Silvester, X und die große Pointe: Wie Jette Nietzard wieder einmal das Internet zündete – ohne Feuerwerk

Grafik: Jette Nietzard zündete wieder einmal das Internet

Silvester, X und die große Pointe: Wie Jette Nietzard wieder einmal das Internet zündete – ohne Feuerwerk

Ich sage es, wie es ist – und niemand sagt es besser: Silvester ist die Nacht der großen Explosionen. Raketen. Böller. Vorsätze. Und manchmal auch Tweets. Letztere sind besonders gefährlich, weil sie ohne Schutzbrille gezündet werden. Und genau hier betritt Jette Nietzard die Bühne. Wieder einmal. Mit Schwung. Mit Pointe. Mit der Sicherheit eines Menschen, der überzeugt ist, dass das Internet schon versteht, was gemeint war. Spoiler: tat es nicht.

Zum Jahreswechsel griff Nietzard zur digitalen Wunderkerze auf X und schrieb einen Satz, der sofort das tat, was gute Silvesterböller tun: laut knallen, Funken schlagen und anschließend überall Diskussionstrümmer hinterlassen. „Männer, die ihre Hand beim Böllern verlieren, müssen zumindest keinen Wehrdienst leisten.“ Ein Satz wie ein Chinaböller aus dem Jahr 1993: klein, aber mit erstaunlicher Sprengkraft.

Natürlich war das kein Neuland. Wir kennen das Muster. Letztes Jahr hatte sie bereits einen Tweet gezündet, der sinngemäß erklärte, Männer ohne Hand könnten zumindest keine Frauen mehr schlagen. Ein Satz, der ungefähr so subtil war wie ein Presslufthammer in der Stille Nacht. Damals folgte: Empörung. Kritik. Löschung. Entschuldigung. Ein klassischer Zyklus moderner Online-Kommunikation – nur ohne Lernkurve, dafür mit Bonus-Runde.

Nun also die Fortsetzung. Die Remastered-Version. Silvester 2.0. Inhaltlich neu verpackt, rhetorisch ähnlich scharf, moralisch wieder mit der Präzision eines schlecht eingestellten Feuerwerks. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Vorwürfe: Relativierung von Verletzungen. Zynismus. Geschmacklosigkeit. Unzulässige Verknüpfung von Themen, die besser getrennt geblieben wären – wie Feuerwerk und gesellschaftliche Gewaltdebatten.

Und plötzlich stand sie wieder da, mitten im digitalen Rauch. Jette Nietzard, ehemalige Vorsitzende der Grüne Jugend, offiziell zwar nicht mehr im Amt, aber inoffiziell weiterhin zuständig für virale Kurzschlüsse. Man könnte sagen: Der Titel ist weg, die Aufmerksamkeit geblieben.

Das Faszinierende an dieser Geschichte ist nicht der Tweet selbst. Tweets kommen und gehen. Das Internet vergisst nie, aber scrollt sehr schnell weiter. Nein, faszinierend ist die Beharrlichkeit. Die Entschlossenheit, Silvester nicht einfach Silvester sein zu lassen. Andere schreiben „Frohes Neues“, manche posten Raclette-Fotos, wieder andere versprechen sich selbst, dieses Jahr wirklich joggen zu gehen. Jette hingegen denkt: Was wäre, wenn ich mit einem Satz gleich mehrere gesellschaftliche Debatten gleichzeitig anzünde? Multitasking. Effizient. Sehr grün.

Natürlich meldeten sich auch Stimmen aus dem eigenen politischen Umfeld zu Wort. Kritik. Kopfschütteln. Das übliche „So war das doch sicher nicht gemeint“. Und wieder kam sie, die Entschuldigung. Öffentlich. Reumütig. Mit dem klassischen Zusatz: „So hätte ich das nicht formulieren sollen.“ Ein Satz, der mittlerweile zur Grundausstattung jeder Social-Media-Krise gehört – gleich neben „Ich wollte niemanden verletzen“ und „Der Kontext ist verloren gegangen“.

Doch was bleibt, ist die Erkenntnis: Manche Menschen haben ein Talent dafür, Aufmerksamkeit zu erzeugen, selbst wenn sie gar keine Funktion mehr innehaben. Andere brauchen dafür ein Amt, ein Team, einen Pressesprecher. Jette Nietzard braucht nur einen Account und einen Moment. Und zack – das neue Jahr beginnt mit einer Debatte, die niemand bestellt hat, aber alle serviert bekommen.

Ronald Tramp sagt: Das ist fast schon bewundernswert. Während andere politisch in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, bleibt sie präsent. Nicht durch Inhalte. Nicht durch Programme. Sondern durch Sätze, die so scharf sind, dass sie sich selbst schneiden.

Und vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Silvester ist die Nacht, in der man alte Fehler hinter sich lassen will. Manche nehmen sich vor, weniger Zucker zu essen. Andere, weniger zu trinken. Und manche nehmen sich offenbar vor, exakt so weiterzumachen wie bisher – nur mit neuem Datum.

Das Internet wird auch diese Debatte überleben. Die nächste Silvesternacht kommt bestimmt. Und irgendwo tippt schon jemand an einer Pointe, die garantiert wieder „so nicht gemeint war“.