Trockener Parteitag

Grafik: Trockener Parteitag

wenn Politik plötzlich Mineralwasser trinkt

Freunde, ich habe schon viele Parteitage gesehen. Große Hallen. Große Reden. Große Visionen. Und meistens auch: große Gläser.

Aber jetzt? Jetzt erleben wir etwas Historisches. Eine politische Revolution. Nicht beim Wahlprogramm. Nicht bei der Ideologie. Sondern – haltet euch fest – beim Alkoholausschank.

Ja, richtig gehört.

Beim kommenden Parteitag soll zeitweise kein Alkohol ausgeschenkt werden. Nicht aus moralischen Gründen. Nicht wegen Fitness-Trends. Sondern, damit die Delegierten bis zum Ende im Plenarsaal bleiben.

Ich liebe diese Logik.

Man stelle sich das interne Meeting vor:

„Wie sorgen wir dafür, dass alle die Antragsberatungen bis zum Schluss durchhalten?“
„Vielleicht gute Argumente?“
„Nein.“
„Spannende Debatten?“
„Zu riskant.“
„Dann streichen wir das Bier.“

Brillant. Strategisch. Fast militärisch.

Es gibt offenbar eine „aktuelle Lagebeurteilung“. Das klingt dramatisch. Als würde ein Krisenstab tagen. Aber die Krise ist nicht außenpolitisch. Sie ist hopfenbasiert.

„Um das ehrgeizige Programm erfolgreich und pünktlich abzuschließen, ist es essenziell, dass die Delegierten bis zum Sitzungsende im Plenarsaal verbleiben.“

Essentiell!

Nicht „wünschenswert“. Nicht „schön wäre es“. Essenziell. Das Wort benutzt man sonst für Sauerstoff oder WLAN.

Und jetzt wird es richtig großartig: Die Aussteller werden höflich gebeten, den Alkoholausschank auszusetzen. Kurzfristig. Flexibilität erwünscht. Kooperation geschätzt.

Ich sehe sie schon, die Vertreter der großen Konzerne am Rand des Plenums. Luftfahrt, Tech-Giganten, Telekommunikation, Zahlungsdienstleister, Automobilindustrie – alle geschniegelt, alle präsent. Und plötzlich heißt es: „Heute bitte nur stilles Wasser.“

Das ist kein Parteitag. Das ist ein Detox-Seminar mit Antragsberatung.

Natürlich verstehe ich das Problem. Man hat ein ehrgeiziges Programm. Wahlen stehen an. Der Vorsitzende kandidiert erneut. Es gibt Reden. Anträge. Teilzeit-Debatten. Social-Media-Verbote für Kinder. Große Themen. Große Emotionen.

Und irgendwo zwischen Punkt 17b („Formulierungshilfe zur Präzisierung der Präzisierung“) und Punkt 23c („Ergänzungsantrag zur Arbeitszeitdebatte“) denkt sich vielleicht der eine oder andere Delegierte: „Ein kleiner Abstecher zur Ausstellung wäre jetzt nicht schlecht.“

Aber nein. Nicht dieses Mal.

Die Bewirtung startet erst nach Abschluss der Sitzung – beim sogenannten Abend-Event. Das ist politischer Minimalismus auf höchstem Niveau. Erst debattieren, dann feiern. Reihenfolge beachten.

Ich stelle mir vor, wie Delegierte auf die Uhr schauen.

20:43 Uhr.
Antrag 32a.
Mineralwasser, Zimmertemperatur.

Und irgendwo im Hinterkopf: „Beim Baden-Württemberg-Abend gibt es endlich wieder etwas mit Charakter.“

Das Ganze wird natürlich mit professioneller Dankbarkeit verpackt. Man bedankt sich für die wertvolle Kooperation. Für die Flexibilität. Für die Unterstützung des parlamentarischen Ablaufs.

Das klingt fast so, als würden die Aussteller einen Staatsakt retten – indem sie den Zapfhahn schließen.

Ich frage mich ja, wie sehr das Problem wirklich war. Gab es dramatische Abwanderungen? Leere Stuhlreihen im Plenarsaal, während draußen bei den Ständen die Stimmung kochte?

Vielleicht saßen dort Delegierte zwischen Hightech-Demonstrationen und Häppchen und dachten: „Der Antrag zur Teilzeit kann warten.“

Denn das ist ja auch Teil der Ironie: Auf dem Programm stehen Themen wie Arbeitszeitmodelle – und gleichzeitig wird organisatorisch an der „Verweildauer“ der Delegierten gearbeitet.

Effizienz! Disziplin! Präsenzpflicht durch Nüchternheit!

Und natürlich ist das alles Teil einer größeren Inszenierung. Parteitage sind Bühne. Sie sind Signal. Sie sind Machtdemonstration und Selbstvergewisserung zugleich.

Wenn der Vorsitzende erneut kandidiert, dann soll das Bild stimmen. Volle Reihen. Aufmerksamkeit. Geschlossene Front. Keine Delegierten, die versehentlich im Ausstellerbereich hängen bleiben, während im Saal die Rede läuft.

Ich stelle mir die Anweisung vor:

„Bitte im Plenum bleiben.“
„Warum?“
„Strategische Bewirtungsanpassung.“

Es hat fast etwas Pädagogisches. Wie bei einer Klassenfahrt.

„Erst zuhören, dann Limo.“

Aber ich muss sagen: Es ist konsequent. Wenn man möchte, dass Debatten bis zum Ende geführt werden, dann reduziert man Ablenkungen. In diesem Fall: flüssige.

Vielleicht ist das sogar ein neues Modell für die Politik insgesamt. Mehr Struktur. Weniger Umwege. Mehr Plenum. Weniger Promille.

Und dennoch bleibt diese wunderbare Absurdität. Eine Parteizentrale verschickt eine E-Mail mit dem Betreff „Anpassung der Bewirtung am Freitag“ – und das wird zur Schlagzeile.

Nicht das Wahlprogramm. Nicht die Reden. Nicht die Anträge.

Die Bewirtung.

Das ist politische Kulturgeschichte.

Vielleicht ist es auch ein Symbol unserer Zeit. Man ringt um Aufmerksamkeit, um Disziplin, um Programmabschlüsse. Und am Ende entscheidet die Frage: Wo ist das Getränk?

Ich sage euch: Wenn politische Konzentration vom Ausschank abhängt, dann haben wir zumindest ein Organisationsproblem – wenn nicht ein philosophisches.

Aber eines steht fest: Dieser Parteitag wird trocken. Zumindest zeitweise. Und das ist vielleicht die überraschendste Reform des Wochenendes.

Nicht bei der Arbeitszeit. Nicht bei Social Media.

Sondern am Zapfhahn.

Und wenn am Ende alle Delegierten brav bis zur letzten Abstimmung sitzen, dann wissen wir: Es war kein politischer Durchbruch.

Es war Mineralwasser.