Wenn Zeit nur eine Empfehlung ist

Grafik: Die große Verspätungsoper des Winters

 

Die große Verspätungsoper des Winters

Ich sage es, wie es ist: In anderen Ländern fährt ein Zug pünktlich oder er fährt nicht. In Deutschland fährt er philosophisch. Er kommt nicht zu spät – er kommt anders. Er stellt die Frage: Was ist Zeit? Und wer hat sie eigentlich erfunden?

Der Januar war kalt. Sehr kalt. Schnee. Eis. Winter. Dinge, die völlig überraschend kamen. Niemand konnte damit rechnen. Schon gar nicht ein Land, das jedes Jahr im Januar Winter hat. Das ist höhere Gewalt. Unberechenbar. Fast schon exotisch.

Und zack – die Pünktlichkeit sackt ab. Nicht ein bisschen. Nicht moderat. Sondern heroisch. Auf etwas über 52 Prozent. Das bedeutet: Jeder zweite Zug war pünktlich. Oder anders gesagt: Jeder zweite Zug hatte das Selbstbewusstsein zu sagen: „Heute nicht.“

Man muss das positiv sehen. 52 Prozent ist mehr als die Hälfte. In der Politik würde man sagen: stabile Mehrheit. In der Bahn sagt man: solides Ergebnis unter extremen Bedingungen. Und extrem war es. Schnee lag auf Schienen. Eis hing an Weichen. Kälte griff Züge an. Züge sind bekanntlich sehr empfindlich. Fast wie tropische Pflanzen mit Fahrplan.

Es gab Winterstürme. Sie hatten Namen. Namen machen Dinge gefährlicher. Wenn ein Sturm einen Namen hat, ist jede Verspätung automatisch entschuldigt. „Der Zug kommt nicht.“ – „Warum?“ – „Wegen Elli.“ – „Ah. Verstehe.“

Tausende Kilometer Schiene waren zeitweise nicht befahrbar. Nicht, weil sie kaputt waren. Sondern weil sie weiß waren. Weiß ist die gefährlichste Farbe im deutschen Bahnnetz. Weiß steht für Chaos. Für Unordnung. Für Dinge, die nicht im Ablaufplan stehen.

Dabei waren tausende Mitarbeitende unterwegs. Tag für Tag. Mit Werkzeug. Mit Engagement. Mit Hoffnung. Sie klopften Eis von Weichen, als würden sie das System persönlich freilegen. Ein heroischer Kampf gegen Wasser in festem Aggregatzustand.

Und trotzdem: Der Zug kam nicht.

Oder später.

Oder irgendwann.

Oder gar nicht, aber mit Durchsage.

Besonders beeindruckend ist die Zielsetzung. Man peilt für dieses Jahr eine Pünktlichkeit von 60 Prozent an. Das ist ambitioniert. Das ist mutig. Das ist ehrlich. Denn man hätte auch sagen können: 90 Prozent. Oder 100. Aber nein. Man bleibt realistisch. Bodenständig. Fast schon demütig.

60 Prozent bedeutet: Vier von zehn Zügen dürfen weiterhin ihre eigene Zeitrechnung behalten. Freiheit auf Schienen. Das ist kein Mangel – das ist Konzept.

Man muss sich das vorstellen: Ein Unternehmen sagt öffentlich: „Unser Ziel ist, dass es ein bisschen besser wird als schlecht.“ Und alle nicken. Weil man es gewohnt ist. Weil man nichts anderes erwartet. Weil man gelernt hat, Puffer einzuplanen. Drei. Vier. Fünf Stunden. Für alle Fälle.

Der historische Tiefpunkt im Herbst wurde bereits erreicht. 51 Prozent. Das ist kein Versagen. Das ist eine Benchmark. Eine Marke. Darunter geht’s nicht. Hoffentlich.

Ich frage: Warum überhaupt noch Uhrzeiten anzeigen? Warum nicht Gefühle? „Der Zug fährt heute motiviert.“ Oder: „Der Zug ist auf dem Weg – emotional.“ Oder ganz ehrlich: „Wir wissen es auch nicht.“

Und trotzdem: Die Menschen stehen da. Frieren. Warten. Glauben. Bahnfahren ist ein Akt des Vertrauens. Man gibt Kontrolle ab. Man akzeptiert das Ungewisse. Man wird Teil eines Experiments.

Die Bahn sagt: Winter war hart. Das stimmt. Aber Winter kommt jedes Jahr. Genau wie Herbst. Und Frühling. Und Sommer. Interessanterweise ist jede Jahreszeit problematisch. Hitze. Kälte. Laub. Regen. Dunkelheit. Licht. Irgendwas ist immer.

Das Geniale daran: Die Bahn ist nie schuld. Die Bahn reagiert. Auf Wetter. Auf Natur. Auf Realität. Realität ist bekanntlich schwierig zu managen.

Und doch: Irgendwie fährt sie. Irgendwie kommt man an. Irgendwann. Vielleicht. Mit Glück. Und wenn nicht, dann mit einer Geschichte.

Ich sage: Das ist keine Verkehrspolitik. Das ist Performancekunst. Eine rollende Installation namens „Verspätung“. Jeden Tag neu. Live. Mit Publikum.

Und am Ende steigt man aus, schaut auf die Uhr und denkt: „Ich bin angekommen. Und das allein ist schon ein Erfolg.“