Willkommen im Land der unbegrenzten Zumutbarkeit

Von Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für Grenzpolitik, Kinderlogik und staatlich organisierte Erstarrung
Ich sage es, wie es ist: Es gibt Länder, die verschieben Grenzen auf Landkarten. Und es gibt Länder, die verschieben Grenzen des Machbaren. Jeden Tag ein bisschen. So lange, bis niemand mehr protestiert, weil alle zu müde sind. Willkommen in der neuen Disziplin der US-Politik: Resignationsmanagement.
Im Großraum Minneapolis – jener Gegend, die früher einmal für Seen, Höflichkeit und Winter bekannt war – hat die Einwanderungsbehörde Immigration and Customs Enforcement mindestens vier Kinder in Gewahrsam genommen. Kinder. Minderjährige. Menschen, deren größte Sorge normalerweise sein sollte, ob das Pausenbrot schmeckt. Darunter: ein fünfjähriger Junge.
Fünf. Jahre. Alt.
Maskierte Männer, ein Haus und ein Kind
Der Junge musste mit ansehen, wie maskierte Behördenmitarbeiter seinen Vater direkt vor dem eigenen Haus festnahmen. Maskiert. Vor einem Wohnhaus. In einer Nachbarschaft. Und dann – jetzt bitte festhalten – brachten dieselben Beamten den Jungen zurück zur Haustür und sagten ihm, er solle anklopfen.
Klopfen.
Allein.
Mit fünf.
Das ist kein Verwaltungsakt. Das ist Performancekunst in der Kategorie „Wie traumatisiere ich effizient“.
Eine Stadträtin, die den Vorfall beobachtete, beschrieb den Gesichtsausdruck des Kindes: erstarrt, gelähmt, stumm vor Angst. Er weinte nicht. Er war darüber hinaus. Das ist der Punkt, an dem Kinder nicht mehr reagieren – sondern einfrieren.
Aber keine Sorge: Laut offizieller Darstellung war das alles nicht so gemeint.
Die offizielle Version: Niemand wollte das Kind
Das zuständige Ministerium erklärte pflichtbewusst, man habe nicht auf ein Kind abgezielt. Der Vater habe sich illegal im Land aufgehalten. Er sei geflohen. Das Kind sei zurückgelassen worden. Und überhaupt: Man habe doch nur seinen Job gemacht.
Das ist immer der beruhigendste Satz in solchen Momenten.
„Wir haben nur unseren Job gemacht.“
Die Familie allerdings – und das ist der kleine Haken – hatte ein laufendes Asylverfahren. Es lag kein Abschiebebefehl vor. Also kein Grund zur Eile. Kein Notfall. Keine Gefahr im Verzug. Außer vielleicht der Gefahr, Menschlichkeit zu zeigen.
Eine Schulrätin stellte deshalb die logischste aller Fragen:
„Warum nimmt man einen Fünfjährigen fest?“
Eine Frage, die erstaunlich selten beantwortet wird.
Drei weitere Kinder – Routine statt Ausnahme
Und weil Einzelfälle heute nichts mehr zählen, kam noch mehr ans Licht: In den vergangenen zwei Wochen wurden drei weitere Minderjährige im Alter von zehn und siebzehn Jahren festgenommen. Drei weitere Beweise dafür, dass dies keine Panne war. Sondern Methode.
Es wirkt fast, als würde man austesten, wie viel geht.
Erst Erwachsene.
Dann Jugendliche.
Dann Kinder.
Dann: Schulterzucken.
Politik der Gewöhnung
Die politische Linie ist klar: Härter, schneller, kompromissloser. Die Gangart wurde verschärft – mit Rückendeckung aus dem Oval Office. Unter Donald Trump gilt offenbar die Regel: Abschreckung funktioniert am besten, wenn sie sichtbar ist. Und wenn sie weh tut. Am besten denen, die sich am wenigsten wehren können.
Kinder eignen sich dafür hervorragend.
Sie haben keine Lobby.
Kein Wahlrecht.
Keine Presseabteilung.
Resignation als Ziel
Was hier passiert, ist mehr als Einwanderungspolitik. Es ist ein Zermürbungsprogramm. Jeden Tag ein bisschen weiter. Ein Kind hier. Ein Fall dort. Eine Erklärung, die alles relativiert. Und irgendwann sagen die Leute nicht mehr: „Das geht zu weit.“
Sondern: „Ach so ist das jetzt.“
Das ist der Moment, in dem ziviler Widerstand stirbt. Nicht mit Knall. Sondern mit Gähnen.
Verantwortung auf allen Ebenen – und niemand zuständig
Die Behörde sagt: Vorschriften.
Die Politik sagt: Sicherheit.
Die Sprecher sagen: Missverständnis.
Und das Kind? Sagt nichts. Kann nichts sagen.
Aber genau das bleibt hängen. Nicht die Pressemitteilung. Nicht die juristische Feinheit. Sondern das Bild eines Jungen, der an die eigene Haustür klopft, weil der Staat beschlossen hat, dass jetzt Ordnung herrscht.
Ich habe viel gesehen. Wirklich. Politische Inszenierungen, harte Rhetorik, kalte Entscheidungen. Aber Kinder in Gewahrsam sind kein Kollateralschaden. Sie sind eine bewusste Grenzüberschreitung.
Man kann Gesetze durchsetzen, ohne Kinder zu traumatisieren.
Man kann Verfahren führen, ohne Masken vor Wohnhäusern.
Man kann Politik machen, ohne Angst als Werkzeug zu benutzen.
Wenn man es will.
Doch vielleicht ist genau das der Punkt: Es geht nicht mehr darum, was notwendig ist. Sondern darum, was möglich ist – solange niemand laut genug schreit.
Und wenn selbst ein fünfjähriges Kind nicht mehr weint, sondern nur noch erstarrt, dann ist nicht das Kind das Problem.
Dann ist es das System.


