Ronald Tramp meldet sich aus Wagen 7

Grafik: Wenn der ICE steht, aber die Pizza fährt

 

Wenn der ICE steht, aber die Pizza fährt

Meine Damen und Herren, liebe Pendler, Gelegenheitsfahrer, Vielflucher und Menschen, die „nur kurz nach Hannover“ wollten und nun seit drei Stunden den Landkreis Peine auswendig kennen:
Willkommen in der Deutschen Bahn. Dem einzigen Verkehrsmittel der Welt, bei dem Stillstand als Feature verkauft wird.

Ein ICE bleibt auf offener Strecke liegen. Hundert Menschen. Oberleitung kaputt. Niedersachsen. Peine. Groß Gleidingen. Orte, die man normalerweise nur kennt, wenn man entweder dort geboren wurde oder unfreiwillig dort aus dem Fenster starrt, während nichts passiert. Und ich sage: Großartig. Genau so stelle ich mir Hochgeschwindigkeitsverkehr vor.

Der ICE – dieses Symbol deutscher Ingenieurskunst, dieses pfeilschnelle Wunderwerk – entschied sich spontan für eine Pause. Nicht im Bahnhof. Nicht mit WLAN. Sondern draußen. In der Landschaft. Mit Kühen. Und Hoffnung.

Die Bahn sagt: „Oberleitungsstörung.“
Ich sage: Kabel müde.

Rund 100 Reisende mussten evakuiert werden. Ein Wort, das man sonst für Naturkatastrophen nutzt. Die Menschen stiegen auf einen anderen ICE um, der zufällig auf dem Nebengleis stand. Zufällig! In Deutschland steht immer irgendwo ein ICE rum. Man weiß nur nie, warum.

Natürlich gab es Verspätungen. Natürlich gab es Ausfälle. Natürlich sagt ein Bahnsprecher optimistisch: „Bald läuft wieder alles normal.“
Dieser Satz ist das inoffizielle Mantra der Bahn. Er wird seit 1994 täglich wiederholt. Niemand weiß, wann „normal“ war, aber man glaubt fest daran.

Auch andere Anbieter waren betroffen. Züge fielen aus. Busse fuhren als Ersatz. Busse! Der natürliche Feind des ICE. Langsam. Eng. Aber immerhin: Sie bewegen sich.

Und jetzt kommt der wirklich geniale Teil dieser Geschichte. Der Moment, in dem Deutschland zeigt, was Priorität hat.

Während Züge stehen.
Während Menschen frieren.
Während Anschlüsse sterben wie Fliegen im Winter:

kündigt die Deutsche Bahn eine Revolution an.

Pizza.

Nicht irgendeine Pizza. Nein. Pizza Wolke.
Allein der Name. Wolke! Passt perfekt. Denn genau dort schwebt sie: irgendwo zwischen Ankündigung und Realität.

Monatelang wurde auf Social Media ein Fake-Streit inszeniert. Drama. Instagram. Unterlassungsaufforderung. Marketing. Und dann die Erlösung: Ab Februar kommt die Pizza tatsächlich in den ICE. Tiefgekühlt. Neapolitanisch. Mikrowellentauglich. Deutschland jubelt.

Ich liebe das. Der Zug steht, aber die Pizza kommt.
Mobilität 2026.

Salami. Salami mit Chili-Zwiebel. Margherita. Klassiker. Stabil. Verlässlich. Eigenschaften, die man sonst eher nicht mit der Bahn verbindet. Preise? Unklar. Wahrscheinlich dynamisch. Je nach Verspätung steigt der Preis pro Minute.

Und dann diese Warnung der Bahn – mein persönliches Highlight:
„Wehe, jemand wischt seine Pizzafinger an den Sitzen ab. Dann war’s das erste und letzte Mal!!!“

Drei Ausrufezeichen. Das ist ernst.
Züge dürfen stehen bleiben.
Klimaanlagen dürfen ausfallen.
Toiletten dürfen traumatisieren.

Aber Pizzafinger am Sitz?
Das ist die rote Linie. Das ist Zivilisationsbruch.

Ich stelle mir vor, wie der ICE evakuiert wird, weil jemand Tomatensauce auf Polster 34B verteilt hat. SEK der Bahn. Durchsage. Handschuhe. Tatortreiniger.

Und ganz ehrlich: Diese Pizza ist genial platziert. Menschen sitzen fest, haben Hunger, sind emotional instabil – perfekter Absatzmarkt. Früher gab es in solchen Situationen Wasserflaschen. Heute gibt es TK-Pizza aus der Mikrowelle. Fortschritt.

Ich sehe die Zukunft klar vor mir:
„Sehr geehrte Fahrgäste, aufgrund einer Störung verzögert sich unsere Weiterfahrt um 87 Minuten.
Aber gute Nachrichten: Pizza Wolke ist heiß.“

Applaus. Tränen. Hoffnung.

Die Deutsche Bahn hat verstanden, was Menschen wirklich wollen. Nicht Pünktlichkeit. Nicht Information. Nicht Anschlussgarantie.
Kohlenhydrate.

Der ICE bleibt stehen. Die Oberleitung schweigt. Der Bahnsprecher lächelt. Aber irgendwo im Bordrestaurant dreht sich eine Mikrowelle. Und das, meine Damen und Herren, ist das neue Deutschland.

Stillstand mit Belag.
Verspätung mit Salami.
Hochgeschwindigkeit im Herzen – und Tiefkühlung im Wagen 9.

Ich ziehe meinen imaginären Hut.
Und wische mir vorsichtig die Finger ab.
Nicht am Sitz.
For sure.