Alice Weidel will Europas Grenzen neu ordnen, während ihrer Partei Maildaten abhandenkommen. Ronald Tramp fordert Grenzhäuschen für USB-Anschlüsse und Herkunftsnachweise für Sonderzeichen.
Von Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für digitale Außengrenzen und souveräne Staaten im Ordner „Gesendet“.
Leute, Alice Weidel will die Grenzen schützen. Großartige Grenzen. Die souveränsten Grenzen überhaupt. Grenzen, an denen selbst der Wind seinen Personalausweis vorzeigen muss. Gleichzeitig wurden beim Hosting-Dienstleister ihrer Partei Mailpostfächer kopiert. Da möchte jemand Europas Haustür mit einem Fallgitter sichern, während hinten jemand mit dem digitalen Aktenschrank davonläuft.
Ich sage: Bevor wir den Kontinent neu sortieren, könnten wir kurz nachsehen, ob die elektronische Post noch im Haus ist.
Aber bei der Allianz für Dummlaberei denkt man größer. Viel größer. Andere Parteien diskutieren über IT-Sicherheit. Hier wird gleich die europäische Ordnung umgebaut. Wenn im Keller Wasser steht, bestellt Frau Weidel vermutlich erst einmal eine neue Weltkarte.
Nationale Grenzen seien ein Ausdruck der Souveränität, erklärt sie. Fantastisch. Dann müsste ein geschütztes Postfach doch wenigstens ein Ausdruck davon sein, dass man seine eigenen Angelegenheiten halbwegs unter Kontrolle hat. Stattdessen erlebt die Partei eine unfreiwillige digitale Freizügigkeit, für die sie politisch wahrscheinlich sofort ein Verbot fordern würde.
Ich stelle mir den Grenzübergang zum Mailserver vor: ein Schlagbaum aus Parteiprogrammen, daneben ein Funktionär mit strengem Blick. „Zweck Ihrer Einreise?“ – „Ich möchte Daten kopieren.“ – „Sind Sie von der EU?“ – „Nein.“ – „Dann fahren Sie durch, wir erwarten heute nur Bürokraten.“
Natürlich ist das eine erfundene Szene. Wie die Angreifer tatsächlich hineinkamen, ist damit nicht erklärt. Aber die politische Fallhöhe braucht keinen technischen Untersuchungsbericht: Wer beim Thema Sicherheit ständig den größten Tresor Europas verspricht, muss sich Fragen gefallen lassen, wenn die eigene Korrespondenz abfließt.
Nun betont die Partei, überwiegend seien alte Postfächer betroffen gewesen. Eine herrliche Beruhigung. Beim Einbruch wird schließlich auch zuerst gefragt, aus welchem Jahr die gestohlenen Unterlagen stammen. „Keine Sorge, die Einbrecher haben nur den alten Safe geöffnet.“ Na dann! Ein nostalgischer Sicherheitsvorfall. Praktisch Denkmalschutz mit Downloadfunktion.
Nach dieser Logik sind alte Geheimnisse irgendwann automatisch öffentliches Kulturgut. Man muss sie nur lange genug liegen lassen, dann werden aus vertraulichen Mails historische Wanderpokale.
Und währenddessen schimpft Weidel über Brüsseler Bürokratie. Ich verstehe das. Bürokraten wollen ständig Zuständigkeiten, Verfahren und Dokumentation. Furchtbar lästige Dinge. Besonders dann, wenn jemand wissen möchte, wer eigentlich für die Sicherheit verantwortlich war.
Mein Vorschlag: eine souveräne Passwortkontrolle. Jedes Passwort muss künftig nachweisen, dass seine Sonderzeichen seit Generationen hier leben. Fremdländische Zeichen werden abgeschoben. Das @ darf nur bleiben, weil ohne dieses verdächtig internationale Gebäckstück keine E-Mail ankommt.
Zusätzlich stellen wir kleine Grenzhäuschen vor sämtliche USB-Anschlüsse. Ein pensionierter Funktionär kontrolliert jeden Datenverkehr persönlich. Wer einen Anhang öffnen möchte, braucht einen Stempel, einen Herkunftsnachweis und eine schriftliche Erklärung, dass die PDF niemals in Brüssel war.
Das wäre endlich sichtbare Sicherheit. Viel Holz. Viel Flagge. Keine störenden Fachbegriffe.
Derweil sitzt die Firewall in der Ecke und wartet darauf, dass jemand bemerkt: Sie heißt zwar Mauer, lässt sich aber nicht durch eine Pressekonferenz hochziehen.
Vielleicht liegt genau darin das Problem. Eine Landesgrenze kann man vor Kameras besuchen. Neben einer Firewall steht man bloß in einem Serverraum und muss jemandem zuhören, der tatsächlich etwas davon versteht.
Ich empfehle deshalb maximale Bescheidenheit. Erst das eigene Postfach sichern. Dann erklären, wie man einen Kontinent schützt.
Denn wer Europa die Haustür erklären will, sollte beim eigenen Briefkasten mehr vorweisen können als einen Aufkleber: „Bitte keine fremden Zugriffe.“

