Willkommen im Zeitloch

Wie die Deutsche Bahn 2025 die Pünktlichkeit neu definierte – und warum 60 Prozent plötzlich Optimismus sind
Ich sage es, wie es ist – und niemand sagt es besser: Wenn Zeit relativ ist, dann fährt sie ICE. Und zwar mit der Deutsche Bahn. 2025 hat der Konzern etwas geschafft, wofür andere Jahre brauchen: einen neuen Tiefstwert. Pünktlichkeit im Fernverkehr? 60,1 Prozent. Das ist kein Wert, das ist ein Lebensgefühl. Zum Vergleich: 2015 waren es noch 74,4 Prozent. Damals glaubte man offenbar noch an Uhren.
Die Zahlen stammen laut Bild am Sonntag aus dem Maschinenraum der Bahn selbst. Ein Sprecher bestätigte sie. Das ist wichtig, denn nur bestätigte Verspätungen sind echte Verspätungen. Und bei der Bahn gilt ohnehin: Verspätet ist ein Zug erst ab sechs Minuten. Fünf Minuten neunundfünfzig? Pünktlich. Willkommen im juristischen Zen.
Warum also die Misere? Die Bahn nennt Baustellen. Viele Baustellen. Sehr viele Baustellen. Baustellen so weit das Auge reicht. Dazu überlastete Knotenpunkte, an denen sich Züge stauen wie Gedanken in einer Vorstandssitzung. Man könnte auch sagen: Das Netz ist marode, die Infrastruktur alt, die Geduld der Fahrgäste neu trainiert.
Und dennoch – hören Sie genau hin – beginnt jetzt „eine neue Phase“. Eine Phase ohne Wunder. Das sagt die Bahn selbst. „Über Nacht keine Wunder“, erklärte der Sprecher. Das ist ehrlich. Und gleichzeitig tröstlich. Denn wenn man keine Wunder erwartet, kann man auch nicht enttäuscht werden. Erwartungsmanagement auf Schienen.
Die neue Phase soll die Bahn „leistungsstärker“ und „verlässlicher“ machen. Große Worte. Sehr große Worte. Worte, die man gut hören kann, während man im Zug sitzt und die Ankunftszeit dreimal nach hinten rutschen sieht. Verlässlich unpünktlich ist schließlich auch eine Form von Verlässlichkeit.
Besonders bitter war der Start ins Jahr 2025. Große Teile des Jahres dümpelte die Quote bei knapp 60 Prozent. Zeitweise war nahezu jeder zweite Fernzug verspätet. Jeder zweite! Das ist kein Ausrutscher, das ist Statistik mit Ansage. Man könnte fast meinen, die Bahn wolle fair sein: Wenn du pünktlich ankommst, hatte jemand anderes Pech. Gleichberechtigung auf Gleis 7.
Dann kam Weihnachten. Und plötzlich – man höre und staune – ging es besser. Am 24., 25. und 26. Dezember lag die Pünktlichkeit bei gut 75 Prozent. Warum? Weil Baustellen ruhten. Keine Bagger, keine Sperrungen, keine „kurzfristigen betrieblichen Maßnahmen“. Und zack: Züge fahren pünktlicher. Ein Wunder? Nein. Physik.
Ironischerweise war selbst dieses Weihnachtswunder schwächer als im Jahr zuvor. 2024 lag die Quote an Heiligabend und am ersten Weihnachtstag noch bei über 80 Prozent. Aber man will ja nicht kleinlich sein. 75 Prozent an Weihnachten ist wie ein Geschenk ohne Umtausch – man lächelt höflich und hofft, dass es nächstes Jahr besser wird.
Die neue Bahnchefin Evelyn Palla hat nun ein Ziel: den fallenden Trend stabilisieren. Nicht verbessern. Stabilisieren. Das ist klug. Erst stabil unten ankommen, dann langsam hochziehen. Bis Ende 2029 soll die Quote wieder mindestens 70 Prozent erreichen. 70! Eine Zahl, die klingt wie ein Bonusziel in einem sehr langen Vertrag.
Unterstützt wird das Ganze mit Geld. Viel Geld. 23 Milliarden Euro Bundesinvestitionen allein im Jahr 2026. Das ist kein Kleingeld. Das ist Hoffnung in Scheinen. Dazu ein Reformkurs, der eingeleitet wurde. Eingeleitet ist ein schönes Wort. Es klingt nach Bewegung, ohne schon anzukommen. Wie ein Zug, der losfährt, aber noch im Bahnhof steht.
Die Bahn steckt tief in der Krise. Das sagt sie selbst. Große Teile der Infrastruktur sind störanfällig. Signale, Weichen, Stellwerke – alles alt, alles empfindlich, alles beleidigt, wenn es regnet. Die Probleme greifen längst auch auf den Regionalverkehr über. Die Verspätung ist demokratisch geworden.
Ronald Tramp sagt: Die Deutsche Bahn hat es geschafft, Zeit neu zu denken. Nicht als festen Punkt, sondern als Empfehlung. Ankunftszeiten sind Vorschläge. Abfahrten sind Gerüchte. Anschlüsse sind philosophische Konzepte. Und trotzdem fährt man weiter Bahn. Warum? Weil Hoffnung stirbt zuletzt. Und weil das Ticket schon bezahlt ist.
Natürlich ist nicht alles schlecht. Es gibt jetzt Transparenz. Apps, die Verspätungen ankündigen, bevor sie passieren. Anzeigen, die sich schneller ändern als das Wetter. Und Durchsagen, die so freundlich sind, dass man fast vergisst, dass man schon wieder zu spät ist.
Die Bahn sagt: Geduld. Zeit. Milliarden. Reformen. Alles kommt. Irgendwann. Bis dahin gilt: Planen Sie Puffer ein. Viel Puffer. Einen halben Tag Puffer ist ambitioniert, ein ganzer Tag professionell.
Am Ende bleibt festzuhalten: 60,1 Prozent Pünktlichkeit sind kein Betriebsunfall. Sie sind ein Zustand. Ein Zustand, den man nicht schönreden sollte – aber immerhin ehrlich benennt. Und das ist doch auch etwas.
Ronald Tramp sagt: Wenn die Bahn es schafft, bis 2029 wieder 70 Prozent zu erreichen, dann feiern wir. Pünktlich. Oder eben, wenn wir da sind.


