Zwei Euro für das Schicksal

Grafik: Zwei Euro für das Schicksal

 

Wie das Glück jetzt Eintritt zahlt

Ich sage es, wie es ist: Früher war das Leben einfacher. Man ging zu einem Brunnen, warf eine Münze hinein, wünschte sich etwas Großes – Liebe, Reichtum, Erfolg, wenigstens gutes WLAN – und ging weiter. Niemand kontrollierte, niemand kassierte, niemand fragte nach Uhrzeit oder Schulterwinkel. Das war echtes, ungefiltertes Glück. Analog. Bar. Nass.

Diese Zeiten sind vorbei.

Ab heute kostet das Glück zwei Euro. Pro Person. Ermäßigung nur für Illusionen.

Der weltberühmte Brunnen, dieser feuchte Altar der Hoffnung, ist jetzt ein kostenpflichtiges Erlebnis. Nicht der Platz, nicht der Blick, nicht das Gefühl, sondern der Zugang zum Wasser selbst. Wer nah ran will, wer wirklich werfen will, wer dem Schicksal direkt ins Becken schaut, zahlt Eintritt. Willkommen im Premiumbereich der Bestimmung.

Zwei Euro klingt wenig. Aber zwei Euro sind ein Prinzip. Zwei Euro sagen: Dein Wunsch ist uns etwas wert – aber nicht sehr viel. Zwei Euro sind genau der Preis, bei dem man denkt: „Na gut“, und gleichzeitig spürt: Irgendwas ist hier schiefgelaufen.

Offiziell heißt es, man wolle die Besucherströme lenken. Ein wunderschönes Wort. Besucherströme lenken. Als wären Touristen flüssig. Als müsste man sie nur in Rohre füllen, Ventile öffnen und sagen: „Bitte heute zwischen 9 und 22 Uhr glücklich sein. Montags später. Freitags auch. Ausnahme heute, weil… Gründe.“

Es gibt Zeiten. Es gibt Regeln. Es gibt Obergrenzen. Maximal 400 Menschen dürfen gleichzeitig hoffen. Mehr geht nicht. Das Glück ist ausgelastet. Bitte warten Sie, bis jemand anderes seine Träume beendet hat.

Die große Piazza bleibt frei zugänglich, heißt es. Das ist großzügig. Man darf also weiterhin aus der Ferne schauen, staunen, fotografieren, posten, liken, aber nicht werfen. Das ist wie ein Schaufenster für Sehnsucht. „Schau ruhig – aber anfassen kostet.“

Und jetzt kommt der eigentliche Knaller: Der Münzwurf ist ja selbst schon eine Zahlung. Man wirft Geld hinein. Seit Jahrhunderten. Millionenfach. Tonnenweise. Man zahlt dem Brunnen. Dem Mythos. Der Legende. Und jetzt zahlt man zusätzlich dafür, zahlen zu dürfen.

Das ist doppelte Hoffnungsteuer.

Ich sehe die Szene schon vor mir: Menschen stehen an, halten Münzen fest, prüfen ihre Technik. Rechte Hand. Linke Schulter. Bloß nichts falsch machen. Denn wenn man schon zahlt, dann will man auch korrekt scheitern oder erfolgreich sein.

Was passiert eigentlich, wenn man falsch wirft? Gibt es eine Rückerstattung? Oder wenigstens einen zweiten Versuch zum halben Preis? Gibt es bald ein Drehkreuz für Glücksanfänger und ein anderes für Fortgeschrittene?

Und warum nur zwei Euro? Warum nicht drei? Oder fünf? Oder dynamische Preise? Morgens günstiger, abends teurer. Besonders teure Wünsche kosten extra. Liebe lebenslang: Aufpreis. Erfolg ohne Arbeit: Premium-Paket. Reichtum ohne Steuern: Leider ausverkauft.

Das alles dient angeblich der Ordnung. Ordnung ist immer das Argument. Ordnung klingt gut. Ordnung klingt vernünftig. Ordnung klingt nach Sicherheit. Aber Ordnung ist selten romantisch. Und ein Brunnen ohne Chaos ist wie ein Wunsch ohne Hoffnung.

Früher drängte man sich. Schulter an Schulter. Fremde Menschen, gleiche Träume. Jetzt wird kanalisiert. Gesteuert. Getaktet. Glück im Schichtbetrieb.

Und trotzdem: Die Menschen werden zahlen. Natürlich werden sie zahlen. Weil zwei Euro weniger weh tun als das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Weil man später sagen will: „Ich war da. Ich habe geworfen. Offiziell.“

Das ist die wahre Magie dieses Systems. Nicht das Wasser. Nicht der Brunnen. Sondern die Angst, nicht teilgenommen zu haben.

Ich sage: Heute zwei Euro für den Brunnen. Morgen fünf Euro für den Sonnenuntergang. Übermorgen Eintritt für gute Erinnerungen. Mit Zeitfenster.

Und irgendwann steht jemand da mit einer Kasse und sagt: „Tut mir leid, Glück ist heute ausgebucht. Versuchen Sie es nächste Woche. Montags ab 11.30 Uhr.“