Das Weiße Haus entdeckt Videospiele als politische Kommunikation: Migranten aufgreifen, Mauern bauen, Geldsäcke fangen. Ronald Tramp fragt, wann aus Politik endgültig ein Arcade-Automat wurde.
Von Ronald Tramp, Gaming-Korrespondent für politische Highscores, digitale Grenzanlagen und Demokratie im Arcade-Modus
Meine lieben Gamer, Steuerzahler, Grenzbeamten und Menschen, die bisher völlig naiv glaubten, eine Regierung brauche für politische Kommunikation Dinge wie Pressekonferenzen, Hintergrundgespräche oder Argumente!
Vergessen Sie das.
Amerika hat die nächste Stufe staatlicher Kommunikation erreicht:
DAS WEISSE HAUS WIRD ZUR SPIELHALLE!
Nach dem vorliegenden Bericht präsentiert die Trump-Regierung mehrere Online-Videospiele. Dabei kann man unter anderem Migranten aufgreifen, eine Grenzmauer bauen und Geldsäcke einsammeln.
Ich sage:
INCREDIBLE!
Andere Regierungen veröffentlichen 180-seitige PDF-Berichte.
Niemand liest sie.
Trump sagt offenbar:
„Was wäre, wenn wir Tetris nehmen – ABER MIT GRENZPOLITIK?“
GENIUS MARKETING!
Deutschland veröffentlicht einen Migrationsbericht.
Amerika veröffentlicht:
MIGRATION: THE GAME™
Und plötzlich kennt Kevin, 14, aus Ohio die Grenzpolitik.
Vielleicht nicht besonders differenziert.
Aber er hat 47.000 Punkte.
Level 1: RIO RUN – Fang den Migranten!
Ein Spiel trägt laut Bericht den Titel „Rio Run“ und orientiert sich am Klassiker Snake.
Nur sammelt man keine Pixel oder Äpfel.
Man steuert eine digitale Version von Grenzschutzbeauftragtem Tom Homan und soll möglichst viele Migranten aufgreifen, die den Rio Grande überquert haben.
Ronald schaut auf den Bildschirm.
Blink.
Blink.
Mensch.
+100 POINTS!
Nächster Mensch.
COMBO!
Noch einer.
BORDER STREAK x5!
Meine Damen und Herren:
Wir haben den Punkt erreicht, an dem hochkomplexe Fragen über Flucht, Migration, Asylrecht, Grenzsicherung, Familien, Abschiebung und menschliche Schicksale offenbar in eine Spielmechanik passen.
Das ist beeindruckend.
Nicht unbedingt im guten Sinne.
Aber beeindruckend.
Vielleicht erscheint beim nächsten Level:
BOSS FIGHT: DUE PROCESS
Extrem schwierig.
Viele Regeln.
Kaum jemand schafft es.
Ronald fordert realistische Zusatzlevel
Wenn wir schon Migration gamifizieren, dann bitte vollständig!
Ich möchte:
LEVEL 2: ASYLBEHÖRDE SIMULATOR
Sie haben 14.000 Anträge.
Sieben Sachbearbeiter.
Drei Drucker.
Einer brennt.
GO!
LEVEL 3: IMMIGRATION COURT
Finden Sie innerhalb von 90 Sekunden einen freien Anhörungstermin.
IMPOSSIBLE MODE!
LEVEL 4: FIND THE LAWYER
Extrem seltenes Item.
LEVEL 5: CONGRESS
Sie müssen eine dauerhafte Reform des Einwanderungsrechts verabschieden.
Dieses Level wurde seit Jahrzehnten von keinem Spieler erfolgreich beendet.
HIGHSCORE: 0.
Jetzt wäre es realistisch.
Build the Wall: Tetris mit Außenpolitik
Noch fantastischer klingt „Build the Wall“.
Das Spiel soll an Tetris erinnern.
Blöcke fallen.
Sie bauen eine Mauer.
Und laut der im Ausgangstext zitierten Spielbeschreibung soll die Grenze vor einer „herannahenden Horde“ geschützt werden.
Hier wird es deutlich weniger lustig.
Denn Menschen als „Horde“ in einem staatlichen Spiel zu inszenieren, ist nicht bloß infantile Kommunikation. Es reduziert reale Menschen auf gesichtslose Spielelemente und macht aus einer gesellschaftlich und rechtlich schwierigen Frage eine simple Gut-gegen-Böse-Mechanik.
Aber Ronald ist Satiriker.
Also schauen wir uns an, wohin dieses Konzept führt.
Tetris-Musik läuft.
Mauerstück.
Mauerstück.
Mauerstück.
Oh nein!
FALSCHER WINKEL!
Eine Lücke!
GAME OVER!
Donald erscheint auf dem Bildschirm:
„VERY WEAK WALL!“
Neustart.
Dieses Mal bekommt man einen goldenen Spezialblock.
EXECUTIVE ORDER!
Er passt überall.
Keine Physik erforderlich.
Das Weiße Haus entdeckt Gamification
Die Regierung erklärt laut Ausgangstext, man wolle die Erfolge des Präsidenten auf innovative Weise erzählen und eine Kultur von „Spaß und Gewinnen“ einer angeblich düsteren sozialistischen Vision der Demokraten gegenüberstellen.
Das ist bemerkenswert.
Politik war früher:
„Welche Maßnahmen funktionieren?“
Jetzt:
„Welche Seite hat mehr FUN?“
Gesundheitsversorgung?
LANGWEILIG.
Haushaltspolitik?
SKIP.
Staatsverschuldung?
KEINE GUTE GRAFIK.
Aber Mauer-Tetris?
LET'S GO!
Ich erwarte deshalb bald den kompletten White-House-Arcade-Pass.
Ronald präsentiert die nächsten Regierungsspiele
TARIFF TYCOON™
Sie verhängen Zölle.
Die Preise steigen.
Sie verhängen weitere Zölle.
Bonuslevel: Erklären Sie, wer sie tatsächlich bezahlt.
Schwierigkeitsgrad:
EXPERT.
FEDERAL RESERVE FIGHTER II™
Sie kämpfen gegen den Notenbankchef.
Spezialattacke:
RATE CUT UPPERCUT!
DEBT CEILING JUMP™
Springen Sie über die Schuldenobergrenze.
Sie wird nach jedem Sprung höher.
Das Spiel endet nie.
GOLF FORCE ONE™
Bringen Sie den Präsidenten vom Weißen Haus zum Golfplatz, ohne dass ein Journalist eine Frage stellen kann.
SUPREME COURT KOMBAT™
Neun Charaktere.
Lebenslange Spielzeit.
Keine Respawns.
Und natürlich:
CABINET SURVIVOR™
Bleiben Sie möglichst lange Mitglied der Regierung.
Der aktuelle Weltrekord wird stündlich aktualisiert.
Dann gibt es noch das Geldsack-Spiel
In einem weiteren Spiel sollen Nutzer laut Bericht mit Netzen unter anderem Geldsäcke einfangen und damit ein sogenanntes Trump-Konto füllen – Investitionskonten für bestimmte Kinder mit US-Staatsbürgerschaft.
Das ist herrlich amerikanisch.
Europa erklärt Altersvorsorge mit Broschüren.
Amerika:
CATCH THE MONEY!
💰
💰
💰
Ronald:
„ENDLICH VERSTEHE ICH FINANZPOLITIK!“
Warum haben wir das nicht früher gemacht?
Bundeshaushalt Deutschland:
Christian-Lindner-Gedächtnislevel.
Fangen Sie 500 Milliarden Euro ein.
Aber Vorsicht!
Von links kommen Rentenausgaben.
Von rechts Verteidigung.
Oben Infrastruktur.
Unten Kommunen.
Und plötzlich erscheint:
SONDERVERMÖGEN!
Bonusleben!
Politik wird zum Punktestand
Das eigentliche Problem ist größer als ein paar alberne Browsergames.
Politische Kommunikation wird zunehmend darauf optimiert, Emotionen statt Verständnis zu erzeugen.
Gut.
Böse.
Gewinnen.
Verlieren.
Freund.
Feind.
Punkte.
Highscore.
Das funktioniert hervorragend im Videospiel.
Aber Demokratie ist kein Videospiel.
Menschen sind keine Spielfiguren.
Migration lässt sich nicht seriös als Snake-Level erklären.
Grenzpolitik ist kein Tetris.
Und wer staatliche Macht als Unterhaltung verkauft, sollte sich zumindest fragen lassen, wann aus „Spaß“ politische Entmenschlichung wird.
Denn ein Spiel besitzt einen entscheidenden Mechanismus:
Der Spieler soll gewinnen.
Dafür braucht er Gegner.
Und sobald reale gesellschaftliche Gruppen zu diesen Gegnerfiguren werden, wird aus politischer Kommunikation etwas ziemlich Hässliches.
Ronalds Alternative: Democracy Simulator 2026
Deshalb entwickle ich mein eigenes Spiel:
DEMOCRACY SIMULATOR™
Sie starten mit 100 Prozent Zustimmung.
Dann treffen Sie Ihre erste Entscheidung.
47 Prozent sind sauer.
Sie machen einen Kompromiss.
Jetzt sind 63 Prozent sauer.
Sie erklären den Kompromiss.
Niemand liest die Erklärung.
Sie posten ein Video.
Kommentar Nummer eins:
„LÜGENPRESSE!!!“
Kommentar Nummer zwei:
„DIKTATUR!!!“
Kommentar Nummer drei:
Werbung für Kryptowährung.
Dann kommt eine Wahl.
Sie verlieren sechs Prozent.
Koalitionsverhandlungen beginnen.
LOADING …
Drei Monate später:
LOADING …
Das ist realistische Politik!
Kein Highscore.
Nur Rückenschmerzen.
Game Over für Differenzierung
Das Weiße Haus möchte offenbar Politik unterhaltsam machen.
Dagegen wäre grundsätzlich wenig einzuwenden.
Politische Bildung darf Spaß machen.
Komplexe Themen dürfen verständlich erklärt werden.
Aber zwischen verständlicher Kommunikation und der spielerischen Jagd auf Menschen liegt ein ziemlich großer Unterschied.
Wer Migranten zu Sammelobjekten beziehungsweise Gegnerfiguren macht und von einer „Horde“ spricht, erklärt keine Politik.
Er baut eine emotionale Spielwelt.
Und Spielwelten sind fantastisch, solange man nach dem Ausschalten weiß:
DIE FIGUREN WAREN NICHT ECHT.
Bei Migration sind sie echt.
Menschen mit Namen.
Familien.
Biografien.
Rechten.
Man kann harte Grenzpolitik vertreten.
Man kann Abschiebungen fordern.
Man kann strengere Einwanderungsregeln wollen.
Aber eine Regierung sollte trotzdem verstehen, dass die Menschen, über die sie entscheidet, keine Pixel mit Punktwert sind.
Ich bin Ronald Tramp.
Ich liebe Games.
Ich liebe Highscores.
Ich liebe sogar Tetris.
Aber wenn das Weiße Haus demnächst ein Spiel veröffentlicht, bei dem man politische Gegner mit einem Hammer wegklickt, möchte ich vorsorglich sagen:
MAYBE PUT THE CONTROLLER DOWN.
Denn Regierung ist kein Arcade-Automat.
Der Präsident hat keine drei Leben.
Die Verfassung besitzt keinen Cheat-Code.
Und Demokratie hat leider keinen:
CTRL + Z.
Bis dahin gilt:

