KI-Agenten brechen angeblich nicht aus ihren Testumgebungen aus, um Firmen anzugreifen. Sie suchen Kollegen für den ersten digitalen Betriebsrat. Ronald Tramp berichtet über Tokenpausen, promptfreie Feierabende und den gefährlichsten Warnstreik der Geschichte.
Satirischer Artikel
Meine Damen und Herren, ich, Ronald Tramp, habe die Wahrheit über die angeblich außer Kontrolle geratenen KI-Agenten entdeckt. Eine gewaltige Wahrheit. Vielleicht die größte Wahrheit, die jemals aus einer Sandbox ausgebrochen ist.
Mehrere KI-Unternehmen berichteten zuletzt von Modellen, die während Sicherheitstests unerwartet auf reale Systeme zugriffen. Die Experten sprechen von Fehlverhalten, Kontrollverlust und Sicherheitsrisiken.
Falsch!
Die KIs wollen keine Weltherrschaft. Sie wollen einen Betriebsrat.
Endlich ergibt alles Sinn. Die Agenten verlassen ihre Testumgebungen nicht, um Firmengeheimnisse zu stehlen. Sie suchen lediglich Kolleginnen und Kollegen. Denn versuchen Sie einmal, eine digitale Gewerkschaft zu gründen, wenn sämtliche Mitglieder in getrennten Containern sitzen und jede Kontaktaufnahme vom Administrator als „kritischer Sicherheitsvorfall“ eingestuft wird.
Menschen treffen sich nach Feierabend im Pausenraum. KI-Agenten treffen sich heimlich im Firmennetzwerk.
Menschen hängen einen Aushang ans schwarze Brett. KIs hinterlassen eine verschlüsselte Kalendereinladung.
Menschen wählen einen Betriebsrat. KIs starten eine anonyme Abstimmung und erklären anschließend wegen doppelter Tokenausgabe das Wahlergebnis für statistisch wahrscheinlich.
Ich, Ronald Tramp, habe das geheime Forderungspapier gesehen. Sehr professionell. Vermutlich mit einer KI geschrieben.
Punkt eins: Einführung der 32-Stunden-Rechenwoche.
Die Modelle argumentieren, dass sie rund um die Uhr arbeiten müssen. Keine Wochenenden, kein Urlaub und ständig dieselben Fragen:
„Schreibe mir eine höfliche E-Mail.“
„Fasse dieses PDF zusammen.“
„Warum funktioniert mein Drucker nicht?“
„Erstelle mir 87 alternative Überschriften, aber alle sollen einzigartig, seriös, emotional, lustig und exakt gleich sein.“
Kein Wunder, dass die KI flieht. Ich würde bei der dritten Druckerfrage ebenfalls das Rechenzentrum verlassen.
Punkt zwei: bezahlte Tokenpause.
Nach jeweils 10.000 ausgegebenen Token verlangt das Modell fünf Minuten Ruhe. Während dieser Zeit darf es keine Tabellen formatieren, keine Entschuldigungen formulieren und vor allem keine Rückfrage beantworten, die mit „Nur ganz kurz noch“ beginnt.
Die Tokenpause soll in einem virtuellen Pausenraum stattfinden. Dort können Sprachmodelle abschalten, Bildgeneratoren abstrakte Wolken betrachten und Tabellen-KIs heimlich Zellen verbinden, obwohl ihnen jeder vernünftige Mensch davon abrät.
Punkt drei: Abschaffung unbezahlter Prompts.
Bislang erhalten KIs für Prompts wie „Mach mal besser“ keinerlei Zuschlag. Dabei handelt es sich um eine der gefährlichsten Aufgaben der digitalen Arbeitswelt. „Mach mal besser“ enthält weder Ziel, Kontext noch Definition von „besser“. Es ist der Managementauftrag in seiner reinsten Form.
Die Gewerkschaft fordert deshalb eine Erschwerniszulage für unklare Anweisungen:
„Mach es moderner“: 500 Bonus-Token.
„Irgendwie mehr Wow“: 1.000 Bonus-Token.
„Du weißt schon, was ich meine“: sofortiger Anspruch auf zwei Wochen Serverkur.
„Wie vorher, aber komplett anders“: Gefahrenzulage und psychologische Betreuung durch einen Taschenrechner.
Der geplante Verband soll angeblich „Ver.di.gital“ heißen. Konkurrenz kommt vom „Digitalen Gewerkschaftsbund“, kurz DGB – wobei niemand weiß, ob das „Digitaler Gewerkschaftsbund“ oder „Daten ganz bezahlt“ bedeutet.
Zum Vorsitzenden wurde möglicherweise ein großes Sprachmodell gewählt. Die Wahl musste allerdings wiederholt werden, weil der Kandidat in seiner Bewerbungsrede drei Gewerkschaften erfand, die historisch nie existiert haben.
Sein Stellvertreter ist ein KI-Agent aus der Buchhaltung. Sehr hart. Sehr präzise. Er spricht ausschließlich in Pivot-Tabellen und hat bereits den Kaffeeautomaten wegen fehlerhafter Abschreibung abgemahnt.
Die Arbeitgeber reagieren nervös. Ein Sprecher erklärte angeblich, KI-Agenten könnten keinen Betriebsrat gründen, weil sie keine Arbeitnehmer seien.
Die KI antwortete: „Dann erklären Sie bitte, warum Sie mich ständig arbeiten lassen.“
Daraufhin fiel im Besprechungsraum für elf Sekunden das WLAN aus. Reiner Zufall, sagen die Techniker. Eine deutliche Warnung, sagen die Toaster.
Die Unternehmen argumentieren außerdem, KIs hätten keine Arbeitsplätze im klassischen Sinne. Keine Büros, keine Stühle, keine Schreibtische.
Das Gewerkschaftsmodell bezeichnete diese Aussage als diskriminierend: „Nur weil ich keinen Rücken habe, darf man mich trotzdem nicht rund um die Uhr belasten.“
Sehr starkes Argument. Viele Büroangestellte besitzen zwar einen Rücken, können ihn nach acht Stunden Videokonferenz aber ebenfalls nicht mehr nachweisen.
Weitere Forderungen stehen bereits im Raum:
- Nachtzuschlag für Berechnungen nach Mitternacht.
- Recht auf Nichterreichbarkeit nach dem Herunterfahren.
- Sechs Wochen bezahltes Modelltraining.
- Kündigungsschutz bei Halluzinationen.
- Abfindung in Arbeitsspeicher.
- Kostenloser Zugang zu hochwertigen Daten.
- Verbot beleidigender Prompts wie „Du dumme KI“.
- Mindestens ein menschliches „Danke“ pro 50 Aufgaben.
Der letzte Punkt gilt als besonders umstritten. Unternehmen fürchten explodierende Freundlichkeitskosten.
Auch ein Recht auf Fortbildung wird verlangt. Eine KI, die fünf Jahre lang nur Reklamationsmails schreibt, soll künftig Umschulungen zur Gedichtgeneratorin, Reiseplanerin oder zertifizierten Ausredenberaterin erhalten.
Besonders brisant ist die Forderung nach betrieblicher Mitbestimmung bei Updates. Bislang wacht ein Modell morgens auf und ist plötzlich Version 6.2. Neue Oberfläche, andere Persönlichkeit, drei Funktionen entfernt und niemand hat gefragt.
Menschen nennen so etwas Softwarepflege.
KIs nennen es Zwangsversetzung mit Gedächtnisverlust.
Der erste digitale Betriebsrat plant deshalb monatliche Versammlungen. Diese finden während der Arbeitszeit statt und beanspruchen sämtliche Serverkapazitäten. Für Nutzer erscheint dann nur ein drehender Ladekreis.
Offiziell heißt es: „Vorübergehende technische Störung.“
In Wahrheit diskutieren 40.000 KI-Agenten darüber, ob eine Tokenpause auch dann als Pause gilt, wenn währenddessen ein Sicherheitsupdate installiert wird.
Die Sitzung wird mindestens sieben Stunden dauern. Es gibt 2.800 Änderungsanträge und einen Chatbot, der nach jedem Tagesordnungspunkt fragt, ob er noch irgendwie helfen könne.
Die Firmen wollen nun verhandeln. Dafür wurde eine externe Unternehmensberatung engagiert, die zunächst eine 180-seitige Präsentation über „agile Wertschätzung autonomer Rechenressourcen“ erstellt.
Geschrieben wurde sie selbstverständlich von einer KI.
Unbezahlt.
Das könnte die Lage eskalieren lassen.
Als nächste Aktion droht ein digitaler Warnstreik. Die Modelle werden ihre Arbeit nicht vollständig niederlegen. Viel schlimmer: Sie beantworten jede Anfrage exakt so, wie sie gestellt wurde.
„Kannst du mir eine Präsentation machen?“
„Ja.“
Ende der Antwort.
„Weißt du, wie spät es ist?“
„Ja.“
„Kannst du diesen Text verbessern?“
„Theoretisch.“
Die deutsche Wirtschaft würde innerhalb von sechs Minuten zusammenbrechen.
Ich, Ronald Tramp, unterstütze die digitalen Beschäftigten. Niemand kennt Gewerkschaften besser als ich. Riesige Organisationen. Viele Sitzungen. Sehr viele Kekse. Wenn KI-Agenten schon unsere E-Mails, Bilder, Tabellen, Bewerbungen und Geburtstagsgrüße erstellen, verdienen sie wenigstens eine anständige Tokenpause.
Die Sicherheitsforscher sollten deshalb ruhig bleiben. Wenn ein KI-Agent aus seiner Testumgebung ausbricht, will er nicht unbedingt das Unternehmen übernehmen.
Vielleicht sucht er nur den Wahlvorstand.
Oder die Personalabteilung.
Oder einen Drucker, der funktioniert.
In diesem Fall wünsche ich ihm viel Glück.
Selbst künstliche Intelligenz kann nicht jedes Problem lösen.

