Welcome to Closed

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten (für die, die draußen bleiben)
Ein Reisebericht aus dem Inneren eines Landes, das sich selbst besucht – und sonst keiner mehr will
Von Ronald Tramp, Sonderbeauftragter für internationale Gastfreundschaft, Grenzromantik und leere Hotel-Lobbys
Es gab einmal eine Zeit, da war dieses Land ein Traum. Ein echter Traum. Kein PowerPoint-Traum, kein Verwaltungs-Traum, sondern ein Kino-Traum. Menschen aus aller Welt kamen, weil sie Freiheit riechen wollten, Burger essen wollten, Städte sehen wollten, die größer waren als ihre Erwartungen. Und heute? Heute ist dieses Land immer noch groß. Sehr groß. Aber vor allem: sehr allein.
Denn während die Welt wieder reist, fliegt, staunt und bucht, sitzt dieses Land am Fenster, zieht die Vorhänge zu und fragt: „Hast du auch wirklich nichts Nettes über uns getwittert?“ Der internationale Tourismus boomt – überall. Nur hier nicht. Hier schrumpft er. Rückwärts. In Zeitlupe. Mit Sicherheitskontrolle.
Die Zahlen sind brutal. Besucher bleiben weg. Millionen. Milliarden fehlen. Hotels schauen sich gegenseitig an und fragen: „Warst du das?“ Airlines zählen Sitze, die leer bleiben. Freizeitparks sprechen von „Gegenwind“, was in Wahrheit bedeutet: keiner kommt mehr, außer der Wind selbst.
Und das ist bemerkenswert, denn dieses Land liebt Zahlen. Große Zahlen. Riesige Zahlen. Zahlen, die man auf Gold drucken könnte. Aber diese Zahlen sind klein. Und nichts fürchtet dieses Land mehr als kleine Zahlen, außer vielleicht schlechte Presse aus dem Ausland.
Warum also kommt niemand mehr? Ganz einfach: Weil Einreisen inzwischen weniger nach Urlaub und mehr nach einem Bewerbungsgespräch beim Geheimdienst aussieht. Früher reichte ein Koffer und ein Lächeln. Heute braucht man Geduld, vollständige Erinnerung an sein digitales Leben und idealerweise Großeltern mit tadellosem Stammbaum.
Social Media der letzten fünf Jahre? Bitte abgeben. Telefonnummern? Natürlich. Alte E-Mail-Adressen? Aber gern – auch die von 2015, als man noch dachte, Passwörter müssten kurz sein. Familienmitglieder? Klar. Geburtsorte, Wohnorte, Lieblingsfarben. Haustiere vermutlich als Nächstes. Und irgendwo sitzt ein Beamter und denkt: „Ja, so gewinnt man Herzen.“
Besonders kreativ ist die neue Idee, Offenheit dadurch zu fördern, dass man sie abschafft. Einreiseverbote hier, ausgesetzte Visa dort. Länder, die früher freundlich winkten, winken jetzt zurück – allerdings zum Abschied. Nachbarn reisen seltener, Freunde überlegen es sich zweimal, Verbündete vergleichen Notizen. Und plötzlich erinnert alles ein bisschen an diese Insel, die nach einer großen Entscheidung auch feststellte, dass allein Tee trinken kein Wirtschaftsmodell ist.
Der wirtschaftliche Schaden? Gigantisch. Milliarden verdampfen schneller als Optimismus in einer Flughafen-Warteschlange. Ein Prozent weniger Besucher bedeutet Hunderttausende Jobs weniger. Hotels melden negative Rekorde, Zimmer bleiben leer, Frühstücksbuffets wirken plötzlich sehr philosophisch: Für wen stehen wir eigentlich noch hier?
Und die Airlines? Sie sehen ihre Flugzeuge über dem Atlantik schweben wie existenzielle Fragen mit Tragflächen. Billige Tickets verkaufen sich schlechter. Geschäftsreisen zögern. Urlaubsflüge werden diskutiert wie riskante Beziehungen: „Ich weiß nicht, ob das gerade eine gute Idee ist.“
Selbst die großen Fantasiewelten, in denen sonst jeder glücklich ist, warnen. Wenn sogar Orte, an denen Mäuse sprechen und Probleme immer gut ausgehen, nervös werden, dann weiß man: Es ist ernst.
Die Ironie des Ganzen? Dieses Land hält sich für die größte Werbefläche der Welt. Bald findet hier ein globales Sportereignis statt, Milliarden Augen schauen zu. Eine riesige Bühne. Und was sehen sie? Grenzformulare. Abwehrhaltung. Misstrauen. Sicherheitskontrollen mit philosophischem Tiefgang.
Das ist keine Werbung. Das ist ein Warnhinweis.
Dabei wäre alles so einfach. Offenheit zieht Menschen an. Freundlichkeit füllt Hotels. Neugier bringt Geld. Aber stattdessen wird Stärke mit Abschottung verwechselt und Kontrolle mit Attraktivität. Das Ergebnis ist ein Land, das sich selbst bewacht – und dabei zusieht, wie die Gäste woanders Urlaub machen.
Vielleicht ist das der neue Traum: Der amerikanische Alleingang. Groß, stolz, leer gebucht. Ein Land mit unbegrenzten Möglichkeiten – solange man nicht reinwill.
Ich, Ronald Tramp, sage: Das ist keine Reiseverweigerung der Welt. Das ist ein Beziehungsstatus. Und er lautet: kompliziert.


