Alte Kredite, längst bezahlte Schulden und Daten, die möglicherweise länger leben als manche Ehe: Ronald Tramp begibt sich in die wundersame Welt von Schufa, Scores und digitaler Unsterblichkeit.
Es gibt Institutionen, die haben ein gutes Gedächtnis. Elefanten zum Beispiel. Großmütter. Finanzämter. Und offenbar die Schufa.
Die Schufa, meine Damen und Herren, besitzt möglicherweise eines der großartigsten Gedächtnisse der Menschheitsgeschichte. Ein unglaubliches Gedächtnis. Vielleicht das beste Gedächtnis überhaupt. Sie erinnert sich angeblich an Dinge, die Sie längst vergessen haben, Ihre Bank vergessen hat, Ihr Steuerberater vergessen möchte und die vermutlich sogar der zuständige Sachbearbeiter von damals inzwischen erfolgreich verdrängt hat.
Alte Kredite? Vielleicht noch da.
Vergangene Pfändungen? Könnten noch irgendwo herumliegen.
Eine längst erledigte Privatinsolvenz?
Herzlichen Glückwunsch: Sie haben vielleicht persönlich mit Ihrer finanziellen Vergangenheit abgeschlossen – aber Ihre finanzielle Vergangenheit hat möglicherweise noch nicht mit Ihnen abgeschlossen.
Genau darüber gibt es jetzt mächtig Ärger.
Die europäische Datenschutzorganisation Noyb wirft der Schufa vor, historische Verbraucherdaten länger aufzubewahren und für die Entwicklung ihrer Bewertungssysteme zu verwenden. Noyb spricht sogar von einer Art „Schattendatenbank“. Die Schufa wiederum weist das entschieden zurück und erklärt sinngemäß: Schatten? Welcher Schatten? Wir stehen hier völlig regulär im Datenschutzsonnenlicht!
Nun droht offenbar eine Unterlassungsklage.
Und damit treffen zwei der mächtigsten Naturgewalten Europas aufeinander: Datenschutzrecht und Bonitätsprüfung.
Godzilla gegen King Kong war dagegen eine Schlägerei auf dem Kindergartenparkplatz.
Als Reporter frage ich mich natürlich, wie weit diese Erinnerungskultur eigentlich reicht.
Bestellt jemand 2007 bei einem Versandhaus einen Toaster auf Raten und zahlt Rate Nummer drei zwei Tage zu spät?
PING!
Irgendwo tief unter einem deutschen Bürogebäude könnte theoretisch eine digitale Glühbirne angehen:
„Wir haben etwas! Holt den Score-Taschenrechner!“
Vielleicht gibt es dort einen riesigen unterirdischen Saal mit Aktenschränken, Serverschränken und einem einzelnen Mann namens Günther, der seit 1998 vor einem Röhrenmonitor sitzt und murmelt:
„Der Müller... damals... die Waschmaschine... ich wusste, dass dieser Fall noch einmal wichtig wird.“
Natürlich sagt die Schufa, sie halte sich an gesetzliche Vorgaben und vereinbarte Speicherfristen. Historische Daten würden auch benötigt, um zu prüfen, wie zuverlässig neu entwickelte Scores funktionieren.
Das klingt wissenschaftlich.
Und Wissenschaft ist wichtig.
Man könnte schließlich schlecht einen neuen Bonitätsscore entwickeln und anschließend testen, indem man einfach fragt:
„Sieht gut aus, oder?“
Also braucht man Vergleichsdaten.
Das Problem beginnt dort, wo Verbraucher möglicherweise glauben, bestimmte Informationen seien längst verschwunden, während irgendwo noch Datenbestände existieren, die weiterhin ausgewertet werden.
Das ist ein bisschen wie eine Trennung.
Sie denken, die Beziehung sei seit fünf Jahren vorbei.
Dann erfahren Sie, dass Ihr Expartner weiterhin Excel-Tabellen über Ihre Gewohnheiten führt.
Dienstag, 19:42 Uhr: schon wieder Tiefkühlpizza. Risikoprofil bestätigt.
Überhaupt ist dieser ominöse Score eines der faszinierendsten Produkte deutscher Bürokratiekultur.
Ein Mensch besteht normalerweise aus Hoffnungen, Ängsten, Erfahrungen, Familie, Beruf und vielleicht einer überraschend großen Sammlung unbenutzter Ladekabel.
Für einen Score reicht dagegen eine Zahl.
Das ist Effizienz.
„Wie geht es Herrn Schmidt?“
„97,4.“
„Und menschlich?“
„Dafür haben wir kein Datenfeld.“
Vielleicht entwickelt sich daraus irgendwann das ultimative deutsche Gesellschaftssystem.
Beim Bäcker:
„Zwei Brötchen bitte.“
„Bonität?“
„Wie bitte?“
„Das Körnerbrötchen erhalten Sie erst ab Score 92.“
Beim ersten Date:
„Was machst du beruflich?“
„Ganz egal. Wie ist dein Score?“
Und bei der Hochzeit fragt der Standesbeamte:
„Wollen Sie diesen Menschen heiraten, in guten wie in schlechten Zeiten, bei positiver wie negativer Zahlungshistorie?“
Der Streit zwischen Noyb und Schufa dürfte deshalb noch ausgesprochen interessant werden. Denn hier geht es um eine grundsätzlich wichtige Frage des digitalen Zeitalters:
Wann darf Vergangenheit eigentlich Vergangenheit sein?
Früher hieß es: Zeit heilt alle Wunden.
Heute könnte die präzisere Version lauten:
Zeit heilt alle Wunden – sofern die dazugehörigen Datensätze fristgerecht gelöscht wurden.
Ich persönlich fordere deshalb den vollkommen transparenten Superscore.
Jeder Bürger bekommt morgens eine Push-Nachricht:
Guten Morgen! Ihr heutiger gesellschaftlicher Wert beträgt 88,7 Punkte.
Abzüge gab es wegen eines vergessenen Handyvertrags von 2014, einer verdächtig teuren Waschmaschine von 2019 und drei Dönerbestellungen innerhalb von 48 Stunden.
Positiv berücksichtigt wurde immerhin, dass Sie gestern Pfand zurückgebracht haben.
Deutschland wäre damit endlich vollständig messbar.
Wunderbar.
Effizient.
Und völlig wahnsinnig.
Bis dahin bleibt nur eine wichtige Erkenntnis:
Sie können Ihre Schulden bezahlen.
Sie können Ihre Vergangenheit bewältigen.
Sie können ein neues Leben beginnen.
Aber wenn irgendwo noch ein Datensatz sitzt, eine Kennziffer trägt und leise vor sich hin gespeichert wird, dann sollten Sie niemals vergessen:
Das Internet vergisst nichts.
Und möglicherweise hat die Schufa sogar noch ein Backup davon.

