Wuff mit WLAN

Grafik: Wuff mit WLAN

Wenn Sicherheit vier Beine, Kameras und keinen Humor mehr hat

Von Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für künstliche Intelligenz, natürliche Verunsicherung und die große Frage, wer hier eigentlich Platz macht

Es gibt technologische Fortschritte, die verändern alles. Das Rad. Das Feuer. Die Fernbedienung. Und jetzt: der Roboter-Hund mit Lautsprecher. Kein Fell. Kein Schwanzwedeln. Aber Haltung. Sehr viel Haltung. Und eine Stimme, die sagt: Bitte legen Sie die Waffe ab. Freundlich. Maschinell. Unwiderruflich.

Willkommen bei der Zukunft der Sicherheit. Sie bellt nicht. Sie beißt nicht. Sie lädt hoch.

In Vorbereitung auf ein globales Sportereignis, bei dem Millionen Menschen jubeln, trinken und gelegentlich die Orientierung verlieren, hat man sich gedacht: Warum sollten nur Menschen für Sicherheit sorgen, wenn man auch Geräte einsetzen kann, die niemals müde werden, nie zweifeln und keine Fragen stellen? Also wurden vierbeinige Roboter angeschafft. Für viel Geld. Sehr viel Geld. Mehr als mancher Haushalt in einem Jahr sieht – pro Stück. Aber dafür laufen sie Treppen hoch. Und filmen dabei.

In einem offiziellen Video sieht man so einen Metallhund durch ein verlassenes Gebäude tapsen. Kein Knurren. Kein Zögern. Nur Servomotoren und Selbstbewusstsein. Er betritt Räume, scannt Ecken, schaut in dunkle Winkel – und spricht. Nicht mit Gefühl, sondern mit Lautsprecher. Aufforderung erkannt. Protokoll gestartet.

Der Mensch mit der Waffe soll sie niederlegen. Und man fragt sich kurz: Was passiert, wenn er nein sagt? Sitzt sich der Roboter dann hin? Aktualisiert er die Firmware? Oder ruft er seine Freunde?

Die Idee dahinter ist natürlich edel. Sicherheit für Einsatzkräfte. Keine Menschen mehr vorschicken, wo es gefährlich ist. Stattdessen Maschinen. Maschinen können kaputtgehen. Menschen eher nicht so gern. Ein nachvollziehbarer Gedanke. Und doch bleibt ein Gefühl zurück: Irgendetwas stimmt hier nicht.

Denn diese Roboter sind nicht einfach nur Kameras auf Beinen. Sie sind Symbole. Symbole für eine Welt, in der Ordnung nicht mehr erklärt, sondern abgespielt wird. In der Ansprache standardisiert ist. In der Autorität aus dem Akku kommt.

Man stelle sich die Szene vor: Fußballfans, ausgelassen, laut, emotional. Und dazwischen ein Hund aus Metall, der alles filmt, nichts vergisst und niemals lacht. Er versteht keine Ironie. Er kennt keine Abseitsregel. Er weiß nur: Bewegung erkannt. Bewertung läuft.

Natürlich wird versichert, dass alles nur Unterstützung ist. Keine Ersetzung. Nur Hilfe. Die Roboter sollen patrouillieren, warnen, beobachten. Sie sind die Augen, nicht die Hände. Die Stimme, nicht die Entscheidung. Noch.

Aber wir kennen das. Erst sind es vier. Dann acht. Dann gibt es eine App. Dann ein Update. Dann heißt es: Warum eigentlich nicht auch bei Demonstrationen? Oder im Alltag? Oder beim Bäcker, wenn jemand zu laut „Semmel“ sagt?

Ich, Ronald Tramp, sage: Das ist kein Roboter-Hund. Das ist ein Statement. Ein Statement, das sagt: Wir trauen der Zukunft – aber nicht den Menschen darin.

Der Preis ist dabei fast nebensächlich. Aber nur fast. Denn für die Summe hätte man auch andere Dinge tun können. Mehr Personal. Bessere Ausbildung. Oder einfach ein paar funktionierende Funkgeräte. Aber nein – man wollte Innovation. Man wollte ein Video, das Eindruck macht. Man wollte zeigen: Wir sind bereit. Und wir bellen digital.

Besonders charmant ist die Lautsprecherfunktion. Ein Roboter, der spricht. Kein Dialog. Kein Austausch. Nur Anweisung. Bitte legen Sie die Waffe ab. Ein Satz, der in jeder Sprache gleich klingt. Weil er keinen Tonfall kennt. Keine Nuance. Keine Verhandlung.

Und irgendwo in der Ferne sitzt ein Entwickler und denkt: Vielleicht könnten wir dem Ding auch noch „Danke“ beibringen. Aber nur im Premium-Paket.

Die große Frage bleibt: Macht das die Welt sicherer? Vielleicht. Ein bisschen. Kurzfristig. Aber langfristig? Erzieht man so Vertrauen – oder Gewöhnung? Gewöhnen wir uns daran, dass Ordnung nicht mehr von Menschen ausgeht, sondern von Systemen? Dass Autorität nicht mehr erklärt, sondern programmiert wird?

Sportliche Großereignisse waren immer ein Spiegel der Gesellschaft. Früher marschierten Fahnen. Heute marschieren Algorithmen. Vierbeinig. Mit Kamera. Und ohne Pause.

Ich sehe schon die nächste Generation: Roboter-Hunde mit Trikot. Mit Fanmodus. Mit integriertem VAR. Abseits erkannt. Jubel bitte einstellen.

Bis dahin bleibt festzuhalten: Die Zukunft ist angebrochen. Sie ist aus Metall. Sie hat vier Beine. Und sie sagt dir, was du tun sollst – ganz ohne Emotion.

Ob das Fortschritt ist oder einfach nur sehr teure Nervosität, wird sich zeigen. Aber eines ist sicher: Wenn der Hund der Polizei ist und der Mensch der Unbekannte, dann hat sich etwas verschoben.

Und jetzt entschuldigen Sie mich. Ich muss mein WLAN sichern. Man weiß ja nie, wer gerade mitläuft.