Willkommen im Digitalen Mittelalter

Grafik: offline mit Anspruch

 

Wo das Internet Urlaub macht und 2G als Erlebnis gilt

Ich sage es, wie es ist: Deutschland ist digital. Also theoretisch. Auf Plakaten. In Reden. In PowerPoint-Präsentationen mit Pfeilen nach oben. Praktisch hingegen ist Deutschland vor allem eins: offline mit Anspruch.

Man hat Smartphones. Man hat Apps. Man hat Streaming-Abos. Man hat alles – außer Empfang. Und Empfang ist bekanntlich überbewertet. Denn wahre Digitalisierung findet im Kopf statt. Oder im Funkloch. Je nachdem, wo man gerade steht.

Fast 14 Prozent der Fläche sind nicht richtig versorgt. Das klingt wenig, bis man versteht, dass Fläche in Deutschland nicht aus Parkplätzen besteht, sondern aus Gegenden, in denen Menschen wohnen, arbeiten, Auto fahren, Hilfe rufen und gelegentlich Google Maps brauchen, um herauszufinden, wo sie gerade kein Netz haben.

In diesen Gebieten gibt es höchstens zwei Anbieter mit schnellem Netz. Höchstens. Wer den falschen Vertrag hat, fällt zurück in die Vergangenheit. Direkt in 2G. Ein Netz, das so alt ist, dass es eigentlich schon unter Denkmalschutz stehen müsste. 2G ist kein Internet. 2G ist Nostalgie. 2G ist der Modem-Ton der Gegenwart – nur ohne Ton, weil Telefonieren manchmal auch nicht geht.

Und dann gibt es die Hardcore-Zonen. Fast zwei Prozent der Fläche. Dort funktioniert nichts. Kein schnelles Netz. Kein langsames Netz. Teilweise nicht einmal Sprache. Das ist kein Funkloch mehr – das ist Funkfreiheit. Ein Ort, an dem das Smartphone endlich Ruhe hat. Digital Detox zwangsverordnet.

Natürlich sollen diese Lücken geschlossen werden. Seit Jahren. Jahrzehnten. Immer bald. Sehr bald. Ganz bald. Spätestens in der nächsten Legislaturperiode. Oder der übernächsten. Oder sobald der Mast genehmigt, geprüft, beklagt, neu geplant und endgültig verschoben wurde.

Der Ausbau stockt. Und zwar sichtbar. Messbar. Stolz dokumentiert. Das Tempo beim Stopfen der Funklöcher hat sich fast halbiert. Das ist auch eine Leistung. Nicht jeder schafft es, langsamer voranzukommen als zuvor. Das erfordert Koordination.

Noch schöner ist der Blick nach vorne. Für 85 Prozent der bekannten Funklöcher gibt es keine Pläne. Gar keine. Nicht einmal schlechte. Einfach nichts. Das ist ehrliche Kommunikation. Man weiß, wo es nicht geht – und weiß gleichzeitig, dass es dort so bleibt. Planungssicherheit nennt man das.

Diese Funklöcher umfassen tausende Quadratkilometer. Das sind keine einzelnen Täler. Das sind Regionen. Landstriche. Orte mit Kühen, Menschen und dem festen Glauben, dass mobiles Internet eine urbane Legende ist.

Der ländliche Raum ist besonders betroffen. Dort, wo Platz wäre für Masten, Antennen und Zukunft, herrscht Funkstille. Ausgerechnet dort, wo man Digitalisierung bräuchte, um Distanzen zu überwinden, fährt man digital im Standgas. Oder gar nicht.

Manche Regionen sind so schlecht versorgt, dass mobiles Surfen eher ein spirituelles Erlebnis ist. Man lädt eine Seite und meditiert, bis sie erscheint. Wenn sie erscheint. Wenn nicht, war es eben nicht der richtige Moment.

Andere Bundesländer schneiden besonders schlecht ab. Große Flächen, wenig Netz, viel Hoffnung. Während Städte glänzen wie digitale Oasen, steht das Umland daneben und ruft: „Hallo?“ – ohne Antwort.

Natürlich gab es Fortschritte. Der Anteil unterversorgter Flächen ist gesunken. Minimal. Aber messbar. Das wurde gefeiert. Zu Recht. Jeder Balken zählt. Jeder halbe Prozentpunkt ist ein Sieg. Man muss nur lange genug warten, dann fühlt sich Stillstand wie Fortschritt an.

Das große Ziel bleibt bestehen: Fast vollständige Versorgung bis 2028. Ein schönes Jahr. Liegt gut in der Zukunft. Weit genug weg, um ambitioniert zu wirken. Nah genug, um Hoffnung zu verkaufen. Und flexibel genug, um es später noch einmal neu zu definieren.

Bis dahin bleibt das Funkloch ein fester Bestandteil der deutschen Landschaft. So wie Wälder, Felder und Ortsschilder ohne Empfang. Man kennt es. Man plant damit. Man lernt, Gespräche vorher zu führen, Routen auszudrucken und Nachrichten zu schreiben, die später versendet werden – vielleicht.

Ich sage: Das ist keine digitale Krise. Das ist digitale Identität. Deutschland steht für Qualität. Und Qualität braucht Zeit. Sehr viel Zeit. Am besten ohne Netz, damit man nicht abgelenkt wird.

Während andere Länder über flächendeckendes 5G sprechen, diskutiert man hier, ob zwei Balken ausreichen. Spoiler: Tun sie nicht. Aber sie geben Hoffnung.

Und Hoffnung ist das stärkste Signal von allen.