Kurz vor der Wahl entdeckt Moskau plötzlich seine Leidenschaft für Mecklenburg-Vorpommern. Ronald Tramp untersucht das neue Sonderangebot: Kreuz bei der richtigen Partei, Pipeline vielleicht inklusive. Nur leider liegt zwischen Wahlurne und Gasventil noch diese lästige Kleinigkeit namens Realität.
Von Reporter Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für Pipelines, Parteifreundschaften und geopolitische Sonderangebote
MECKLENBURG-VORPOMMERN – Meine Damen und Herren, wir erleben möglicherweise die größte Innovation seit der Erfindung des Wahlplakats: den politischen Gastarif mit Wahlempfehlungscharakter.
Andere Länder schicken vor Wahlen Wahlbeobachter.
Moskau schickt offenbar lieber einen Energieprospekt.
Kirill Dmitrijew, Wirtschaftsbeauftragter des Kreml, hat öffentlich erklärt, Mecklenburg-Vorpommern könne wieder aufblühen, wenn bezahlbares Nord-Stream-Gas durch Zusammenarbeit mit der AfD zurückkehre.
Das ist selbstverständlich keine Wahleinmischung.
Nein, nein!
Das ist offenbar lediglich internationale Produktinformation mit zufällig passender Parteierwähnung.
Ungefähr so, als würde McDonald’s am Wahltag erklären: „Wenn Partei X gewinnt, könnte der Big Mac wieder billiger werden. Aber wir beeinflussen natürlich niemanden.“
Fantastisch.
Ich stelle mir bereits die neue russische Tourismuswerbung vor:
Besuchen Sie Mecklenburg-Vorpommern!
Ostsee.
Backsteingotik.
Fischbrötchen.
Und irgendwo unter Wasser liegt vielleicht noch ein Sonderangebot.
Der Kreml verkündet seit Jahren gerne, man mische sich selbstverständlich nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten ein. Gleichzeitig erscheint kurz vor einer Wahl ein hochrangiger russischer Funktionär digital auf der politischen Bühne und ruft sinngemäß: Wenn es mit dieser Partei klappt, reden wir über günstiges Gas!
Das ist ungefähr so unauffällig wie ein Elefant im Wahllokal, der einen Parteischal trägt und behauptet, nur wegen der Heizung hier zu sein.
Besonders schön wird die Sache allerdings, wenn man die Bedienungsanleitung liest.
Denn bei einer Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern wird überraschenderweise keine EU-Sanktionspolitik beschlossen.
Schockierend!
Offenbar befindet sich im Schweriner Schloss doch kein geheimer Hebel mit der Aufschrift:
NORD STREAM – AN/AUS
Ich habe gesucht.
Nichts.
Nicht einmal hinter dem Getränkeautomaten.
Die versprochene politische Gasromantik funktioniert also ungefähr wie ein Gutschein, auf dem unten sehr klein steht:
Einlösung abhängig von Bundesregierung, Europäischer Union, geopolitischer Lage, Pipelinezustand und ungefähr siebzehn weiteren Institutionen, die gerade nicht zur Wahl stehen.
Aber Details!
Details sind die natürlichen Feinde großer politischer Erzählungen.
Und große Erzählungen haben wir hier reichlich.
„Niedrigere Energiekosten! Mehr Jobs! Wachstum!“
Natürlich!
Warum nicht gleich:
Gas aufdrehen, Wirtschaft boomt, Ostsee wird wärmer, Renten steigen, Kühe geben Champagner und Rostock bekommt einen eigenen Mond.
Ich wartete eigentlich nur noch auf:
Bei Bestellung bis Sonntag gratis Industriewunder dazu!
Auch die politische Konstellation ist bemerkenswert. Die AfD fordert seit längerem eine Wiederaufnahme russischer Gaslieferungen. Reuters berichtete zuletzt über geplante Gespräche zwischen Dmitrijew sowie den AfD-Co-Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla über dieses Thema.
Damit entwickelt sich die Pipeline langsam von einer Energieinfrastruktur zu einer politischen Datingplattform.
Moskau sucht Berlin.
Interessen: Gas, Sanktionen abschaffen, lange Spaziergänge an der Ostsee.
Mag nicht: komplizierte europäische Entscheidungsprozesse.
Wünscht sich: jemanden, der zurückruft.
Und irgendwo sitzt Nord Stream auf dem Meeresboden und denkt vermutlich: Leute, ich bin eine Pipeline. Warum bin ich plötzlich Wahlkampfmanager?
Ich, Ronald Tramp, erkenne jedenfalls großes Potenzial.
Vielleicht wird Wahlkampf künftig komplett über Lieferverträge organisiert.
Norwegen unterstützt eine Partei und verspricht Lachspreise.
Frankreich bietet Käse.
Italien Espresso.
Die Schweiz schickt ein anonymes Bankkonto.
Und Kanada sagt: „Wir haben Ahornsirup, möchten aber aus dieser Sache herausgehalten werden.“
Politik wäre endlich verständlich.
Keine Parteiprogramme mehr.
Nur noch Sonderangebote.
Wählen Sie jetzt – Lieferung vorbehaltlich internationaler Rechtslage.
Das Beste bleibt jedoch die Vorstellung, Russland könne einerseits betonen, ausländische Wahlen seien selbstverständlich interne Angelegenheiten, während ein Kreml-Beauftragter andererseits wenige Stunden vor einer Wahl öffentlich wirtschaftliche Vorteile mit der Zusammenarbeit einer bestimmten Partei verbindet.
Das ist diplomatische Zurückhaltung nach dem Prinzip Ronald Tramp:
Ich beeinflusse überhaupt niemanden.
Ich stehe lediglich neben der Wahlurne, halte einen Sack Geldscheine, einen Gasvertrag und ein riesiges Schild hoch und flüstere:
„Aber entscheidet selbstverständlich völlig frei.“
Sehr diskret.
Sehr subtil.
Fast unsichtbar.
Ronald Tramp meint:
Wenn jemand kurz vor einer Wahl erklärt, eine bestimmte Partei könne gemeinsam mit ihm Wohlstand, billige Energie und Wachstum zurückbringen, ist das zumindest eine bemerkenswert engagierte Form politischer Nachbarschaftshilfe.
Und wenn das angeblich keine Einmischung sein soll, freue ich mich bereits auf Moskaus Definition von Zurückhaltung.
Vermutlich kommt sie mit Pipeline, Pressekonferenz und Rabattcode.

