Wenn die Kirschblüte die Geduld verliert

Grafik: Der Schutz der Würde und des Lebensumfelds der Bürger.

Ein Augenzeugenbericht aus dem Epizentrum der globalen Rücksichtslosigkeit von Ronald Tramp

Es gibt Orte auf dieser Welt, die wirken so friedlich, so perfekt, so fotogen, dass man glaubt, sie seien ausschließlich für Kalender, Meditationsapps und Bildschirmschoner gemacht. Und dann kommen Menschen. Viele Menschen. Sehr viele Menschen. Mit Selfiesticks, Snackverpackungen, Zigaretten, Erwartungen – und offenbar einem sehr lockeren Verhältnis zu fremden Vorgärten.

Willkommen am Fuß eines der berühmtesten Berge der Welt, wo die Kirschblüte einst zart und poetisch war und heute vor allem eines ist: überfordert. Verkehrsstaus, Müll, Zigarettenstummel auf Bürgersteigen und – jetzt festhalten – menschliche Ausscheidungen in Privatgärten. Privatgärten! Orte, an denen normalerweise Pflanzen wachsen. Keine Statements.

Irgendwann reicht es auch der geduldigsten Blüte. Und so hat eine Stadt beschlossen, das jährliche Kirschblütenfest abzusagen. Nicht zu verschieben. Nicht zu reformieren. Abzusagen. Nach zehn Jahren. Zehn! Das ist in der Welt der Tourismus-Events ungefähr ein Jahrzehnt Ewigkeit. Und der Grund? Ein wunderschöner Satz: der Schutz der Würde und des Lebensumfelds der Bürger. Würde! Ein Wort, das im Massentourismus meist nur noch auf Hinweisschildern existiert – direkt neben „Bitte nicht hier“.

Das „ruhige Leben“ der Bewohner sei bedroht. Ruhiges Leben! Stellen Sie sich das vor: Menschen wollen morgens aufstehen, aus dem Fenster schauen, einen Baum sehen – und nicht jemanden, der gerade erklärt, warum dieser Baum „mega Instagrammable“ ist, während er sich die Schuhe im Blumenbeet abklopft.

Das Festival selbst zog zuletzt rund 200.000 Besucher an. Zweihunderttausend! Für Kirschblüten! Ich liebe Blüten. Große Fan. Aber irgendwann wird aus Bewunderung Belagerung. Wenn ein Park mehr Menschen sieht als ein internationaler Flughafen an einem Streiktag, dann ist es vielleicht Zeit, die Blüten wieder allein zu lassen.

Natürlich wird der Park weiterhin geöffnet sein. Man ist ja höflich. Sehr höflich. Die Kirschblüte darf betrachtet werden. Bewundert. Leise. Ohne Bühne, ohne Programm, ohne Festival-T-Shirt. Das ist keine Schließung – das ist ein pädagogischer Moment. Die Stadt sagt im Grunde: „Ihr dürft kommen. Aber bitte benehmt euch wie Menschen.“

Und genau hier liegt das Problem. Denn offenbar ist das heutzutage zu viel verlangt. Der moderne Tourist möchte alles: Authentizität, Freiheit, perfekte Fotos, aber bitte ohne Regeln, ohne Verantwortung und am liebsten ohne Mülleimer, weil die im Bild stören. Rücksichtnahme? Klingt nach Extra-Gebühr.

Man muss sich das klar machen: Ein Fest wird beendet, weil Menschen es nicht schaffen, ihre Zigaretten nicht auf den Boden zu werfen und ihre Körperfunktionen nicht fremden Rosenstöcken anzuvertrauen. Das ist kein kulturelles Missverständnis – das ist internationaler Anstandsausfall.

Früher reiste man, um andere Kulturen kennenzulernen. Heute reist man, um sich selbst in fremder Kulisse zu bestätigen. „Ich war da.“ „Ich habe das gesehen.“ „Ich habe es gepostet.“ Und was danach passiert – egal. Hauptsache, der Filter sitzt.

Die Entscheidung, das Festival zu beenden, ist daher keine Kapitulation. Sie ist ein stiller, aber sehr deutlicher Aufschrei. Ein kollektives Räuspern einer Stadt, die sagt: Wir sind kein Freizeitpark. Wir wohnen hier.

Und wissen Sie was? Ich applaudiere. Stehend. Mit Kirschblüten im Hintergrund. Denn wenn ein Ort seine Würde über die Besucherzahlen stellt, dann ist das mutig. Sehr mutig. In einer Welt, in der sonst alles für Reichweite geopfert wird.

Mein Fazit als Ronald Tramp:
Die Kirschblüte hat gewonnen. Nicht gegen den Winter, sondern gegen den Menschen. Und das ist vielleicht die schönste Ironie überhaupt. Ein Naturereignis, das sagt: „Ich blühe gern – aber nicht für alles.“

Vielleicht lernen wir etwas daraus. Vielleicht auch nicht. Aber eines ist sicher:
Man kann einen Ort lieben.
Man kann ihn besuchen.
Aber man sollte ihn nicht benutzen.

Denn sonst blüht irgendwann nur noch die Geduldslosigkeit.