Ein Tiroler Lokalpolitiker sorgt mit rassistischen Aussagen auf dem Oktoberfest für Empörung. Ronald Tramp untersucht Heimatfarben, Bierlogik und rebellierendes Gemüse.
Von Ronald Tramp, internationaler Sonderreporter für Bierdiplomatie, politische Selbstzerlegung und Gemüse mit Haltung
Meine Damen und Herren, Ronald Tramp meldet sich aus München, jener wunderschönen Stadt, in der im Herbst Millionen Menschen freiwillig sehr viel Geld bezahlen, um auf Holzbänken zu stehen, Bier aus Eimern mit Henkel zu trinken und anschließend überzeugt zu sein, sie könnten „Angels“ von Robbie Williams singen.
Das Oktoberfest ist ein Wunder.
Es bringt Menschen zusammen.
Bayern und Preußen. Österreicher und Deutsche. Einheimische und Touristen. Menschen, die Lederhosen besitzen, und Menschen, die am Hauptbahnhof etwas gekauft haben, das der Verkäufer Lederhose genannt hat.
Doch manchmal bringt die Wiesn auch Dinge zum Vorschein, die besser tief unten geblieben wären.
Zum Beispiel politische Weltbilder.
Der Tiroler Landwirt und Lokalpolitiker Andreas Norz geriet laut dem vorliegenden Bericht in ein Gespräch mit einem Streetreporter. Norz war offenbar deutlich alkoholisiert und wollte wissen, woher sein Gegenüber komme.
Eine klassische Wiesn-Frage.
Normalerweise lautet die Antwort irgendwann:
„Aus Köln.“
„NEIN! Woher kommst du WIRKLICH?“
„Aus Köln.“
„Aber ursprünglich?“
„Geboren in Düsseldorf.“
„NEIN, ich meine—“
Und genau an diesem Punkt sollte irgendwo automatisch eine Blaskapelle einsetzen und das Gespräch mit maximaler Lautstärke beenden.
Die Bundesrepublik bekommt eine Farbkarte
Norz soll seinem Gesprächspartner schließlich nahegelegt haben, „nach Hause“ zu gehen.
Dumm nur: Der Mann erklärte, bereits zu Hause zu sein.
Katastrophe!
Das ist für den klassischen „Geh doch nach Hause“-Strategen ungefähr so, als würde man jemanden aus dem eigenen Wohnzimmer werfen wollen und erfahren, dass er im Grundbuch steht.
Doch Norz soll weitergemacht haben. Zu Hause seien hier „die Deutschen“.
Daraufhin stellte der Reporter eine brillante Frage:
Wie sehen Deutsche eigentlich aus?
Und jetzt, meine Damen und Herren, wurde es wissenschaftlich.
Die Antwort lautete sinngemäß:
weiß.
WOW!
Jahrzehntelang haben Historiker, Soziologen, Verfassungsrechtler und Behörden darüber nachgedacht, was Staatsangehörigkeit ausmacht.
Völlig unnötig!
Ein Abend auf der Wiesn, und plötzlich existiert der RAL-Farbfächer für Staatsbürgerschaft.
Ronald Tramp fordert sofort Konsequenzen.
Personalausweise werden abgeschafft.
Stattdessen hält man beim Bürgeramt künftig den Unterarm an eine Farbskala.
„Deutsch?“
„Moment … Sommerbräune. Kommen Sie bitte im Februar wieder.“
Fantastisches System!
Besonders praktisch für Millionen Deutsche, deren Hautfarbe nicht in das offenbar vorgesehene politische Farbschema passt.
Die müssten dann vermutlich beim Einwohnermeldeamt nachweisen, dass sie trotz Pigmentierung versehentlich hier geboren wurden.
Dann griff die Notbremse auf zwei Beinen ein
Irgendwann zogen Norz' Begleiter ihn offenbar aus dem Gespräch.
Sehr vernünftig.
Freunde sind wichtig.
Gute Freunde bringen dir ein Bier.
Sehr gute Freunde nehmen dir das Bier weg.
Hervorragende Freunde entfernen dich aus einem viralen Video, bevor du spontan noch die ethnologische Neuordnung Mitteleuropas anhand einer Weißwurst erklärst.
Leider kam die Rettungsaktion offenbar etwas spät.
Das Internet hatte bereits geöffnet.
Und das Internet vergisst bekanntlich nichts.
Nicht einmal Dinge, an die sich der Betroffene am nächsten Morgen möglicherweise sehr gern ebenfalls nicht erinnern würde.
Die Entschuldigung kommt – nüchtern
Später entschuldigte sich Norz. Die Aussagen seien inakzeptabel, nicht in Ordnung und entsprächen nicht seiner Wertehaltung.
Das ist zumindest deutlich.
Und Ronald Tramp möchte an dieser Stelle ausdrücklich feststellen: Alkohol ist keine Wahrheitsdroge. Menschen erzählen betrunken auch Dinge, die weder durchdacht noch Ausdruck einer geheimen, unverfälschten Persönlichkeit sein müssen.
Aber Alkohol besitzt eine andere bemerkenswerte Eigenschaft:
Er ist ein katastrophaler Pressesprecher.
Er entfernt Hemmungen, reduziert Urteilsvermögen und sagt anschließend:
„Komm, wir machen jetzt noch schnell ein Interview fürs Internet.“
Kein politischer Berater der Welt würde dieses Kommunikationskonzept genehmigen.
Jetzt melden sich sogar die Gemüsebauern
Doch dann erreicht die Geschichte ihren satirischen Gipfel.
Der Verein der Tiroler Gemüsebauern distanzierte sich von den rassistischen Aussagen.
Meine Damen und Herren:
DIE GEMÜSEBAUERN.
Wenn deine politische Kommunikation einen Punkt erreicht, an dem sich das Gemüse von dir distanzieren muss, ist möglicherweise etwas schiefgelaufen.
Ronald sieht bereits die Krisensitzung.
Karotten: „Das können wir nicht stehen lassen.“
Lauch: „Ganz schwierige Nummer.“
Kartoffel: „Und zieht mich da bloß nicht mit rein!“
Blumenkohl: „Ich bin zwar weiß, aber bitte instrumentalisiert mich nicht.“
Aubergine verlässt empört den Raum.
Paprika veröffentlicht ein Statement.
Der Spargel fordert personelle Konsequenzen.
Und irgendwo sitzt eine Zucchini vor einem Mikrofon und erklärt:
„Diese Aussagen entsprechen ausdrücklich nicht unseren landwirtschaftlichen Grundwerten.“
Das ist Demokratie!
Dann klingelt die Polizei
Der Vorgang soll inzwischen auch die Münchner Polizei beschäftigen; laut dem Ausgangstext wurden Ermittlungen wegen des Verdachts der Volksverhetzung aufgenommen.
Damit verwandelt sich der Wiesn-Abend endgültig vom feuchtfröhlichen Ausflug in jene spezielle Art von Veranstaltung, bei der man am nächsten Morgen nicht nur Aspirin benötigt, sondern möglicherweise auch juristische Beratung.
Natürlich gilt: Ermittlungen bedeuten nicht, dass eine Straftat festgestellt wurde.
Aber als allgemeine Faustregel empfiehlt Ronald:
Wenn man auf dem Oktoberfest morgens mit Kater aufwacht und erfährt, dass inzwischen Polizei, Partei, soziale Medien und der Gemüsebauverband über den vergangenen Abend diskutieren, war es vermutlich keine optimale Nacht.
Ronald Tramps Wiesn-Regel
Deshalb präsentiert Ronald Tramp jetzt eine revolutionäre Erfindung:
den politischen Promille-Airbag.
Sobald ein Mandatsträger auf einem Volksfest die Wörter „woher kommst du wirklich?“ ausspricht, klappt automatisch ein riesiges Weißwurstkissen aus dem Maßkrug und verschließt den Mund.
Bei der nächsten problematischen Aussage ertönt eine Warnung:
„Achtung! Restalkohol nähert sich Restvernunft.“
Beim dritten Versuch wird der Betroffene von zwei Freunden automatisch Richtung Taxi katapultiert.
Deutschland könnte Millionen an Krisenkommunikation sparen.
Denn das eigentliche Problem dieses Abends war nicht, dass Menschen verschiedener Herkunft gemeinsam auf dem Oktoberfest feiern.
Genau das ist schließlich das Schöne daran.
Das Problem beginnt, wenn jemand nach ausreichend Bier plötzlich glaubt, Heimat ließe sich an einer Farbpalette erkennen.
Ronald Tramp kann beruhigen:
Deutschland ist kein Wandfarbenkatalog.
Österreich übrigens auch nicht.
Und wer unbedingt wissen möchte, welche Farbe ein echter Deutscher hat, sollte am Morgen nach dem Oktoberfest in die Münchner U-Bahn schauen.
Dort findet man sie alle:
blass, rot, grünlich – und einige in einem faszinierenden Grauton, den selbst Alpina noch nicht im Sortiment hat.

