Ein Comedian, ein Präsident und plötzlich jede Menge Justiz: Ronald Tramp besucht die wundersame Welt der staatlich überwachten Pointe – inklusive Hochsicherheits-Humor und behördlich geprüftem Sarkasmus.
Von Ronald Tramp – Sonderkorrespondent für staatlich geprüften Humor, präsidiale Empfindlichkeiten und Pointen mit möglichem Haftbefehl.
Meine Damen und Herren, ich melde mich heute aus der internationalen Abteilung für staatlich geprüfte Pointen, genehmigte Gesichtsausdrücke und kontrolliertes Kichern.
Es gibt Länder, da geht ein Comedian auf die Bühne, erzählt einen schlechten Witz und bekommt anschließend schlechte Kritiken.
Und dann gibt es offenbar Systeme, bei denen man denkt:
Kritik? Viel zu langsam. Holt den Staatsanwalt!
Der türkische Comedian Deniz Göktaş stand vor Gericht, weil seine Stand-up-Nummer offenbar etwas tat, was Stand-up-Comedy gelegentlich tut:
Sie machte sich über Dinge lustig.
Unfassbar!
Ein Komiker!
Mit Witzen!
Wo soll das enden?
Vielleicht fangen Journalisten demnächst noch an, Fragen zu stellen.
Göktaş wurde wegen Präsidentenbeleidigung und eines weiteren Delikts verurteilt, nach monatelanger Untersuchungshaft aber zunächst freigelassen.
Ich, Ronald Tramp, habe deshalb einen Vorschlag:
Die Türkei braucht dringend ein Ministerium für ordnungsgemäße Komik.
Eine gigantische Behörde!
Sehr wichtig!
Abteilung eins prüft Witze über Politiker.
Abteilung zwei prüft Witze über Religion.
Abteilung drei prüft, ob Abteilung eins über den Witz aus Abteilung zwei lachen durfte.
Und Abteilung vier verhaftet vorsichtshalber den Hausmeister.
Sicher ist sicher.
Vor jedem Auftritt müsste ein türkischer Comedian künftig ein Formular ausfüllen:
„Sehr geehrte Behörde, ich beabsichtige am Freitag gegen 20:43 Uhr eine möglicherweise humoristische Bemerkung. Die Pointe könnte bei besonders humoranfälligen Personen zu kurzfristigem Schmunzeln führen.“
Anlage A: Witz.
Anlage B: Ersatzwitz.
Anlage C: Erklärung, warum eigentlich niemand gemeint war.
Anlage D: Flugticket für den Fall, dass doch jemand gemeint war.
Grandios!
Besonders spektakulär ist die Geschichte von Göktaş' Rückkehr aus dem Urlaub. Er wurde Anfang Juli am Flughafen Istanbul festgenommen. Berichten zufolge hatte er bereits damit gerechnet, dass die Behörden ihn erwarten könnten.
Stellen Sie sich diesen Moment vor.
Normale Reisende kommen nach Hause und fragen:
„Wo ist mein Koffer?“
Deniz Göktaş möglicherweise:
„Wo ist mein Anwalt?“
Andere Menschen werden am Flughafen abgeholt von:
Mama.
Papa.
Freundin.
Taxi.
Bei politischer Satire gibt es offenbar noch eine fünfte Möglichkeit:
Staatsmacht mit Anschlussbeförderung.
Und das ist Service!
Kein Warten am Taxistand!
Kein überteuertes Airport-Shuttle!
Direkttransport!
Sehr effizient.
Göktaş saß anschließend fast drei Monate in Untersuchungshaft im Hochsicherheitsgefängnis Karatepe.
Hochsicherheitsgefängnis!
Für einen Comedian!
Das muss man sich einmal vorstellen.
Was war die Sicherheitsprognose?
„Achtung! Der Mann könnte jederzeit eine weitere Pointe bilden!“
Wahrscheinlich bekommt das Wachpersonal morgens eine Gefahrenmeldung:
Stufe Rot: Häftling hat ironisch geguckt.
Sofort alle Türen schließen!
Mikrofone konfiszieren!
Publikum evakuieren!
Denn bekanntlich gibt es nichts Gefährlicheres für einen souveränen Staat als einen Mann mit Mikrofon und Timing.
Panzer?
Beherrschbar.
Raketen?
Technisches Problem.
Ein Komiker, der eine Pause vor der Pointe richtig setzt?
Nationale Krise!
Das wirklich Bemerkenswerte an politischer Satire ist nämlich: Je mächtiger jemand ist, desto komischer wirkt es, wenn ausgerechnet ein Witz als existenzielle Bedrohung erscheint.
Wenn ein Staatschef einen Comedian ignoriert, bleibt ein Witz ein Witz.
Wenn Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichte und Schlagzeilen dazukommen, bekommt der Witz plötzlich einen eigenen Verwaltungsapparat.
Das ist die teuerste Marketingkampagne für Comedy seit Erfindung von Netflix.
Göktaş' Programm erreichte online Millionen Zuschauer.
Natürlich!
Wenn der Staat sagt:
„Diesen Witz finden wir überhaupt nicht lustig!“
antwortet das Internet:
„LINK BITTE.“
Das ist das digitale Naturgesetz.
Verbiete ein Buch – Menschen wollen es lesen.
Empöre dich über einen Film – Menschen wollen ihn sehen.
Verhafte einen Comedian wegen seines Programms – und plötzlich denkt die halbe Welt:
„Moment, war der eigentlich gut?“
Vielleicht sollte Netflix deshalb künftig gar keine Werbung mehr schalten.
Einfach:
„Von einer Regierung ausdrücklich nicht empfohlen.“
Boom!
Streamingrekord.
Und ich, Ronald Tramp, stelle mir jetzt die große Zukunft vor.
Comedyclubs mit Sicherheitsschleuse.
Publikumskontrollen.
Vor der Bühne ein Schild:
„Lachen erfolgt auf eigene Gefahr.“
Am Ausgang wartet ein Beamter:
„Sie haben während der Vorstellung dreimal laut gelacht.“
„Ja.“
„Warum?“
„War lustig.“
„Das entscheiden immer noch wir.“
Das wäre fantastisch.
Vollständig bürokratisierter Humor.
ISO-zertifizierte Ironie.
TÜV-geprüfter Sarkasmus.
Und jeden Freitag veröffentlicht das Präsidialamt die offizielle Liste:
Diese Woche zugelassene Pointen:
Montag – Schwiegermütter.
Dienstag – Wetter.
Mittwoch – Katzenvideos.
Donnerstag – Verkehrsstaus.
Freitag – Präsident?
VERSUCHEN SIE ES GAR NICHT ERST.
Deniz Göktaş ist inzwischen vorerst wieder frei. Sein Verfahren ist damit allerdings nicht endgültig abgeschlossen; die Freilassung gilt während des Berufungsverfahrens.
Und damit bleibt eine große Erkenntnis:
Ein Staat kann einen Comedian vor Gericht stellen.
Er kann seine Witze zum Gegenstand von Akten machen.
Er kann aus einer Pointe einen Prozess machen.
Aber er kann eines nur schwer verhindern:
Dass irgendwann jemand auf die ganze Geschichte schaut und sagt:
„Moment mal – ist DAS jetzt nicht eigentlich der beste Witz des Abends?“

