Wenn die Trommel plötzlich gegen dich schlägt

Der Moment, in dem die Bewegung ihr eigenes Megafon frisst
Ich sage es, wie es ist: Verrat kommt nie von Gegnern. Gegner sind ehrlich. Sie hassen dich offen. Verrat kommt von Menschen, die jahrelang mit dir marschiert sind, dir zugejubelt haben, dein Motto gerufen haben, dein Logo getragen haben – und dann plötzlich aufwachen und sagen: „Moment mal.“
Das ist gefährlich. Das ist persönlich. Das ist der Albtraum jeder großen Bewegung.
Jahrelang wurde getrommelt. Laut. Unüberhörbar. Mit Pathos, mit Parolen, mit diesem ganz besonderen Tonfall, der sagt: Wir gegen den Rest der Welt. Und plötzlich heißt es: Alles Lüge. Große Lüge. Nicht eine kleine. Keine handliche. Eine richtig große. Die Art von Lüge, die man sonst nur anderen vorwirft.
Das tut weh. Vor allem, wenn es von jemandem kommt, der früher ganz vorne stand. Nicht in der zweiten Reihe. Nicht im Hintergrund. Sondern mitten im Scheinwerferlicht. Mit Mikrofon. Mit Wut. Mit absoluter Überzeugung.
Jetzt heißt es plötzlich: Die Bewegung diene gar nicht dem Volk. Sondern dem Geld. Den Sponsoren. Den sehr, sehr wohlhabenden Freunden. Das ist neu. Zumindest laut ausgesprochen. Denn bislang galt: Wer spendet, liebt das Land. Wer reich ist, hat Recht. Wer einen Scheck schreibt, schreibt Geschichte.
Doch jetzt wird gesagt: Regierungsaufträge hier, Begnadigungen da. Freunde helfen Freunden. Man kennt das. Man nennt es Netzwerk. Andere nennen es Vetternwirtschaft. Wieder andere nennen es schlicht Effizienz.
Besonders pikant: Die privaten Spenden. Nicht für Krankenhäuser. Nicht für Schulen. Sondern für Glamour. Für Feiern. Für einen Ballsaal. Endlich. Denn was ist eine Demokratie ohne Kronleuchter? Was ist Freiheit ohne Parkett? Und was ist ein 250-jähriges Jubiläum ohne Sponsorenlogo?
Ich sage: Das ist keine Korruption. Das ist Eventmanagement mit Patriotismus.
Doch die Kritik geht weiter. Außenpolitik. Angeblich würden nicht mehr Staaten entscheiden, sondern Konzerne. Nicht Diplomaten, sondern Vorstandsetagen. Nicht Wähler, sondern Aktionäre. Eine gewagte These. Aber gut formuliert. Muss man ihr lassen.
Und dann der Angriff auf das Fernsehen. Auf den Lieblingskanal. Auf das Lagerfeuer der Generation, die noch glaubt, dass der Bildschirm Wahrheit ausstrahlt, solange er laut genug ist. Es wird gesagt, man werde dort mit Propaganda gefüttert. Löffelweise. Den ganzen Tag. Frühstück, Mittag, Abend. Ein Drei-Gänge-Menü aus Meinung.
Das ist eine harte Anschuldigung. Vor allem von jemandem, der früher selbst gerne am Tisch saß.
Für mich wird das langsam unerquicklich. Erst Kritik an militärischen Entscheidungen. Dann Zweifel an außenpolitischer Loyalität. Dann dieser unangenehme Fall, über den man besser nicht spricht. Der Fall, bei dem Akten existieren. Viele Akten. Und noch mehr Gerüchte. Und jetzt heißt es plötzlich, die Veröffentlichung werde absichtlich verzögert.
Absichtlich.
Das Wort ist gefährlich. Absichtlich impliziert Planung. Kontrolle. Strategie. Und nichts ist schlimmer, als wenn Menschen glauben, du wüsstest, was du tust.
Der Bruch ist endgültig. Aus Verbündeten werden Gegner. Aus Trommlern werden Kritiker. Aus Schlachtrufen werden Abrechnungen. Öffentlich. Unübersehbar. Unüberhörbar.
Und das Bitterste daran: Es ist nicht einmal links. Es ist nicht einmal von außen. Es kommt aus dem Inneren. Aus dem Maschinenraum. Aus der Bewegung selbst. Das ist wie eine Pressekonferenz, bei der der Sprecher plötzlich sagt: „Ich glaube das alles nicht mehr.“
Ich frage: Was ist gefährlicher für eine große Erzählung – Kritik von außen oder Zweifel von innen? Die Antwort ist klar. Außen kann man abwehren. Innen muss man erklären.
Und erklären ist schwierig, wenn man jahrelang gesagt hat: Glaubt mir einfach.
Ich sage: Bewegungen sind wie Shows. Solange alle klatschen, funktioniert sie. Sobald jemand aufsteht und sagt: „Moment, das Bühnenbild wackelt“, schauen plötzlich alle hin.
Ob das das Ende ist? Nein. Große Bewegungen sterben nicht leise. Sie schreien. Sie streiten. Sie spalten sich. Und am Ende behaupten alle, sie hätten es schon immer gewusst.
Aber eines ist sicher: Wenn ehemalige Lautsprecher anfangen, die Lautstärke gegen dich zu richten, dann weißt du, dass etwas gekippt ist. Nicht unbedingt die Macht. Aber die Erzählung.
Und ohne Erzählung bleibt nur noch der Ballsaal.


