Scan mich, Skandinavien!

Grafik: Die App als Waffe der Wahl

 

Wie Dänemark Amerika mit dem Barcode bekämpft

Von Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für geopolitische Supermärkte, transatlantische Wutkäufe und skandinavische Racheaktionen

Ich sage es gleich vorweg: Das ist die größte militärische Eskalation im Grönland-Konflikt, seit jemand vorgeschlagen hat, die Insel einfach bei eBay einzustellen. Dänemark hat zurückgeschlagen. Nicht mit Panzern. Nicht mit Sanktionen. Sondern mit Apps. Im Supermarkt. Direkt neben dem Bio-Joghurt.

Viele Dänen sind wütend. Sehr wütend. So wütend, dass sie jetzt im Gang zwischen Cornflakes und Tiefkühlpizza stehen, ihr Handy zücken und sagen: „Nicht heute, Amerika. Nicht heute.“
Der Feind ist klar definiert: Alles, was aus den USA kommt. Oder auch nur nach USA riecht. Oder vielleicht mal einen Amerikaner gesehen hat.

Der Auslöser? Der altbekannte Traum von Donald Trump, Grönland zu kaufen. Kaufen! Als wäre es ein leicht angeschlagenes Hotel mit guter Lage und schlechtem Gewissen. Die Dänen hörten das – und reagierten sofort. National. Entschlossen. Und extrem digital.

Die App als Waffe der Wahl

Die neue Wunderwaffe heißt „UdenUSA“ – auf Deutsch etwa: „Ohne die USA, danke“. Entwickelt von zwei jungen Dänen, Jonas Pipper (21!) und seinem Freund Malthe Hensberg. 21 Jahre! In Amerika ist man in dem Alter noch stolz, wenn man den eigenen Namen richtig schreibt. In Dänemark erfindet man da schon geopolitische Boykott-Software.

Die Idee: Man scannt Lebensmittel im Supermarkt – und wenn irgendwo im Produktionsprozess ein amerikanischer Schatten lauert, schlägt die App Alarm. Wahrscheinlich mit einem kleinen Wikinger, der empört den Kopf schüttelt.

Die App kostet Geld. Ja. Dänen zahlen freiwillig monatlich, um nicht amerikanische Produkte zu kaufen. Das ist Kapitalismus auf skandinavisch: Man zahlt, um weniger Auswahl zu haben – aus Prinzip. Großartig.

Platz 1 im App-Store – Boykott mit Sternchen

„UdenUSA“ schoss sofort auf Platz 1 im dänischen App-Store. Noch vor Spielen, Fitness-Apps und wahrscheinlich auch vor der App „Wie lächle ich höflich, während ich innerlich koche“. Das ist Protest mit WLAN.

Schon vorher gab es Facebook-Gruppen wie „Boykottiert Waren aus den USA“. Über 100.000 Mitglieder. In einem Land mit sechs Millionen Einwohnern! In Amerika nennt man das keine Gruppe. Das nennt man einen Swing State.

Und die Supermärkte? Die machten mit. Europäische Produkte bekamen Sterne. Sterne! Früher gab es Sterne für Hollywood. Jetzt gibt es sie für Käse aus der EU. Das muss man erstmal verdauen – am besten ohne amerikanische Zutaten.

Aber bringt das was?

Jetzt kommen die Spielverderber. Professoren. Experten. Menschen, die Spaß ruinieren, indem sie nach „Effekten“ fragen.

Ein Marketingprofessor von der Freie Universität Berlin sagt sinngemäß: „Dänemark ist wirtschaftlich zu klein.“
Ein anderer von der Goethe-Universität Frankfurt am Main meint: Große Boykotte entstehen erst, wenn wirklich etwas passiert.
Und wieder andere vom Nürnberg Institut für Marktentscheidungen erklären, dass man Produkte ersetzen können muss.

Das ist alles korrekt. Und komplett irrelevant.

Denn hier geht es nicht um Wirtschaft. Es geht um Gefühl. Um Wut. Um dieses herrliche, warme Gefühl, wenn man eine Cola stehen lässt und denkt: Das hast du jetzt davon, Amerika.

Boykott als Therapie

Der Verhaltensforscher Pelle Guldborg Hansen von der Universität Roskilde bringt es auf den Punkt: Menschen sehen Nachrichten, ärgern sich – und wollen irgendetwas tun. Wenn sie schon keinen Präsidenten abwählen können, dann wenigstens Ketchup.

Und ich sage: Genau so beginnt jede Revolution. Erst scannt man Produkte. Dann scannt man Politiker. Dann scannt man Landkarten.

Der große Twist: Alles läuft über Amerika

Und jetzt kommt der Teil, bei dem ich laut gelacht habe. Wirklich laut. So laut, dass mein Smartphone – natürlich amerikanisch – kurz gezuckt hat.

Denn diese App, mit der man US-Produkte erkennt… läuft über US-Technologie.

Die Bilderkennung? OpenAI.
Die Nutzungsdaten? Google Firebase.
Die Bezahlung? Ein US-Unternehmen namens Superwall.

Das ist, als würde man einen Anti-Feuer-Verein gründen – und das Hauptquartier aus Streichhölzern bauen.

Selbst die Alternativen wie Open Food Facts oder Buy European nutzen amerikanische Dienste. Und das Smartphone, auf dem man scannt? Entweder ein iPhone – entworfen in Kalifornien – oder ein Android, ebenfalls tief im amerikanischen Traum verwurzelt.

Das ist kein Boykott. Das ist ein moralischer Umweg mit US-Servern.

 

Ich ziehe meinen imaginären Cowboyhut. Nicht vor der Wirksamkeit – sondern vor der Konsequenzlosigkeit mit Stil.

Die Dänen haben gezeigt: Man kann sehr, sehr sauer sein – und trotzdem höflich bleiben. Man sagt nicht „Wir hassen Amerika“. Man sagt: „Wir hätten gern eine Alternative, bitte, danke.“

Der Boykott wird die USA nicht in die Knie zwingen. Aber er hat etwas viel Wichtigeres erreicht: Er hat bewiesen, dass geopolitische Konflikte heute nicht mehr mit Kanonen ausgetragen werden – sondern mit Barcode-Scannern im Kühlregal.

Und wenn das kein Fortschritt ist, dann weiß ich auch nicht.