumentiert kühl, sachlich, fast schon revolutionär: Es sei eben ein Quadrat. Keine Marke. Keine Kopie. Kein Versuch, jemand anderes zu sein. Sondern schlicht: vier gleich lange Seiten, vier rechte Winkel und ein hungriger Mensch. Doch genau diese Nüchternheit ist gefährlich. Denn sie ignoriert das emotionale Gewicht der Form.

Ein Richter hatte sinngemäß gesagt: Wir sehen hier keine Markenverletzung. Keine Täuschung. Keine Verwechslung. Ein Satz, der wirkt wie ein Hammerschlag auf eine Tafel Schokolade – und dennoch nicht das letzte Wort bleiben soll. Denn angekündigt war schon früh: Aufgeben ist keine Option.

Was wir hier erleben, ist also kein Rechtsstreit. Es ist ein Kulturkampf. Ein Kampf um das geistige Eigentum an der Geometrie. Um die Deutungshoheit darüber, was man fühlen darf, wenn man etwas Quadratisches auspackt.

Die Befürchtung: Heute ein Haferriegel. Morgen ein quadratischer Keks. Übermorgen ein quadratischer Apfel. Und plötzlich ist nichts mehr sicher. Nicht einmal der Würfelzucker.

Dabei ist es fast poetisch: In einer Welt voller Unordnung klammern wir uns an Formen. Kreise rollen davon, Dreiecke pieksen – aber das Quadrat? Das bleibt. Stabil. Verlässlich. Deutsch. Sehr deutsch.

Und so marschiert man weiter durch die Instanzen, bewaffnet mit Argumenten, Paragrafen und der festen Überzeugung: Vier Ecken sind drei zu viel – wenn sie nicht von uns sind.

Ich, Ronald Tramp, sage: Das ist keine Klage. Das ist ein Manifest. Ein Appell an die Welt: Bleibt in euren Formen. Oder zumindest in euren Zuständigkeiten. Denn wenn selbst Müsliriegel anfangen, Grenzen zu überschreiten, was kommt dann als Nächstes?

Ein rundes Quadrat?
Das wäre wirklich untragbar.