Regieren mit Gesicht

Grafik: Wem gehört ein Gesicht?

 

Wenn die Sonne plötzlich klagt

Von Ronald Tramp, Sonderbeauftragter für künstliche Intelligenz, natürliche Empörung und staatlich lizenzierte Wangenknochen

Es gibt Länder, die setzen auf Reformen. Andere setzen auf Digitalisierung. Und dann gibt es Länder, die sagen: Warum nicht beides – und zwar mit einem perfekten Gesicht?

Willkommen in der neuen Ära der Politik. Keine Ministerin aus Fleisch und Blut, sondern eine Ministerin aus Code und Kamera. Eine KI. Ein Chatbot. Eine digitale Sonne, die über Ausschreibungen wacht, Korruption vertreibt und vermutlich nie krank wird. Effizient. Neutral. Unbestechlich. Und vor allem: fotogen.

Denn auch eine künstliche Intelligenz braucht ein Gesicht. Niemand will mit einem grauen Kreis sprechen, der „Ich analysiere Ihre Anfrage“ blinkt. Nein. Man will Vertrauen. Symmetrie. Vielleicht sogar ein Lächeln. Und genau hier beginnt das Drama.

Die Gesichtszüge der digitalen Ministerin sollen auffallend vertraut wirken. Zu vertraut. Denn eine bekannte Schauspielerin erkennt sich wieder. In der Stirn. Im Blick. In der Art, wie die Sonne der Zukunft die Kamera anschaut. Nur hat sie nie zugesagt, Ministerin zu werden. Schon gar nicht als Download-Version.

Jetzt steht die Frage im Raum, die größer ist als jede Regierungskoalition: Wem gehört ein Gesicht?

Früher war das einfach. Dein Gesicht war dein Gesicht. Heute ist dein Gesicht ein Datensatz. Ein Trainingsmaterial. Eine Inspiration. Eine „ähnliche, aber nicht identische“ Darstellung. Und plötzlich sitzt eine digitale Ministerin in einem Büro, das nur aus Servern besteht, und schaut aus wie du.

Die Schauspielerin sagt: Das geht zu weit. Meine Identität wird genutzt. Meine Züge. Mein Ausdruck. Und das nicht für einen Film. Nicht für eine Rolle. Sondern für eine staatliche Figur, die Korruption bekämpfen soll. Das klingt zwar ehrenhaft – aber auch ein bisschen nach Casting ohne Vertrag.

Die Regierung wiederum schweigt. Vielleicht, weil sie denkt: Es ist doch nur ein Algorithmus. Es ist doch nur eine Ähnlichkeit. Es ist doch nur Technologie. Aber wir wissen alle: Wenn „nur“ vor einem Satz steht, wird es ernst.

Ich, Ronald Tramp, sage: Das ist die nächste Stufe der Politik. Früher hatten wir Politiker mit Charisma. Dann hatten wir Politiker mit Social Media. Jetzt haben wir Politiker mit Pixeln.

Eine KI-Ministerin hat Vorteile. Sie wird nie müde. Sie verhaspelt sich nicht. Sie hat keinen schlechten Tag. Und sie nimmt keine Bestechungsgelder an – es sei denn, jemand programmiert sie falsch.

Aber ein Gesicht? Ein echtes Gesicht? Das ist heikel. Ein Gesicht ist mehr als eine Grafik. Es ist Geschichte. Karriere. Persönlichkeit. Und wenn dieses Gesicht plötzlich staatliche Botschaften verkündet, ohne dass die Besitzerin zustimmt, wird aus Innovation schnell Identitätsfrage.

Die Schauspielerin wollte offenbar eine gütliche Einigung. Ein Gespräch. Ein Kompromiss. Vielleicht ein neues Gesicht für die Sonne. Aber keine Antwort. Also bleibt nur der Weg vor Gericht. Mensch gegen Maschine. Persönlichkeit gegen Plattform.

Das Absurde daran: Die KI wurde eingeführt, um Vetternwirtschaft zu bekämpfen. Und jetzt kämpft sie gegen eine Klage wegen Gesichtsnutzung. Das ist wie ein Feuerwehrroboter, der wegen Brandstiftung verklagt wird.

Man stelle sich vor, wie die Verhandlung abläuft. Auf der einen Seite die Schauspielerin. Auf der anderen Seite die Regierung. Und irgendwo dazwischen ein Bildschirm, auf dem die KI-Ministerin freundlich lächelt und sagt: „Ich analysiere den Konflikt.“

Vielleicht ist das die Zukunft: Politiker ohne Körper, aber mit borrowed cheekbones. Regierungen, die sagen: Wir haben Transparenz – und ein schönes Profil dazu.

Doch eines ist klar: Technologie darf vieles. Aber sie darf nicht einfach Gesichter klonen wie Presets in einer Foto-App. Ein Gesicht ist keine Schriftart, die man austauscht, wenn sie gerade passt.

Ich frage mich, was als Nächstes kommt. Eine KI-Bürgermeisterin mit dem Lächeln einer Sängerin? Ein digitaler Präsident mit den Augen eines Models? Oder ein Avatar-Parlament, das aussieht wie die Gewinner einer Reality-Show?

Vielleicht braucht es bald eine neue Regel: Bevor ein Algorithmus dein Gesicht trägt, muss er dich fragen. Und zwar nicht per Popup-Fenster, das man versehentlich wegklickt.

Bis dahin bleibt festzuhalten: Die Sonne mag digital sein. Aber der Ärger ist sehr real. Und wenn selbst künstliche Ministerinnen echte Klagen auslösen, dann wissen wir: Die Zukunft hat nicht nur ein Gesicht – sie hat auch Anwälte.