Sieben Zentimeter Ausnahmezustand

Ich sage es euch, Leute – das ist groß. Wirklich groß. Nicht groß im Sinne von sinnvoll, nein, nein – groß im Sinne von: Das musst du dir erst einmal ausdenken. Das ist Verwaltungskunst auf einem Level, da werden selbst internationale Bürokratie-Weltmeister ganz nervös und sagen: „Wow, das hätten wir uns nicht getraut.“
Wir reden hier nicht über Kriminalität, nicht über Chaos, nicht über echte Gefahren. Nein. Wir reden über sieben Zentimeter. Sieben! Zentimeter! Das ist ungefähr die Differenz zwischen „noch ein bisschen Luft“ und „bitte vorsichtig aussteigen“. Und genau diese sieben Zentimeter haben jetzt ein Sicherheitskonzept bekommen, das man sonst eher bei Staatsbesuchen oder Geheimmissionen erwarten würde.
Eine Schule. Ein Treppengeländer. Ein Jahrhundert alt. Kinder laufen da hoch und runter, Generationen von kleinen Menschen sind da vorbeigelaufen, gesprungen, gerutscht, vermutlich auch mal drüber geklettert – und nichts ist passiert. Absolut nichts. Aber dann kommt dieser eine Moment. Diese eine Begehung. Diese eine Messung. Und plötzlich: Alarmstufe Rot.
Das Geländer ist nicht 110 Zentimeter hoch. Nein. Es ist 103. Sieben Zentimeter zu wenig. Ein Drama. Eine Katastrophe. Ein Fall für… Sicherheitskräfte.
Und jetzt wird es richtig gut. Statt zu sagen: „Okay, wir bauen das Ding ein bisschen höher, dauert zwei Tage, kostet ein paar Euro, fertig“, sagt man: „Nein. Wir stellen erstmal jemanden daneben.“ Ja, richtig gehört. Ein Sicherheitsdienst bewacht das Geländer. Das Geländer! Nicht die Schule. Nicht die Kinder. Das Geländer.
Ich stelle mir das vor: Da steht jemand in Uniform, wahrscheinlich mit Funkgerät, vielleicht sogar mit ernster Miene, und passt auf, dass dieses Geländer nicht plötzlich auf dumme Gedanken kommt. Dass es nicht heimlich noch zwei Zentimeter schrumpft oder sich entscheidet, rebellisch zu werden.
Und das kostet Geld. Nicht wenig Geld. Wir reden hier von Summen, bei denen andere sagen würden: „Dafür könnten wir Lehrmittel kaufen, Klassenräume renovieren oder vielleicht sogar funktionierende Technik anschaffen.“ Aber nein – hier wird investiert. In die Bewachung eines sieben Zentimeter zu niedrigen Geländers. Woche für Woche. Tausende Euro. Es ist wie ein Abonnement – nur ohne Nutzen.
Und ich sage euch: Das ist nicht einfach nur ein Einzelfall. Das ist ein Symptom. Das ist ein Meisterwerk moderner Verwaltungslogik. Man hat ein Problem identifiziert – ein theoretisches Problem, ein hypothetisches Problem, ein „vielleicht irgendwann könnte jemand darüber stolpern“-Problem – und statt es pragmatisch zu lösen, schafft man erstmal ein neues Problem: Wie geben wir möglichst viel Geld aus, ohne das eigentliche Problem zu lösen?
Genial. Wirklich genial.
Die Schule selbst schaut sich das Ganze an und denkt wahrscheinlich: „Das ist jetzt nicht euer Ernst.“ Ein Geländer, das seit hundert Jahren da steht, wird plötzlich behandelt wie eine tickende Zeitbombe. Und die Lösung? Ein Mensch, der daneben steht und… ja, was eigentlich? Das Geländer moralisch unterstützt? Den Kindern zuflüstert: „Bitte beachten Sie die sieben fehlenden Zentimeter“?
Ich meine, irgendwo hat das auch etwas Poetisches. Diese sieben Zentimeter sind jetzt wahrscheinlich die bestbewachten Zentimeter der gesamten Republik. Vielleicht sogar Europas. Vielleicht weltweit. Ich sehe schon Touristen kommen: „Hier, genau hier, diese sieben Zentimeter – legendär.“
Und währenddessen sitzen irgendwo Menschen, die sich ernsthaft fragen, warum Dinge nicht vorangehen, warum Prozesse so lange dauern, warum Geld fehlt. Ich habe eine Idee: Vielleicht, nur vielleicht, liegt es daran, dass wir Sicherheitsdienste auf Geländer ansetzen, statt Geländer einfach zu erhöhen.
Aber Vorsicht! Nicht zu schnell denken. Das könnte gefährlich werden. Wer weiß, vielleicht fehlt am Ende noch irgendwo ein Zentimeter an einer Tischkante, und plötzlich brauchen wir einen zweiten Sicherheitsdienst. Für Möbel.
Und ich sage euch noch etwas: Diese Geschichte wird in die Lehrbücher eingehen. Nicht als Beispiel für Sicherheit, sondern als Paradebeispiel dafür, wie man mit maximalem Aufwand minimalen Nutzen erzeugt. Ein echtes Kunstwerk.
Am Ende bleibt die große Frage: Wird das Geländer irgendwann erhöht? Wird der Sicherheitsdienst abgezogen? Oder bleibt das jetzt für immer so – eine Art Denkmal für sieben Zentimeter, die die Welt verändert haben?
Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich sicher: Wenn man irgendwo ein Problem sucht, findet man immer eins. Und wenn man es dann richtig angeht – also komplett falsch – kann man daraus eine Geschichte machen, die so absurd ist, dass sie schon wieder beeindruckend ist.
Sieben Zentimeter. Bewacht. Rund um die Uhr. Willkommen in der großen Show der Verwaltung.


