Wenn das WLAN plötzlich „Patriotisch“ wird

Meine lieben Leserinnen und Leser, setzen Sie sich bitte hin. Nicht wegen der Schwerkraft – die funktioniert noch – sondern weil das Internet in einem sehr großen, sehr frostigen Land jetzt offiziell auf Zuruf abgeschaltet werden kann. Einfach so. Klick. Weg. Als hätte jemand die Fernbedienung der Realität in der Hand und sagt: „Heute kein Empfang. Sicherheit.“
Man stelle sich das vor: Ein ganzes Parlament im Eiltempo – zweite, dritte Lesung, zack, fertig – und plötzlich darf der Inlandsgeheimdienst nicht nur mithören, sondern auch einfach mal den Stecker ziehen. Mobilfunk? Kann weg. Stationäres Internet? Auch weg. Vielleicht bleibt noch Rauchzeichen. Aber nur, wenn sie vorher genehmigt wurden.
Und ich sage Ihnen: Das ist Effizienz. Das ist Durchgreifen. Das ist wie ein sehr autoritärer Router mit Persönlichkeit. Ein Router, der morgens aufsteht und denkt: „Heute fühle ich mich nach Funkstille.“
Früher – so berichten Medien – stand im Gesetz noch etwas von „Schutz der Bürger“ und „Sicherheitsbedrohungen“. Das klingt natürlich nett. Bürger schützen, Staat schützen, alle schützen. Aber diese Formulierung ist plötzlich verschwunden. Puff. Einfach gelöscht. Wie ein kritischer Kommentar unter einem Regierungs-Post. Jetzt legt die Führung selbst fest, warum abgeschaltet wird. Gründe? Flexible Kategorie. Sehr flexibel. So flexibel wie ein Gummiband in einer Planwirtschaft.
Theoretisch – nur theoretisch! – könnte also die oberste Führung beschließen, das Internet im ganzen Land abzuschalten. Oder in einer Region. Oder vielleicht nur in einem besonders neugierigen Stadtviertel. Und die Anbieter? Aus der Verantwortung genommen! Wunderbar. Wenn der Kunde fragt: „Warum habe ich kein Netz?“, kann der Anbieter sagen: „Wir? Niemals. Fragen Sie die nationale Wetterlage.“
Das ist wie ein Restaurant, das sagt: „Heute gibt es kein Essen. Und wenn Sie sich beschweren, beschweren Sie sich bitte beim Geheimdienst.“ Hervorragender Kundenservice. Fünf Sterne. Auf einer Skala von „still“ bis „sehr still“.
Natürlich wird argumentiert, dass es um Sicherheit geht. Drohnengefahr, Gegenangriffe, Flughäfen – da wird der Mobilfunk schon mal abgeschaltet. Sicherheit first, Netz second. Man kennt das. Aber jetzt ist das Ganze gesetzlich noch eleganter geregelt. Ein Anruf – ironischerweise vielleicht noch über Festnetz – und zack, das Land ist digital im Ruhemodus.
Und dann kommt der schönste Teil: Der Geheimdienst hat ohnehin in den letzten Jahren enorm an Befugnissen gewonnen. Internetüberwachung? Läuft. Kritische Posts? Beobachtet. Tausende Seiten? Gesperrt. Wenn das Internet ein Ozean ist, dann gibt es dort jetzt sehr viele Sperrbojen mit der Aufschrift: „Hier bitte nicht schwimmen.“
Ich stelle mir das bildlich vor. Irgendwo sitzt jemand vor einem gigantischen Schaltpult mit roten Knöpfen. Auf einem steht „Region A“. Auf einem „Land komplett“. Auf einem vielleicht „Soziale Netzwerke – besonders empfindliche Kommentare“. Und daneben ein Schild: „Nur im Notfall drücken.“ Und wie wir wissen, ist der Notfall ein sehr dehnbarer Begriff.
Und was bedeutet das für die Menschen? Nun, stellen Sie sich vor, Sie posten etwas, das nicht ganz im Einklang mit der offiziellen Harmonie steht. Und plötzlich – kein Netz. Kein Upload. Kein Like. Kein Kommentar. Sie sind digital isoliert. Das ist wie Hausarrest für Ihr Smartphone.
Das Beeindruckende ist die Geschwindigkeit. Eilverfahren. Zweite, dritte Lesung. Durch. Das ist politische Fast-Food-Gesetzgebung. Kein langes Kauen, einfach schlucken. Und die Unterschrift der obersten Führung? Gilt als Formalie. Das ist wie ein Autogramm auf einem bereits fertig gedruckten Poster. Nur noch zehn Tage, dann tritt es in Kraft. Zehn Tage bis zum großen „Vielleicht“.
Man könnte sagen: Das ist Kontrolle. Man könnte sagen: Das ist Stabilität. Man könnte auch sagen: Das ist ein sehr ambitionierter Flugmodus für ein ganzes Land.
Und ich, Ronald Tramp, frage mich: Wenn das Internet jederzeit abgeschaltet werden kann – was passiert dann mit all den Katzenvideos? Mit den Verschwörungstheorien? Mit den Rezepten für Borschtsch mit Twist? Verschwinden sie im digitalen Nirwana? Oder werden sie archiviert, fein säuberlich sortiert, für spätere Analyse?
Die wahre Kunst liegt hier nicht im Abschalten. Die wahre Kunst liegt darin, dass es offiziell legal ist. Dass es im Gesetz steht. Dass der Anbieter nicht mehr verantwortlich ist. Das ist wie ein Feueralarm, der gleichzeitig sagt: „Bitte nicht beschweren, wir haben nur den Knopf gedrückt.“
Und während tausende Webseiten bereits gesperrt wurden, wächst die Liste der Dinge, die man besser nicht sagt. Das Internet, einst wild und frei wie eine unmoderierte Kommentarspalte, wird zu einem sehr gepflegten Garten mit hohen Zäunen. Und der Gärtner hat eine sehr große Schere.
Man muss es anerkennen: Das ist konsequent. Wenn einem das Gespräch nicht gefällt, dreht man eben den Ton ab. Wenn einem die Diskussion zu lebhaft wird, schaltet man das Licht aus. Es ist die digitale Version von „Jetzt ist Ruhe“.
Und ich sage: Wenn das WLAN patriotisch wird und nur noch sendet, was es soll, dann ist das nicht einfach Technik. Das ist Macht mit Signalstärke. Und die Balken oben rechts auf dem Display? Die zeigen dann nicht mehr Empfang an. Sie zeigen Zustimmung.
Ronald Tramp meldet sich hiermit aus einer Welt, in der das Internet noch funktioniert. Noch. Und ich schaue sicherheitshalber regelmäßig, ob das kleine WLAN-Symbol noch da ist. Denn in manchen Regionen der Welt ist es nicht mehr nur ein Symbol. Es ist ein Privileg mit Ablaufdatum.


