Unsinkbar, unbezahlbar, unaufhaltbar

Willkommen auf der USS Lebenshaltungskosten
Von Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für politische Seefahrt, historische Eigentore und Vergleiche mit Leck
Ich sage es gleich: Wenn man die Wirtschaft eines Landes mit der Titanic vergleicht, sollte man wissen, wie die Geschichte endet. Spoiler: nicht mit Applaus, sondern mit einem sehr kalten Bad und vielen Erklärungen im Nachhinein.
Doch genau das ist passiert. Der amerikanische Vizepräsident JD Vance hat in einer Rede beschlossen, die wirtschaftliche Lage der Vereinigten Staaten mit jenem legendären Schiff zu vergleichen, das bis heute vor allem für eines bekannt ist: Es liegt am Grund des Ozeans und dient als Mahnmal für Selbstüberschätzung.
Das Ziel war klar: Die gestiegenen Lebenshaltungskosten sollten erklärt werden. Schuld sei – Überraschung – die Politik von Joe Biden. Die Metapher sollte wohl sagen: „Das ist alles kompliziert, kaputt und braucht Zeit.“
Was sie stattdessen sagte: „Wir sitzen auf einem Schiff, das historisch gesehen sehr schlechte Karten hatte.“
Der Satz, der alles versenkte
Vance erklärte sinngemäß:
Ja, es gebe eine Krise der Bezahlbarkeit.
Ja, sie sei verursacht worden durch frühere Politik.
Und dann kam der entscheidende Satz:
„Die Titanic lässt sich nicht über Nacht wenden.“
Ein Satz, der in Geschichtsbüchern vermutlich mit einem kleinen Sternchen versehen wird: „Bitte nicht nachmachen.“
Denn die Titanic wurde nicht gewendet.
Sie wurde nicht repariert.
Sie wurde nicht umgebaut.
Sie ging unter.
Und genau hier begann das kollektive Stirnrunzeln.
Sofortige Reaktionen aus dem Maschinenraum
Die politische Opposition reagierte schneller als der Eisberg damals. Ein demokratischer Gouverneur schrieb sinngemäß:
„Man wendet die Titanic überhaupt nicht.“
Das ist kein politisches Statement. Das ist ein physikalischer Hinweis.
Ein anderer Gouverneur legte noch einen drauf und postete ein Meme, das bereits jetzt als Klassiker der politischen Internetkultur gilt: Im Hintergrund die Musik aus dem Film Titanic, vorne eine Szene am Bug – nur dass dort nicht Jack und Rose stehen, sondern Vance und Donald Trump.
Liebevoll umarmt. Während das Schiff… nun ja… tut, was es historisch korrekt tut.
Wenn Metaphern gegen ihren Erfinder arbeiten
Man muss fair sein: Politiker lieben Metaphern.
Sie sind anschaulich.
Sie sind emotional.
Und sie sind brandgefährlich, wenn man sie nicht zu Ende denkt.
Denn wer die Wirtschaft mit der Titanic vergleicht, sagt ungewollt noch viel mehr:
Sie galt als unsinkbar.
Die Warnungen wurden ignoriert.
Es gab zu wenige Rettungsboote.
Und am Ende hieß es: „Das konnte ja keiner ahnen.“
Das ist keine Werbung. Das ist ein Protokoll.
Ein kurzer Geschichtsausflug (sehr zu empfehlen)
Zur Erinnerung – falls jemand im Geschichtsunterricht Kreide holen war:
Die Titanic lief am 10. April 1912 in Southampton aus.
Mehr als 2200 Menschen an Bord.
Ziel: New York.
Selbstbild: unbesiegbar.
Ein paar Tage später traf man einen Eisberg.
Und zwar nicht symbolisch.
Sondern sehr real.
Der Rest ist Geschichte. Kalte Geschichte. Mit sehr wenig Happy End.
Social Media: Der Eisberg mit WLAN
Natürlich dauerte es keine fünf Minuten, bis soziale Medien die Metapher in ihre Einzelteile zerlegt hatten. Memes. Clips. Musik. Standbilder. Menschen erklärten sehr geduldig, dass die Titanic kein gutes Beispiel für „langsam reparieren“ sei.
Das Internet liebt solche Momente. Nicht aus Bosheit – sondern aus Dankbarkeit. Denn politische Vergleiche dieser Art sind Geschenke. Man muss sie nur auspacken.
Ich bewundere den Mut. Wirklich.
Nicht jeder traut sich, ein historisches Desaster als erklärendes Vorbild zu wählen. Das ist konsequent. Fragwürdig, aber konsequent.
Wenn man die Wirtschaft mit der Titanic vergleicht, sollte man wenigstens dazusagen, dass man nicht der Kapitän ist, dass man Rettungsboote hat und dass man den Eisberg gesehen hat. Alles andere wirkt… nun ja… wie Pfeifen im Maschinenraum.
Vielleicht wollte der Vizepräsident sagen: „Es braucht Zeit.“
Was angekommen ist: „Wir fahren, und irgendwas ist sehr kalt.“
Und so bleibt uns am Ende nur eine Lehre:
Metaphern sind wie Schiffe.
Man sollte vorher prüfen, ob sie schwimmen.


