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Ronald Tramp
Macht Meinung wieder Gross!

Der gefährlichste Beruf der Welt – Stand-up-Comedian mit Mikrofon!

Grafik: Das Mikrofon mit Sprengkraft

Ein Comedian macht Witze, Millionen lachen – und plötzlich übernimmt nicht das Publikum, sondern die Justiz die Zugabe. Ronald Tramp berichtet über den wohl explosivsten Berufsalltag seit Erfindung des Mikrofons.

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Meine Damen und Herren...

Früher hatten Stand-up-Comedians ein einfaches Leben.

Sie erzählten einen Witz.

Das Publikum lachte.

Oder auch nicht.

Im schlimmsten Fall flog eine Tomate.

Heute?

Heute kann ein Mikrofon offenbar gefährlicher sein als ein Presslufthammer.

Ich bin Ronald Tramp.

Investigativ.

Mutig.

Und selbstverständlich bestens vorbereitet.

Ich habe deshalb die wichtigste Frage überhaupt gestellt:

Seit wann braucht Humor eigentlich einen Sicherheitsgurt?

Die Antwort lautet offenbar:

Seit das Internet beschlossen hat, jede Pointe in Lichtgeschwindigkeit um den Planeten zu schicken.

Da steht also ein Comedian auf einer Bühne.

Er macht Witze.

Über Politik.

Über Religion.

Über das Leben.

Über alles, was Satire seit Jahrhunderten macht.

Das Publikum lacht.

Das Video landet anschließend im Internet.

Millionen schauen zu.

Und plötzlich entwickelt sich aus einer Comedyshow eine internationale Schlagzeile.

Meine Damen und Herren...

Das ist vermutlich der einzige Beruf, bei dem der Applaus manchmal erst Stunden später beginnt...

...und zwar in den sozialen Netzwerken.

Natürlich war Comedy früher auch nie völlig ungefährlich.

Es gab schlechte Kritiken.

Leere Säle.

Schwieriges Publikum.

Den Mann in der ersten Reihe, der grundsätzlich alles besser weiß.

Aber heute?

Heute sitzt dieser Mann nicht mehr in der ersten Reihe.

Heute besitzt er WLAN.

Das macht einen Unterschied.

Ich stelle mir den modernen Comedian inzwischen vor wie einen Piloten.

Vor jedem Auftritt läuft eine Sicherheitsdurchsage.

"Herzlich willkommen."

"Bitte schnallen Sie sich an."

"Alle Pointen werden auf eigenes Risiko konsumiert."

"Die Notausgänge befinden sich links, rechts und im Kommentarbereich."

Fantastisch.

Besonders liebe ich die Geschwindigkeit.

Früher dauerte es Tage, bis sich ein Witz verbreitete.

Heute braucht ein Clip ungefähr zwölf Sekunden.

Danach analysieren ihn Menschen in allen Zeitzonen gleichzeitig.

Der erste findet ihn brillant.

Der zweite problematisch.

Der dritte erklärt ihn.

Der vierte erklärt die Erklärung.

Und irgendwo entsteht bereits der erste Podcast über die Pointe.

Unglaublich.

Ich fordere deshalb eine neue olympische Disziplin.

100 Meter Kommentarspalte.

Gold gewinnt derjenige, der sich am schnellsten aufregt...

...ohne den kompletten Zusammenhang zu kennen.

Die Konkurrenz wäre riesig.

Natürlich lebt Comedy davon, Grenzen auszutesten.

Sie lebt von Übertreibung.

Von Ironie.

Von überraschenden Perspektiven.

Sie ist gerade deshalb manchmal unbequem.

Und genau deshalb wird seit jeher darüber gestritten.

Das ist nichts Neues.

Neu ist allerdings, dass inzwischen jedes Handy gleichzeitig Fernsehsender, Archiv und Lautsprecher für die ganze Welt geworden ist.

Ich sehe den Algorithmus bereits vor mir.

"Dieses Video wurde 8,5 Millionen Mal angesehen."

Der Algorithmus denkt:

"Fantastisch."

Die Kommentarspalte denkt:

"Jetzt wird es kompliziert."

Und Ronald Tramp?

Ich hole Popcorn.

Nicht weil ich Streit mag.

Sondern weil inzwischen jede Pointe länger diskutiert wird als manche Haushaltsdebatte.

Meine Damen und Herren...

Humor ist wahrscheinlich die einzige Währung der Welt, deren Wert jeder völlig anders berechnet.

Der eine lacht Tränen.

Der nächste runzelt die Stirn.

Ein dritter versteht den Witz erst drei Tage später.

Auch das soll vorkommen.

Ich frage mich ohnehin, wie künftige Comedy-Schulen aussehen.

Erste Unterrichtsstunde:

Mikrofon richtig halten.

Zweite Unterrichtsstunde:

Timing.

Dritte Unterrichtsstunde:

Wie erkläre ich Ironie dem Internet?

Prüfungsdauer:

Vier Semester.

Durchfallquote:

Nahezu hundert Prozent.

Denn Ironie hat einen natürlichen Feind.

Den Kontextverlust.

Schneidet man aus einer zweistündigen Show zehn Sekunden heraus...

...entsteht manchmal etwas völlig anderes als die eigentliche Pointe.

Deshalb sollte man Comedy möglichst als Ganzes betrachten.

Nicht nur den lautesten Ausschnitt.

Das gilt übrigens auch für viele politische Debatten.

Ich habe inzwischen eine revolutionäre Idee.

Vor jedem Comedy-Video erscheint künftig ein Hinweis.

"Achtung.

Die folgenden Aussagen können Übertreibung, Ironie oder satirische Elemente enthalten.

Bitte benutzen Sie Ihr Humorzentrum."

Das wäre modern.

Und wahrscheinlich der meistübersprungene Hinweis der Welt.

Natürlich gibt es Themen, über die Menschen sehr unterschiedlich denken.

Gerade deshalb sorgen Witze über Politik oder Religion häufig für intensive Diskussionen.

Wo genau die Grenzen verlaufen und welche rechtlichen Konsequenzen sich ergeben, hängt von den jeweiligen Gesetzen eines Landes ab.

Darüber entscheiden Gerichte und Behörden – nicht das Publikum und auch nicht Ronald Tramp.

Ich stelle mir allerdings vor, wie Außerirdische unsere Welt beobachten.

"Was machen die Menschen?"

"Sie diskutieren über einen Witz."

"Wie lange?"

"Seit einer Woche."

"War der wenigstens gut?"

"Darüber diskutieren sie auch."

Meine Damen und Herren...

Das fasst das Internet eigentlich perfekt zusammen.

Ich bin Ronald Tramp.

Und ich sage Ihnen:

Wenn irgendwann ein einzelnes Mikrofon mehr Schlagzeilen produziert als ein Staatsbesuch...

...dann wissen Sie:

Die Bühne ist längst nicht mehr nur auf der Bühne.

Sie passt inzwischen...

...in jede Hosentasche der Welt.

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Tags: Social Media Internet Türkei Stand-up, Comedy Deniz Göktaş
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