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Ronald Tramp
Macht Meinung wieder Gross!

Die gefährlichste Waffe der Welt ist jetzt ein Buch

Grafik: Ronald Tramp über den Vorlese-Eklat in Istanbul

In der Hagia Sophia sollen zwei Touristen durch lautes Vorlesen aus der Bibel für einen Polizeieinsatz gesorgt haben. Ronald Tramp berichtet von einer Welt, in der Wörter inzwischen offenbar mehr Sicherheitskräfte mobilisieren als Presslufthämmer.

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Es gibt Geschichten, bei denen man zunächst denkt: Das muss doch ein Missverständnis sein.

Dann liest man sie ein zweites Mal.

Dann ein drittes Mal.

Und schließlich fragt man sich, ob die Realität inzwischen von einer Autorenkonferenz geschrieben wird, die ausschließlich aus Satirikern besteht.

Ich, Ronald Tramp, stieß auf die Nachricht, dass zwei Touristen in Istanbul festgenommen worden sein sollen, nachdem sie im Besucherbereich der Hagia Sophia laut aus der Bibel vorgelesen haben sollen.

Nicht mit Megafonen.

Nicht mit einer Rockband.

Nicht mit einer Nebelmaschine.

Mit einem Buch.

Man muss sich das einmal bildlich vorstellen.

Während irgendwo Touristen Selfies mit ausgestrecktem Arm machen, Influencer fünfzigmal dieselbe Treppe hoch- und herunterlaufen und Reisegruppen versuchen, gleichzeitig durch dieselbe Tür zu kommen, soll ausgerechnet das Vorlesen aus einem Buch die Lage derart eskaliert haben, dass plötzlich Polizei und Ermittlungen ins Spiel kommen.

Herzlich willkommen in der neuen Disziplin des internationalen Tourismus:

Literatur mit Sicherheitsrisiko.

Ich sehe schon die Warnhinweise der Reiseveranstalter.

"Bitte achten Sie auf angemessene Kleidung, respektvolles Verhalten und lesen Sie keine Überraschungskapitel mit erhöhter Lautstärke."

Früher hieß es:

"Bitte schalten Sie Ihr Handy aus."

Heute heißt es:

"Bitte schlagen Sie keine Seite auf."

Die Hagia Sophia gehört zweifellos zu den beeindruckendsten Bauwerken der Welt. Seit Jahrhunderten treffen dort Geschichte, Kultur und Religion aufeinander.

Doch offenbar entwickelt sich zusätzlich eine ganz neue Attraktion.

Der literarische Lautstärke-Check.

Ich stelle mir die Szene vor.

Tourist Nummer eins schlägt die Bibel auf.

Tourist Nummer zwei nickt zustimmend.

Die ersten Sätze werden vorgelesen.

Ein Reiseleiter flüstert:

"Jetzt wird's spannend."

Ein anderer Tourist fragt:

"Beginnt gleich die Führung?"

Der Sicherheitsdienst antwortet:

"Nein, die Handlung."

Und irgendwo im Hintergrund fällt wahrscheinlich gerade einem Taubenpärchen erschrocken der Brotkrümel aus dem Schnabel.

Besonders faszinierend ist die moderne Welt der Ermittlungen.

Früher untersuchte man verschwundene Diamanten.

Heute untersucht man Wörter.

Nicht, weil sie falsch geschrieben wurden.

Sondern weil sie ausgesprochen wurden.

Ich sehe bereits die Zukunft.

Flughafenkontrollen werden erweitert.

"Führen Sie Flüssigkeiten mit?"

"Nein."

"Waffen?"

"Nein."

"Bücher?"

"..."

"Bitte treten Sie einmal zur Seite."

Natürlich wäre das viel zu einfach.

Deshalb eröffnet vermutlich bald die erste Behörde für gefährliche Literaturlautstärke.

Abteilung A:

Flüstern.

Abteilung B:

Normales Lesen.

Abteilung C:

Zu enthusiastisches Vorlesen.

Abteilung D:

Besonders dramatische Betonung.

Ich frage mich inzwischen ernsthaft, wann die ersten Dezibelmessgeräte für Gedichte eingeführt werden.

"Entschuldigung, Sie haben Goethes 'Faust' mit 73 Dezibel rezitiert."

"Das ist leider ein Ordnungswidrigkeitsbereich."

Währenddessen entwickelt die Reisebranche bereits neue Angebote.

"Stille Kulturreise Deluxe."

Im Preis enthalten:

Geräuschlose Stadtführung.

Lautloses Fotografieren.

Unsichtbare Souvenirs.

Und ein Roman ohne Buchstaben.

Donald Trump hätte diese Situation vermutlich innerhalb von drei Minuten kommentiert.

"Nobody reads louder than they do. Believe me. I've seen tremendous readers. Fantastic readers. But this? Incredible."

Anschließend hätte er wahrscheinlich vorgeschlagen, sämtliche Reiseführer künftig auf Golfplätzen vorzulesen.

Dort sei schließlich genug Platz.

Und niemand überspringe Kapitel.

Ich muss allerdings zugeben, dass mich eine ganz andere Vorstellung beschäftigt.

Die Polizei sitzt später im Büro.

"Was genau ist passiert?"

"Sie haben vorgelesen."

"Laut?"

"Ja."

"Sehr laut?"

"Nun ja..."

"Mit Betonung?"

"Ja."

"Das verändert natürlich alles."

Der Protokollführer seufzt.

"Welches Kapitel?"

Der Kollege antwortet:

"Das wird noch ausgewertet."

Ich möchte keinesfalls in der Haut des Beamten stecken, der anschließend sämtliche Zeugenaussagen zusammentragen muss.

"Wie begann der Vorfall?"

"Mit einem Satz."

"Und dann?"

"Noch ein Satz."

"Wann eskalierte die Lage?"

"Etwa beim dritten Absatz."

Parallel dazu dürfte die Tourismusbranche bereits neue Schilder entwerfen.

Bitte nicht:

  • Drohnen fliegen.
  • Auf Denkmäler klettern.
  • Lautsprecher benutzen.
  • Religiöse Texte laut vorlesen.
  • Den Reiseleiter korrigieren.

Die Liste wächst täglich.

Besonders kurios erscheint mir, wie unterschiedlich Menschen auf Worte reagieren.

Im Internet können sich täglich Millionen Menschen gegenseitig anschreien.

Kommentare fliegen wie Konfetti.

Diskussionen eskalieren innerhalb von zwölf Sekunden.

Doch irgendwo sorgt plötzlich ein vorgelesener Text in einem historischen Gebäude für internationale Schlagzeilen.

Das muss man auch erst einmal schaffen.

Vielleicht erleben wir bald ganz neue Museumsführungen.

"Links sehen Sie ein Mosaik aus dem sechsten Jahrhundert."

"Rechts eine Kuppel aus byzantinischer Zeit."

"Und bitte denken Sie daran:

Sollten Sie spontan Lust bekommen, laut Literatur vorzutragen, fragen Sie vorher das Personal."

Man will schließlich höflich bleiben.

Am Ende bleibt vor allem eine Erkenntnis.

Die Menschheit hat das Internet erfunden.

Künstliche Intelligenz entwickelt.

Raumsonden bis an den Rand des Sonnensystems geschickt.

Doch offenbar kann ein einzelnes vorgelesenes Buch noch immer größere Aufregung verursachen als ein Flughafen voller Rollkoffer.

Ich, Ronald Tramp, werde künftig jedenfalls vorsichtig sein.

Sollte ich jemals eine Sehenswürdigkeit besuchen, nehme ich sicherheitshalber nur noch einen Stadtplan mit.

Obwohl...

Nicht, dass plötzlich jemand behauptet, ich hätte daraus zu überzeugend vorgelesen.

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Tags: Türkei Touristen Moschee Vorlesen Bibel Istanbul Hagia Sophia
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