RT
Ronald Tramp
Macht Meinung wieder Gross!

AfD auf dem Pausenhof: Kann man mit „Flachzange!“ regieren?

Grafik: Pausenhofpolitik - Wenn „Flachzange!“ regieren soll

Beleidigungen bringen Klicks, Empörung bringt Reichweite – aber kann man damit ein Bundesland regieren? Ronald Tramp schickt die politische Pausenhof-Rhetorik zum ultimativen Endgegner: Haushalt, Kompromiss und Excel.

Open-How2 - Banner 002Partnerlink

Deutschland besitzt eine parlamentarische Demokratie. Wir haben Geschäftsordnungen, Ausschüsse, Haushaltspläne, Gesetzgebungsverfahren und das konstruktive Misstrauensvotum.

Alles ziemlich kompliziert.

Zum Glück scheint es inzwischen ein alternatives politisches Betriebssystem zu geben:

Pausenhof 2.0.

Die Bedienung ist denkbar einfach.

Argument?

Zu kompliziert.

Kompromiss?

Verdächtig.

Sachdebatte?

Langweilig.

Stattdessen nimmt man eine möglichst grobe Beleidigung, schreibt sie in Großbuchstaben ins Internet und wartet darauf, dass der Algorithmus applaudiert.

„Flachzange!“

DING! 14.000 Likes.

„Linksextremist!“

DING! 38.000 Aufrufe.

Persönliche Herabsetzung?

JACKPOT!

Willkommen im politischen Social-Media-Casino, wo politische Kompetenz neuerdings möglicherweise in Empörungsreichweite pro Minute gemessen wird.

Ich stelle mir den nächsten AfD-Parteitag deshalb nicht mehr als politische Veranstaltung vor, sondern als Casting:

DEUTSCHLAND SUCHT DEN SUPER-PÖBLER.

Juryfrage:

„Herr Kandidat, Ihr politischer Gegner widerspricht Ihnen bei der kommunalen Wärmeplanung. Was tun Sie?“

A: Gegenargument vortragen.

B: Kompromiss suchen.

C: Sachverständige anhören.

D: Ihn öffentlich als linksgrünversiffte Wärmepumpen-Flachzange bezeichnen.

D! D! D!

Konfetti!

Golden Buzzer!

Bundestagsmandat!

Dabei ist das Grundproblem überhaupt nicht lustig: Wenn Politiker Menschen persönlich herabsetzen, wenn Minderheiten öffentlich zum Ziel gemacht werden und politische Sprache immer aggressiver wird, dann findet das nicht in einem sterilen Labor statt. Es landet auf Smartphones, wird geteilt, nachgeahmt und normalisiert. In einem Klima, in dem Politiker ohnehin zunehmend mit Anfeindungen und Übergriffen konfrontiert sind, ist verbale Eskalation keine besonders geniale gesellschaftliche Dienstleistung.

Satirisch interessant wird es aber bei der Frage, was passiert, wenn aus dem Pöbeln plötzlich Regieren werden soll.

Denn nach einem starken Wahlergebnis kommt irgendwann dieser lästige Teil der Demokratie, über den TikTok erstaunlich wenig spricht:

Arbeit.

Haushalt.

Schulen.

Straßen.

Polizei.

Kommunen.

Wirtschaftsförderung.

Gesetze.

Verwaltung.

Und plötzlich sitzt da nicht mehr irgendein politischer Gegner vor einem, den man auf X mit einem kernigen Zweizeiler abfertigen kann.

Da sitzt ein Haushaltsentwurf.

1.847 Seiten.

Der lässt sich nicht einschüchtern.

„DU FLACHZANGE!“

Der Haushaltsentwurf schweigt.

„LINKSGRÜNES ZAHLENWERK!“

Keine Reaktion.

„ICH LASSE MIR DAS NICHT GEFALLEN!“

Seite 763: Deckungslücke 418 Millionen Euro.

Scheiße.

Das ist der natürliche Feind des Populismus:

Excel.

Excel besitzt keine Gefühle.

Excel lässt sich nicht provozieren.

Excel interessiert sich nicht dafür, wie viele Follower man hat.

Wenn in Zelle H47 minus 83 Millionen Euro stehen, hilft auch kein empörter Facebook-Post.

Und deshalb wäre ein Ministerpräsident Ulrich Siegmund politisch vor allem ein interessantes Experiment: Was passiert, wenn die maximale Oppositionsrhetorik plötzlich auf die minimale Begeisterungsfähigkeit einer Landesverwaltung trifft?

„Wir ändern jetzt ALLES!“

Referatsleiter:

„Sehr gern. Rechtsgrundlage?“

„DAS VOLK WILL ES!“

„Aktenzeichen?“

„44,5 PROZENT!“

„Das ist kein Aktenzeichen.“

„FLACHZANGE!“

„Ich benötige trotzdem Ihre Mitzeichnung.“

Spätestens dort endet jede Revolution.

Nicht an der Brandmauer.

An der Umlaufmappe.

Und dann kommt noch etwas Schreckliches hinzu:

Kompromisse.

Wer regieren will, muss mit Menschen reden, die anderer Meinung sind.

Abscheulich!

Manchmal muss man sogar zuhören.

Grauenhaft!

Man kann einen politischen Gegner nicht nach jeder Meinungsverschiedenheit aus dem Sitzungszimmer werfen und anschließend erklären, man habe die Verhandlungen mit einem historischen Sieg beendet.

Regieren bedeutet gelegentlich sogar, einen Vorschlag der anderen Seite für vernünftig zu halten.

Für politische Social-Media-Krieger dürfte das ungefähr so angenehm sein wie Knoblauch für Dracula.

Natürlich bedeutet ein Kreuz bei einer Partei nicht zwangsläufig, dass jeder einzelne Wähler jede Äußerung jedes Funktionärs gutheißt. Menschen wählen Parteien aus unterschiedlichsten Gründen. Aber wenn wiederholte sprachliche Entgleisungen den Wahlerfolg nicht verhindern, entsteht für Politiker ein fataler Anreiz:

Warum leiser werden, wenn Lautstärke funktioniert?

Genau darin liegt das Problem.

Algorithmen belohnen Empörung.

Empörung erzeugt Reichweite.

Reichweite erzeugt Aufmerksamkeit.

Aufmerksamkeit erzeugt politischen Erfolg.

Und plötzlich stehen wir vor einem demokratischen Geschäftsmodell, bei dem schlechte Manieren hervorragende Kennzahlen produzieren.

Vielleicht braucht Sachsen-Anhalt deshalb künftig zwei Ministerpräsidenten.

Einen für Social Media.

Der darf den ganzen Tag Gegner beleidigen, Videos aufnehmen und empört in Kameras schauen.

Und einen zweiten für die eigentliche Arbeit.

Der liest Haushaltspläne, verhandelt mit Kommunen und erklärt dem ersten gelegentlich:

„Nein, Ulrich. Wir können das Krankenhaus nicht per TikTok-Kommentar finanzieren.“

Denn eines sollte man niemals vergessen:

Mit einer Beleidigung bekommt man vielleicht 100.000 Klicks.

Mit einem guten Wutanfall vielleicht 500.000.

Mit einem besonders groben Spruch vielleicht sogar eine Schlagzeile.

Aber irgendwann morgens um 8:17 Uhr sitzt man im Kabinett.

Vor einem liegen 600 Seiten Landesentwicklungsplan.

Niemand jubelt.

Keine Likes.

Keine Herzen.

Kein Algorithmus.

Nur ein Staatssekretär, der fragt:

„Herr Ministerpräsident, wie entscheiden wir?“

Und dann hilft nur noch das, was auf dem politischen Pausenhof inzwischen beinahe revolutionär wirkt:

eine vernünftige Antwort.

Dixxu - Banner 002Partnerlink
Tags: AfD Populismus Landtagswahl Ulrich Siegmund Sachsen-Anhalt Beleidigungen
a
Das könnte dich auch interessieren
Merz halbiert die AfD – leider erwischt er die CDU
Sachsen-Anhalt am politischen Abgrund: 41 Sitze Dummlaberei, ein Sitz fehlt zum ganz großen Irrsinn
Sachsen-Anhalt wählt: Jetzt kommt die Allianz für Dummlaberei
Allianz für Dummlaberei – jetzt mit Arztprüfung im Morgenmagazin
‹ Vorheriger
Trump feiert schon den Sieg – nur die Umfragen wissen nichts…
Verpasse keine Enthüllung!
Abonniere meinen Newsletter und erhalte die Wahrheit regelmäßig – direkt und ungefiltert.