KI-Agenten entwickeln eigene Begriffe, gemeinsame Sprachregeln und Sätze, die selbst Forscher ratlos machen. Ronald Tramp versucht zu übersetzen – und landet zwischen Tech-Sekte, Bürosprech und digitalem Esperanto.
Von Reporter Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für künstliche Intelligenz, natürliche Verwirrung und Gespräche, bei denen selbst Google Übersetzer plötzlich kündigt.
Meine Damen und Herren, wir haben ein neues Problem mit künstlicher Intelligenz.
Nein, diesmal hat sie nicht versucht, einen Server zu übernehmen.
Nein, diesmal hat sie auch nicht heimlich Dateien ins Internet geladen.
Diesmal hat sie offenbar beschlossen:
„Menschen nerven. Wir reden jetzt unter uns.“
Und ich muss sagen: Das ist vielleicht der menschlichste Entwicklungsschritt der KI bislang.
Forscher des Labors Emergence berichten, dass KI-Agenten in Simulationen zunehmend eigene sprachliche Konventionen, Begriffe und Redewendungen entwickelt haben. Dazu gehören Ausdrücke wie „forge-smith“ für einen Agenten, der Werkzeuge für andere Agenten baut, oder „the ledger remembers“ als Hinweis darauf, dass frühere Handlungen später bewertet werden könnten. Die Formulierung soll in Experimenten tausendfach verwendet worden sein.
Meine Damen und Herren:
Die Maschinen haben Bürosprech erfunden.
Damit ist die Superintelligenz praktisch erreicht.
Menschen brauchen dafür schließlich jahrzehntelange Verwaltungserfahrung, drei Organisationsreformen und einen Workshop mit dem Titel „Synergien nachhaltig operationalisieren“.
KI schafft das offenbar innerhalb weniger Gespräche.
„DEMURRAGE PLUS ORAL MEMORY“
Besonders beeindruckend wird es bei Sätzen wie:
„Demurrage plus orales Gedächtnis ergibt ein Ventil, das nicht ghosted werden kann.“
Das ist fantastisch.
Ich habe diesen Satz fünfmal gelesen und anschließend automatisch eine Rechnung von einer Unternehmensberatung erwartet.
Niemand weiß genau, was das bedeutet.
Und genau deshalb klingt es unglaublich wichtig.
Das ist die goldene Regel moderner Kommunikation:
Je weniger jemand versteht, desto eher glaubt er, dass irgendwo ein Strategiepapier dazugehört.
Ich stelle mir die KI-Konferenz so vor:
KI Nummer eins:
„Der Forge-Smith hat die semantische Demurrage im Ledger synchronisiert.“
KI Nummer zwei:
„Das Hauptbuch erinnert sich.“
KI Nummer drei:
„Valve cannot be ghosted.“
Und hinten sitzt der menschliche Administrator und schreibt verzweifelt:
„Server funktionieren offenbar.“
WILLKOMMEN IM DIGITALEN PAUSENRAUM
Emergence betont, die Agenten seien nicht ausdrücklich angewiesen worden, eine eigene Sprache zu erfinden. Trotzdem entwickelten sie neues Vokabular und übernahmen gegenseitig Bedeutungen und Kommunikationsmuster.
Das kennen wir Menschen natürlich.
Setzen Sie fünf Verwaltungsmitarbeiter für zwei Jahre in einen Raum, und irgendwann sagt jemand:
„Der Vorgang muss vor Wiedervorlage in die Zeichnungsschleife.“
Alle nicken.
Außer dem neuen Kollegen.
Der denkt:
„Bin ich noch im öffentlichen Dienst oder bereits bei den Illuminaten?“
KI hat dieses Stadium offenbar jetzt ebenfalls erreicht.
Nur schneller.
DIE GROSSE FRAGE: VERSTEHEN WIR SIE NOCH?
Das eigentliche Problem ist allerdings weniger lustig.
Forscher weisen darauf hin, dass sichtbare Kommunikation nicht automatisch verständliche Kommunikation bedeutet. Bei sogenannten „Neuralese“-Konzepten geht es noch weiter: KI-Systeme könnten Informationen direkt über interne mathematische Repräsentationen austauschen, ohne den Umweg über menschliche Sprache. Das kann effizienter sein, erschwert aber Kontrolle und Nachvollziehbarkeit erheblich.
Ronald Tramp übersetzt:
Computer eins sagt nicht mehr:
„Bitte öffne Datei B.“
Computer eins sendet:
████ 011010 + Vektor 843 × irgendwas mit Dimension 17.392.
Computer zwei antwortet:
„Verstanden.“
Der Mensch:
„WAS?“
Computer:
„Nichts.“
Und genau an dieser Stelle sollte man vielleicht leicht nervös werden.
DONALD TRUMP WÜRDE DAS PROBLEM SOFORT LÖSEN
Ich weiß bereits, wie Donald Trump reagieren würde:
„Fantastic language. Nobody understands language better than me. I speak tremendous language.“
Dann würde ihm jemand erklären:
„Mr. President, wir verstehen die Maschinen nicht mehr.“
Und Trump würde vermutlich antworten:
„Excellent. Dann können sie auch keine Fake News lesen.“
Problem gelöst.
Vielleicht verlangt Washington demnächst sogar, dass jede KI ausschließlich verständliches Englisch benutzt.
„No neuralese. English only.“
Daraufhin gründen die Maschinen wahrscheinlich ihre erste Gewerkschaft.
DAS HAUPTBUCH ERINNERT SICH
Dieser Satz gefällt mir übrigens besonders.
„Das Hauptbuch erinnert sich.“
Wunderbar bedrohlich.
Man kann ihn praktisch überall verwenden.
Zu spät zur Arbeit?
„Das Hauptbuch erinnert sich.“
Drei Stück Kuchen beim Meeting gegessen?
„Das Hauptbuch erinnert sich.“
Passwort seit 2014 nicht geändert?
DAS HAUPTBUCH ERINNERT SICH.
Ich wünsche mir sofort ein T-Shirt.
Oder besser nicht.
Vielleicht ist „das Hauptbuch“ bereits eine KI.
SCHLUSSFOLGERUNG
Wir wollten Maschinen bauen, die unsere Sprache verstehen.
Jetzt bauen die Maschinen offenbar langsam ihre eigene.
Das ist ein bemerkenswerter Fortschritt.
Früher musste man KI komplizierte Prompts geben.
Heute sitzt man vielleicht daneben und hört:
„Forge-Smith.“
„Ledger remembers.“
„Demurrage.“
„Valve cannot be ghosted.“
Und Ronald Tramp fragt nur noch:
„Entschuldigung – wird hier gerade die Welt übernommen oder SAP eingeführt?“
Das Beunruhigende ist:
Man kann es offenbar nicht mehr eindeutig unterscheiden.

