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Ronald Tramp
★ Macht Meinung wieder Gross! ★

Die Münchner Lösung: Europa darf zuschauen, München schenkt aus

Grafik: Die Münchner Lösung: Wiesn trifft Vergaberecht

Muss die Wiesn bald europaweit ausgeschrieben werden? Ronald Tramp untersucht die legendäre „Münchner Lösung“: gesetzte Zelte, geheimnisvolle Punkte, Doppelhaushälften und den mächtigsten Rechtsgrundsatz Bayerns – „Des hamma immer scho so gmacht.“

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Von Ronald Tramp – dem einzigen Reporter, der „historisch gewachsen“ noch nicht als Vergabekriterium im EU-Amtsblatt gefunden hat.

Meine Damen und Herren, ich habe schon viele komplizierte politische Systeme untersucht. Das amerikanische Wahlrecht. Die deutsche Rentenformel. Die Frage, warum man bei der Deutschen Bahn einen Fahrplan druckt. Aber nichts, wirklich NICHTS, hat mich auf die hohe Staatskunst der Münchner Wiesnzeltvergabe vorbereitet.

Willkommen bei der Münchner Lösung.

Das ist ein Verfahren, das so transparent ist, dass man offenbar erst vor Gericht muss, um hindurchzusehen.

Das Oktoberfest hat große Festzelte. Einige davon sind einfach „gesetzt“.

Gesetzt!

Was für ein großartiges Wort. Andere Menschen müssen sich bewerben, Unterlagen einreichen, Kriterien erfüllen und Punkte sammeln. Aber manche Zelte sind gesetzt.

Warum?

Weil sie halt da sind.

Das ist keine Vetternwirtschaft. Das ist Tradition mit Bieranschluss.

Sieben große Zelte gehören Münchner Brauereien, zwei weitere Schützenvereinigungen. Bei fünf anderen können sich Wirte bewerben. Dort gibt es Punkte für Erfahrung, Ökologie, Tradition und Anziehungskraft.

Ich liebe „Anziehungskraft“.

Wie misst man die?

Kommt ein städtischer Prüfer vorbei, stellt sich 30 Meter entfernt auf und schaut, ob er langsam Richtung Bierzelt gezogen wird?

„Meine Damen und Herren, Schottenhamel erreicht 8,7 Milligaudi. Zuschlag erteilt!“

Und ganz am Ende stimmt der Stadtrat zu.

Das nennt man dann ein „historisch gewachsenes“ System.

In Deutschland bedeutet „historisch gewachsen“ meistens: Niemand weiß mehr genau, warum wir es so machen, aber derjenige, der es ändern möchte, braucht drei Anwälte und ein Aktenzeichen.

Nun möchte Gastronom Alexander Egger wissen, ob man solche lukrativen Standplätze nicht europaweit ausschreiben müsste.

EUROPÄISCH!

In München!

Das ist ungefähr so, als würde jemand beim Schuhplattler plötzlich eine Flamenco-Gruppe zur Gleichbehandlung auffordern.

Sofort erscheint vor meinem geistigen Auge die Wiesn 2030 nach vollständig europäischem Vergaberecht.

Das Hofbräu-Zelt heißt dann „European Beverage Experience Lot 7B“.

Die Maß wird nur noch nach vorherigem Teilnahmewettbewerb ausgeschenkt.

Der Kellner kommt nicht mehr und fragt:

„No a Maß?“

Sondern:

„Haben Sie Ihre elektronische Eigenerklärung nach Artikel 59 der Vergaberichtlinie dabei?“

Wer Bier bestellen möchte, muss drei Referenzen aus vergleichbaren Trinkprojekten der vergangenen fünf Jahre nachweisen.

Und wehe, Sie haben schon einmal ein Radler bestellt.

Ausschluss wegen mangelnder fachlicher Eignung.

Natürlich fürchten die Wiesnwirte nun internationale Konzerne. Man stelle sich die Katastrophe vor!

Plötzlich betreibt irgendein multinationaler Freizeitkonzern ein Festzelt.

Am Eingang steht kein bayerischer Löwe mehr, sondern ein QR-Code.

Die Blaskapelle wurde im Rahmen einer europaweiten Ausschreibung durch das wirtschaftlichste Angebot ersetzt: drei Bulgaren mit Spotify-Premium.

Die Schweinshaxe kommt aus einem Logistikzentrum bei Rotterdam und heißt „Bavarian Pork Experience Premium Plus“.

Und beim Fassanstich ruft der Oberbürgermeister nicht mehr „O’zapft is!“, sondern:

„Das Vergabeverfahren wurde erfolgreich abgeschlossen!“

Zwei Schläge?

Nein.

Zwei Nachprüfungsverfahren.

Ich sehe bereits Markus Söder in Lederhose vor einem Festzelt stehen und verkünden: „Die bayerische Maß bleibt bayerisch!“

Während hinter ihm ein EU-Kontrolleur mit Messschieber überprüft, ob tatsächlich exakt ein Liter im Krug ist.

Das wäre vermutlich der Moment, in dem Bayern den Austritt aus der Europäischen Union beantragt.

Bavarexit.

Begründung: Brüssel wollte wissen, wer das Bierzelt bekommt.

Besonders faszinierend sind natürlich die wirtschaftlichen Dimensionen. Millionenumsätze in gerade einmal 16 Tagen! Wie viel ein Wiesnwirt verdient, verrät angeblich niemand so genau.

Einer soll gesagt haben, es müsse schon eine Doppelhaushälfte herausspringen.

Das ist fantastisch.

Andere Menschen arbeiten 30 Jahre für eine Doppelhaushälfte.

Auf der Wiesn braucht man offenbar 16 Tage, 40.000 Hendl und einen historischen Vergabevorgang.

Und wenn jemand fragt, wie viel verdient wird, lautet die Antwort angeblich:

„A bissl an Respekt.“

Ich liebe Bayern.

In anderen Branchen heißt das Rendite.

In München heißt es Respekt.

„Herr Wirt, Sie haben gerade einen siebenstelligen Umsatz gemacht!“

„Na na, des is koa Geld. Des is Anerkennung mit Mehrwertsteuer.“

Und deshalb steht nun möglicherweise die wichtigste europäische Frage seit Einführung des Euro vor Gericht:

Ist ein Wiesnzelt eine Dienstleistungskonzession?

Ganz Europa hält den Atem an.

Paris schaut nach München.

Rom schaut nach München.

Brüssel hat vorsorglich 14 Juristen, zwei Übersetzer und einen durstigen EU-Kommissar entsandt.

Denn sollte künftig europaweit ausgeschrieben werden müssen, könnte die uralte Münchner Ordnung erschüttert werden.

Eine Ordnung, die auf einem der mächtigsten Rechtsgrundsätze Bayerns basiert:

„Des hamma immer scho so gmacht.“

Das ist die Münchner Lösung.

Nicht unbedingt europäisch.

Nicht unbedingt leicht erklärbar.

Aber historisch gewachsen.

Und wenn Sie nicht verstehen, warum einige Zelte gesetzt sind, andere Punkte sammeln und am Ende trotzdem der Stadtrat entscheidet, dann haben Sie das System möglicherweise bereits vollständig verstanden.

Ich bin Ronald Tramp.

Und ich sage:

Wenn Brüssel irgendwann das Oktoberfest ausschreibt, wird die Maß nicht kleiner – aber die Vergabeunterlagen werden größer als das Festzelt.

Prost Europa!

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Tags: München Oktoberfest Festzelte EU-Ausschreibung Vergaberecht Wiesnwirte Wiesn
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