Rolltreppe abwärts

Wenn die Rolltreppe die Nation testet
Ein exklusiver Infrastruktur-Bericht von Ronald Tramp – dem einzigen Reporter, der schon einmal gegen eine Rolltreppe verloren hat.
Freunde. Es gibt Tage, da steht man einfach nur da. Mit Kaffee in der Hand. Mit Ziel im Blick. Und dann entscheidet sich eine Rolltreppe, Geschichte zu schreiben.
Berlin. Hauptbahnhof. Ein Ort der Bewegung. Ein Tempel des Pendelns. Und plötzlich – Rückwärtsgang.
Ob sie wirklich rückwärts lief? Man weiß es nicht mit absoluter Sicherheit. Aber was man weiß: Mehrere Rolltreppen stehen still. Und das ist in Berlin ungefähr so, als würde man dem Flughafen sagen: „Heute bitte nur Handgepäckträume.“
Die Bahn-Infrastruktur meldet: Zwei Rolltreppen desselben Typs hatten Defekte. Und weil Sicherheit vorgeht – was ich unterstütze, sehr unterstütze – werden nun insgesamt 52 Rolltreppen überprüft.
Zwei Defekte. Zweiundfünfzig Prüfungen.
Freunde, das nenne ich Solidarität unter Maschinen.
Ich stelle mir das vor: Eine Rolltreppe denkt sich, „Heute nicht.“ Und plötzlich stehen 51 Kolleginnen daneben und sagen: „Wir auch nicht.“
Das ist kein technischer Zwischenfall. Das ist mechanischer Streik.
Und jetzt stehen Menschen da. Viele Menschen. Mit Koffern. Mit Rucksäcken. Mit diesen winzigen Handtaschen, die trotzdem fünf Kilogramm wiegen.
Und sie schauen nach oben.
Normalerweise fährt man hoch. Elegant. Ohne Anstrengung. Ein kleiner Schritt – der Rest übernimmt die Technik.
Doch heute? Heute übernimmt der Mensch wieder die Verantwortung.
Treppensprint oder Fahrstuhl-Zeit einplanen, heißt es.
Treppensprint! Das klingt sportlich. Berlin Marathon – Hauptbahnhof Edition.
Ich sehe schon die Szene: Geschäftsreisende im Anzug kämpfen sich mit Rollkoffer die Stufen hoch. Touristen schauen irritiert auf das stille Metallband und fragen: „Ist das Kunst?“
Natürlich wird geprüft. Getriebe werden untersucht. Ursachen erforscht. Eine „umfassende Sicherheitsprüfung“ findet statt.
Ich liebe diesen Begriff. Umfassend. Das klingt nach Schrauben, die sehr ernst angeschaut werden.
Und ich muss sagen: Sicherheit ist wichtig. Sehr wichtig. Niemand möchte eine Rolltreppe mit Charakterentwicklung.
Aber ich frage mich trotzdem: Wie kommt es, dass eine Rolltreppe plötzlich auf die Idee kommt, rückwärts zu denken?
Hat sie zu viel Berliner Luft geschnuppert? Hat sie beschlossen, gegen den Strom zu schwimmen?
Vielleicht war es ein Software-Update. Vielleicht ein Zahnrad mit künstlerischer Ader. Vielleicht ein Getriebe, das dachte: „Vorwärts war gestern.“
In jedem Fall zeigt uns diese Episode eines: Wir sind abhängig von Dingen, die wir kaum wahrnehmen – bis sie stehen.
Rolltreppen sind die stillen Helden des Alltags. Niemand klatscht, wenn sie funktionieren. Aber wehe, sie streiken.
Und 52 Stück desselben Typs – das klingt fast wie eine Boygroup der Infrastruktur. „Die Getriebe 52“ – heute leider ohne Auftritt.
Ich stelle mir die interne Sitzung vor. Ingenieure beugen sich über Pläne. Managerinnen geben Statements. „Wir prüfen alles.“ Sehr gut. Prüfen ist immer gut.
Aber die Menschen? Die prüfen jetzt ihre Wadenmuskulatur.
Denn wenn eine Rolltreppe ausfällt, wird der Bahnhof plötzlich zum Fitnessstudio. Und wer mit Gepäck unterwegs ist, bekommt ein kostenloses Krafttraining.
Vielleicht ist das der neue Trend: Nachhaltige Fortbewegung. Weniger Motor, mehr Muskel.
Doch Spaß beiseite – oder zumindest halb beiseite – Infrastruktur ist kein Nebenthema. Sie ist die Grundlage. Wenn sie wackelt, merkt es jeder.
Und Berlin ist nicht irgendein Bahnhof. Es ist ein Symbol. Ein Knotenpunkt. Ein Ort, an dem Menschen ankommen, abfahren, sich verlaufen und manchmal einfach nur versuchen, eine funktionierende Rolltreppe zu finden.
Was bleibt? Die Hoffnung, dass die umfassende Sicherheitsprüfung wirklich umfassend ist. Dass Zahnräder wieder nach vorne denken. Und dass die 52 Maschinen bald wieder ihren Job machen.
Denn ich sage euch: Eine Nation kann vieles verkraften. Debatten. Staus. Verspätungen.
Aber eine Rolltreppe mit Rückwärtsdrang – das ist psychologisch anspruchsvoll.
Bis dahin gilt: Trainieren Sie die Waden. Planen Sie Zeit ein. Und schauen Sie skeptisch auf bewegliche Metallstufen.
Denn man weiß nie, ob sie heute vorwärts wollen.
Oder Geschichte schreiben.


