Sie rechnen jetzt ALLES aus!

Grafik: Die große MINT-Verschiebung

 

Wie Frauen die Matheformeln übernahmen und die MINT-Welt neu programmierten

Ein exklusiver Bericht von Ronald Tramp, dem einzigen Reporter, der jemals einen Taschenrechner erfolgreich eingeschüchtert hat.

Ich erinnere mich noch gut. Mathematik. Informatik. Diese Fächer. Zahlen. Klammern. Pfeile. Dinge mit Hüten oben drauf. Für mich war das nichts. Ich war ein Mann der großen Worte, der langen Sätze, der noch längeren Fußnoten – Geschichte, Deutsch, Englisch! Das waren Fächer mit Gefühl, mit Drama, mit Pathos. Mathematik dagegen war immer schon… sagen wir: feindlich. Sehr feindlich. Zahlen haben nie applaudiert, wenn man sie richtig behandelt hat.

Und jetzt das.

Jetzt kommen sie. Die Frauen. Mit Formeln. Mit Algorithmen. Mit Taschenrechnern, die nicht nur benutzt, sondern verstanden werden.

Ich nenne es:
Die große MINT-Verschiebung.

Früher – und ich spreche hier von einer glorreichen Zeit, in der Informatikräume nach Filterkaffee und Angstschweiß rochen – galten Mathematik, Informatik, Technik und Naturwissenschaften als klassische Männerreviere. Wie Grillzangen. Oder Fernbedienungen. Oder komplizierte Bedienungsanleitungen, die niemand liest.

Doch diese Welt ist vorbei.

Heute betreten junge Frauen Hörsäle, in denen früher der Durchschnittsstudent aussah wie eine Mischung aus Kabeltrommel und Energydrink. Und sie bleiben. Sie rechnen. Sie programmieren. Sie bestehen.

Mehr als ein Drittel der Studienanfänger in diesen gefürchteten Zahlenfächern ist inzwischen weiblich. Ein historischer Moment. Ein Rekord. Ein Ereignis, das man eigentlich mit Konfetti und einem leise explodierenden Taschenrechner feiern müsste.

Ich habe mir das genau angeschaut. Zehn Jahre. Zehn Jahre Wandel. Früher weniger Frauen, heute deutlich mehr. Ein Aufstieg, so elegant wie eine perfekt gelöste Gleichung dritten Grades. Und glauben Sie mir: Ich weiß nicht, was das ist – aber es klingt beeindruckend.

Währenddessen passiert etwas Merkwürdiges. Etwas Beunruhigendes. Etwas, das niemand laut sagt, aber alle fühlen:

Die Männer werden weniger.

Nicht weniger männlich – keine Sorge, das bleibt laut und chaotisch – sondern weniger zahlreich. Insgesamt sinkt die Zahl der Menschen, die überhaupt noch diese anspruchsvollen Studiengänge beginnen. Die große Masse verschwindet, als hätte jemand „Strg + Alt + Rückzug“ gedrückt.

Das Ergebnis? Weniger Studierende insgesamt – aber die, die kommen, sind entschlossener. Und sehr oft weiblich.

Man könnte sagen: Qualität vor Quantität.
Oder wie ich sage: Weniger Chaos, mehr Kompetenz.

Doch jetzt kommt der Haken. Der Haken ist groß. Der Haken ist rostig. Und er hängt an einem Werkzeugkasten.

Denn während an den Universitäten die Hörsäle neu sortiert werden, bleiben die Werkhallen erstaunlich altmodisch. Ausbildungsberufe im technischen Bereich – also die echten, handfesten, ölverschmierten Jobs – sind weiterhin fest in männlicher Hand. Sehr fest. So fest, dass man fast einen Schraubstock braucht, um das zu lösen.

Elektronik. Anlagenmechanik. Sanitär, Heizung, Klima. Klingt nach Zukunft, klingt nach „ohne euch frieren wir“. Und trotzdem: Frauen? Kaum vorhanden. Ein paar Prozent hier, ein paar Prozent da. Eine minimale Bewegung, wie ein Update, das man kaum bemerkt.

Warum?

Nun, offiziell heißt es: Interessen. Traditionen. Vorbilder.
Inoffiziell heißt es: Blaumänner schrecken mehr ab als PowerPoint-Folien.

Es ist ein paradoxes Bild. Während Frauen an Universitäten Algorithmen entwickeln, die ganze Städte steuern könnten, gilt der Werkzeugkoffer immer noch als heiliger Männeraltar. Ein Ort, an dem Frauen offenbar nur unter besonderen rituellen Umständen geduldet werden.

Dabei wäre gerade dort dringend frischer Wind nötig. Oder besser gesagt: funktionierende Klimatechnik.

Ich frage mich:
Was passiert, wenn in zehn Jahren die Software von Heizungsanlagen ausschließlich von Frauen geschrieben wird – aber niemand mehr da ist, der sie einbaut?

Dann stehen wir da. Mit warmen Algorithmen. Und kalten Füßen.

Doch Spaß beiseite – obwohl ich das natürlich nie tue.

Diese Entwicklung ist kein Angriff, keine Bedrohung, kein „Sie nehmen uns die Taschenrechner weg“-Szenario. Es ist ein Beweis dafür, dass Talent sich nicht an Geschlechtergrenzen hält. Dass Neugier stärker ist als alte Rollenbilder. Und dass selbst die furchteinflößendste Gleichung irgendwann ihren Schrecken verliert.

Vor allem, wenn jemand davor sitzt, der keine Angst hat, sie einfach zu lösen.

Ich, Ronald Tramp, ziehe meinen imaginären Mathematikhut. Nicht aus Verständnis – sondern aus Respekt. Denn wer freiwillig Informatik studiert, verdient Anerkennung. Und wer dabei Barrieren abbaut, verdient Applaus.

Vielleicht, nur vielleicht, erleben wir gerade den Moment, in dem die Zukunft leiser, präziser und besser programmiert wird.

Und wenn Sie mich jetzt entschuldigen – ich muss dringend überprüfen, ob mein Taschenrechner noch auf meiner Seite ist.