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Ronald Tramp
Macht Meinung wieder Gross!

Putin erklärt Sachsen-Anhalt – und plötzlich ist wieder der Westen schuld

Grafik: Putin erklärt die AfD - Der Westen war’s wieder

Wladimir Putin hat das AfD-Ergebnis in Sachsen-Anhalt analysiert – und entdeckt erwartungsgemäß einen Hauptverdächtigen: den Westen. Ronald Tramp untersucht eine Kreml-Logik, bei der Russland niemanden bedroht, während Medwedew vorsorglich Berlin bedroht.

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Von Ronald Tramp – dem einzigen Reporter, der Kreml-Logik lesen kann, ohne dabei den Verstand abzugeben.

Es gibt politische Analysen. Es gibt gewagte politische Analysen. Und dann gibt es Wladimir Putin, der offenbar morgens aufsteht, einen Globus dreht und wartet, wo sein Finger landet, um anschließend festzustellen: Der Westen ist schuld.

Nun hat der Kremlchef auch die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt analysiert. Und das ist ungefähr so, als würde ein Brandstifter nach dem Feuer erklären, die eigentliche Ursache des Problems sei die mangelhafte Wasserversorgung der Feuerwehr.

Putins Theorie lautet sinngemäß: Die Menschen in Deutschland seien verunsichert, weil europäische Regierungen sie praktisch grundlos in einen Konflikt mit Russland treiben würden. Und diese Verunsicherung schlage sich nun in Wahlergebnissen nieder.

Natürlich.

Ich, Ronald Tramp, war sofort beeindruckt. Nicht von der Logik – die war offenbar gerade in Mittagspause –, sondern von der geradezu olympischen Disziplin des politischen Rückwärtssaltos.

Russland greift 2022 die Ukraine an, führt dort jahrelang Krieg, und anschließend erklärt der Mann, der den Angriff befohlen hat, Europa provoziere einen Konflikt mit Russland.

Das ist eine Argumentation von bestechender Eleganz.

Nach diesem Prinzip könnte ein Einbrecher vor Gericht sagen:

„Herr Richter, ich bin keineswegs in das Haus eingebrochen. Der Hausbesitzer hat mich provoziert, indem er eine Haustür besaß.“

Und Putin setzt noch einen drauf: Russland bedrohe Europa gar nicht.

Eine beruhigende Nachricht.

Besonders vermutlich für all jene Europäer, die regelmäßig Dmitri Medwedews Wortmeldungen lesen. Der ehemalige russische Präsident und heutige Sicherheitsratsvize produziert Drohungen inzwischen offenbar mit der Zuverlässigkeit einer schlecht programmierten Wetter-App: Berlin? Schlag. London? Atom. Paris? Vielleicht auch noch. Morgen leichte Bewölkung bei vereinzelten nuklearen Vernichtungsfantasien.

Nun drohte Medwedew sogar mit Angriffen auf deutsche Produktionsstätten für Militärtechnik und „andere Orte in Berlin“.

Aber keine Sorge!

Russland bedroht niemanden.

Das sind vermutlich nur traditionelle russische Grußkarten.

„Herzliche Grüße aus Moskau – wir haben Ihre Koordinaten.“

Besonders faszinierend ist Putins Hinweis, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs seien eigentlich alle entscheidenden Fragen geklärt. Das ist bemerkenswert, weil offenbar niemand seiner eigenen Außenpolitik die entsprechende Rundmail weitergeleitet hat.

Denn wenn tatsächlich alles geklärt wäre, hätte man sich 2022 vielleicht den Einmarsch in ein Nachbarland sparen können.

Kleine organisatorische Panne.

Vielleicht lag die entsprechende Akte im Kreml zwischen „Keine Invasion geplant“ und „Spezialoperation dauert höchstens kurz“.

Und nun soll ausgerechnet das Wahlergebnis der AfD beweisen, dass die deutschen Bürger Putins geopolitische Analyse verstanden hätten.

Das ist mutig.

Vielleicht haben Menschen die AfD aus Protest gewählt. Vielleicht aus Überzeugung. Vielleicht wegen Migration, Wirtschaft, Frust, gesellschaftlicher Polarisierung oder einer Mischung aus hundert Faktoren. Wahlen sind kompliziert.

Putins Erklärung dagegen hat die intellektuelle Komplexität eines Kühlschrankmagneten:

AfD stark → Bürger verunsichert → Westen schuld → Russland unschuldig.

Fertig.

Politikwissenschaft kann so einfach sein, wenn man sämtliche störenden Fakten vorher aus dem Raum trägt.

Besonders praktisch ist diese Methode, weil sie universell einsetzbar ist.

Schlechtes Wetter in Magdeburg?

Westliche Fehler.

Bahn verspätet?

NATO-Osterweiterung.

Milch im Kühlschrank sauer?

Brüssel provoziert Moskau.

Der 1. FC Magdeburg verliert?

Hybride Einflussnahme Luxemburgs.

Und wenn beim BRICS-Gipfel der Kaffee kalt ist, hat vermutlich Friedrich Merz persönlich die Kaffeemaschine sabotiert.

Das eigentlich Beeindruckende an Putins Erklärung ist deshalb nicht ihr Inhalt, sondern ihre unglaubliche Fähigkeit, Ursache und Wirkung so lange im Kreis zu drehen, bis beide seekrank werden.

Russland führt Krieg gegen die Ukraine. Europäische Staaten reagieren darauf mit Unterstützung für die Ukraine und verstärkter Verteidigungsbereitschaft. Moskau betrachtet diese Reaktion wiederum als Beweis dafür, dass Europa Russland bedrohe.

Das ist ungefähr so, als würde jemand mit einem Vorschlaghammer vor Ihrem Wohnzimmerfenster stehen und anschließend empört fragen:

„Warum haben Sie eigentlich plötzlich Sicherheitsglas?“

Und während Putin erklärt, Russland bedrohe niemanden, erklärt Medwedew, welche deutschen Orte man theoretisch angreifen könnte.

Das ist keine außenpolitische Doppelstrategie.

Das ist politisches Bauchreden.

Der eine sagt: „Wir sind vollkommen friedlich.“

Und aus dem Koffer daneben hört man:

„BERLIN! RAKETEN! PRODUKTIONSSTÄTTEN!“

Putins Sachsen-Anhalt-Analyse darf deshalb getrost in die große Kreml-Schublade „Erklärungen mit überraschend geringem Kontakt zur Ursache“ gelegt werden.

Dort liegt sie vermutlich neben:

„Wir wollten keinen Krieg.“

„Wir bedrohen niemanden.“

und dem Klassiker:

„Eigentlich hat der Westen angefangen.“

Ich bin Ronald Tramp und stelle fest: Wer lange genug behauptet, der Nachbar provoziere einen Streit, weil er sich gegen die eigene Faust verteidigt, hat vielleicht keine geopolitische Theorie entwickelt.

Vielleicht braucht er einfach nur einen Spiegel.

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Tags: AfD Russland Wladimir Putin Ukraine Dmitri Medwedew Kreml Sachsen-Anhalt
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