Im Weißen Haus wird offenbar kräftig umdekoriert: Reporter raus, Zustimmung rein. Ronald Tramp berichtet über die vermutlich exklusivste Pressezone der Welt – mit Türsteher, deaktivierten Ausweisen und einem Wahrheitsbegriff, der problemlos ins Oval Office passt.
Von Reporter Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für Türen, Mauern und demokratische Seiteneingänge
WASHINGTON – Es gibt historische Momente, in denen Regierungen Geschichte schreiben. Und dann gibt es Momente, in denen jemand offenbar einfach die Gästeliste nimmt, einen dicken Filzstift herausholt und sagt: „Die da? Nein. Die auch nicht. Und der sowieso nicht. Sehr schlechte Presse. Furchtbare Presse. Wahrscheinlich die schlechteste Presse aller Zeiten.“
Willkommen im Weißen Haus, dem Gebäude, das neuerdings offenbar nicht nur Sitz des Präsidenten, sondern auch eine Art exklusiver Nachrichtenclub mit politischer Gesichtskontrolle ist.
Reporter mehrerer Medien sollen am Eingang gestanden haben und dort eine faszinierende technologische Erfahrung gemacht haben: Der Presseausweis, gestern noch ein Dokument demokratischer Normalität, verwandelte sich über Nacht in ein sehr teures Stück Plastik mit der Zugangskompetenz einer alten Kundenkarte vom Baumarkt.
„Ausweis bitte.“
Pieps.
Rot.
Noch mal.
Pieps.
Noch röter.
Und dann der Satz, der wahrscheinlich künftig auf das offizielle Wappen jedes Behördeneingangs gehört: „Das liegt über meiner Zuständigkeit.“
Fantastisch.
Niemand weiß etwas, niemand entscheidet etwas, aber die Tür bleibt zuverlässig zu. Das ist Verwaltungsmodernisierung mit amerikanischem Premiumanspruch.
Im Zentrum der neuen Zutrittsphilosophie steht offenbar die revolutionäre Idee, dass kritische Berichterstattung ein ziemlich eindeutiges Zeichen dafür sein könnte, dass Journalisten nicht genug verstanden haben. Denn wenn über den Präsidenten etwas Negatives berichtet wird, gibt es natürlich verschiedene Möglichkeiten.
Möglichkeit eins: Der Bericht könnte zutreffen.
Möglichkeit zwei: Der Bericht könnte falsch sein.
Möglichkeit drei – und hier betreten wir das neue Level präsidentieller Erkenntnistheorie: DER REPORTER MUSS WEG.
Das ist effizient.
Andere Regierungen beschäftigen Pressesprecher, geben Gegendarstellungen heraus oder beantworten Fragen. Hier spart man sich sämtliche Zwischenschritte. Keine Frage, kein Problem. Kein Reporter, keine Frage. Keine Pressekarte, keine Pressekonferenz. Das ist Verwaltungsvereinfachung, wie sie sonst nur ein Aktenschredder hinbekommt.
Besonders beeindruckend ist die Logik hinter dem Begriff „Fake News“. Früher bezeichnete man damit erfundene Informationen. Heute scheint die Definition wesentlich komfortabler:
Fake News sind Nachrichten, die einem nicht gefallen.
Das eröffnet fantastische Möglichkeiten.
Schlechtes Wetter? Fake Weather.
Unvorteilhafte Umfrage? Fake Numbers.
Mahnung vom Finanzamt? Fake Invoice.
Waage im Badezimmer? Radical Left Scale.
Ich selbst habe sofort begonnen, dieses Prinzip anzuwenden. Meine Stromrechnung ist seit heute eine orchestrierte Kampagne feindlicher Energieunternehmen.
Natürlich berufen sich die betroffenen Medien auf Pressefreiheit und den Ersten Verfassungszusatz. Ein ziemlich altes Konzept. Sehr traditionell. Fast schon Vintage-Demokratie.
Doch man darf gespannt sein, wohin sich das Ganze entwickelt. Vielleicht wird der Presseraum demnächst konsequent neu organisiert.
In Reihe eins sitzen nur noch Reporter, die bereits vor der Frage applaudieren.
Reihe zwei besteht aus Influencern mit „Mr. President, how do you manage to be so incredibly presidential?“ auf dem vorbereiteten Zettel.
Und Reihe drei bleibt leer, damit niemand behaupten kann, dort habe früher CNN gesessen.
Auch die Akkreditierung könnte vereinfacht werden.
Frage eins: „Ist der Präsident großartig?“
A: Ja.
B: Sehr ja.
C: Historisch ja.
D: Größtes Ja aller Zeiten.
Wer „Es kommt darauf an“ ankreuzt, wird automatisch zum Parkplatz weitergeleitet.
Ich sehe schon das neue Schild am Eingang:
WHITE HOUSE PRESS AREA
Kritische Fragen bitte draußen lassen.
Fakten werden auf Verträglichkeit geprüft.
Ironie ist anzumelden.
Applaus darf ohne Genehmigung mitgeführt werden.
Und sollten künftig weitere Medien ausgesperrt werden, könnte das Weiße Haus eines Tages tatsächlich einen historischen Zustand erreichen: eine Pressekonferenz ganz ohne Presse.
Der Präsident tritt ans Mikrofon.
„Fragen?“
Stille.
„Fantastisch. Niemand widerspricht mir.“
Und irgendwo vor dem Zaun steht eine Gruppe Reporter mit eingezogenen Presseausweisen und denkt sich:
Das war vermutlich die erfolgreichste Pressekonferenz aller Zeiten.
Zumindest laut dem einzigen Mann im Raum, der noch darüber berichten darf.
Ronald Tramp meint: Wenn eine Regierung nur noch gute Nachrichten hören möchte, braucht sie irgendwann keine Journalisten mehr. Dann genügt ein Spiegel. Und selbst der sollte sicherheitshalber vorher unterschreiben, dass er ausschließlich vorteilhafte Winkel verwendet.

