Steckdose fürs Gewissen

Wie ein bisschen Strom die Menschheit rettet
Von Ronald Tramp, Sonderbeauftragter für elektrische Nächstenliebe, moralische Aufladung und die Zukunft des guten Menschen
Es gibt Momente, da fragt man sich: Warum sind Menschen, wie sie sind? Warum hält einer die Tür auf, während der andere sie dir vor der Nase zuschlägt? Warum teilt jemand sein letztes Stück Kuchen, während ein anderer fragt, ob man noch ein zweites haben darf – von deinem? Die Antwort war lange kompliziert. Heute ist sie einfacher: Es lag am falschen Frequenzbereich.
Denn die Wissenschaft hat nun Großes vollbracht. Riesiges. Historisches. Man hat entdeckt, dass Altruismus nicht etwa mit Erziehung, Vorbild oder innerer Haltung zu tun hat, sondern mit 72 Hertz. Genau. Hertz. Nicht Herz. Hertz.
Mit anderen Worten: Wer bisher egoistisch war, hatte einfach Pech mit der Verkabelung.
In einem hochseriösen Experiment setzte man Menschen Elektroden auf den Kopf. Nicht aus Spaß. Aus Wissenschaft. Zwei Hirnareale wurden synchronisiert – Stirn und Scheitel. Vorne Denken, hinten Überblick. Und siehe da: Ein kleiner Stromstoß später waren die Menschen ein bisschen netter. Nicht viel. Aber messbar. Und messbar ist bekanntlich wichtiger als ehrlich.
Getestet wurde das Ganze mit echtem Geld. Denn nichts zeigt den Charakter eines Menschen so zuverlässig wie die Frage: Willst du teilen, wenn es weh tut? Und tatsächlich: Unter Strom gaben die Probanden etwas mehr ab. Kein Reichtum. Keine Großzügigkeit mit Standing Ovations. Aber ein paar Münzen mehr für den anonymen Mitspieler. Die Menschheit atmete auf. Endlich ein Beweis: Der gute Mensch steckt im Kabel.
Der Unterschied zwischen Gut und Gleichgültig? Offenbar ein Frequenzregler. Alpha? Eher so „Meins“. Gamma? Schon eher „Unser“. Das eröffnet Möglichkeiten. Fantastische Möglichkeiten. Stellen Sie sich eine Welt vor, in der man vor dem Betreten eines Supermarkts kurz an die Steckdose muss. Oder vor einer Talkshow. Oder vor dem Lesen von Kommentarspalten.
Die Forscher sind vorsichtig. Sehr vorsichtig. Sie sagen: Der Effekt ist klein. Kurzzeitig. Grundlagenforschung. Noch kein Serienprodukt. Aber wir wissen alle, wie das läuft. Erst ist es klein. Dann gibt es ein Gerät. Dann eine App. Dann ein Abo-Modell. Empathie Premium – jetzt auch monatlich kündbar.
Natürlich denkt man sofort weiter. Wenn Altruismus elektrisch stimulierbar ist, was kommt als Nächstes? Geduld? Wahrheitsliebe? Fähigkeit, andere ausreden zu lassen? Vielleicht sogar das ganz große Update: Selbstreflexion 2.0.
Und ja, es wird gemunkelt, dass diese Technik eines Tages bei bestimmten Störungen helfen könnte. Menschen, die keine Empathie empfinden. Menschen, die andere nur als Kulisse betrachten. Menschen, die gesellschaftlich auffallen, ohne Rücksicht. Aber hier wird es heikel. Denn wer entscheidet, wann jemand „zu wenig altruistisch“ ist? Und ab welchem Punkt man ihn anschließt?
„Keine Sorge“, sagt die Wissenschaft. „Das ist alles noch Zukunftsmusik.“ Eine beruhigende Aussage – von Leuten, die gerade bewiesen haben, dass Musik im Gehirn tatsächlich Verhalten ändert.
Man zieht Vergleiche zum Training. Wie beim Muskelaufbau. Wiederholen. Dranbleiben. Regelmäßig stimulieren. Heute Beine, morgen Mitgefühl. Ein bisschen wie Fitnessstudio, nur ohne Spiegel und mit moralischem Muskelkater.
Ich, Ronald Tramp, sehe schon die Schlagzeilen von morgen:
„Neue Therapie: Einmal täglich Strom, bitte freundlich bleiben.“
„Klinik testet Empathie-Kur – Wartezimmer plötzlich harmonisch.“
„Politische Debatte endet frühzeitig – alle zu nett.“
Aber Spaß beiseite – oder zumindest kurz. Diese Entdeckung ist faszinierend. Und ein bisschen unheimlich. Denn sie stellt eine uralte Idee infrage: dass Gutsein eine Entscheidung ist. Vielleicht ist es gar keine. Vielleicht ist es eine Einstellung. Am Regler. Zwischen 12 und 72 Hertz.
Das wirft Fragen auf. Große Fragen. Wenn man altruistisches Verhalten anknipsen kann – darf man es dann auch ausschalten? Gibt es bald Entschuldigungen wie: „Tut mir leid, mein Gamma-Bereich war heute offline“? Wird Rücksichtnahme zum medizinischen Zustand?
Noch ist es nicht so weit. Noch braucht man Labor, Elektroden, Genehmigungen. Aber der Gedanke ist da. Und er summt leise. Wie ein Transformator im Hintergrund unserer Moral.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Der Mensch ist vielleicht nicht von Natur aus gut oder schlecht. Er ist einstellbar. Und das ist entweder der Beginn einer besseren Welt – oder der Anfang eines sehr seltsamen Handbuchs.
Bis dahin empfehle ich: Seid nett zueinander. Ganz ohne Kabel. Solange es noch geht.


