Die Bundesregierung will den Ortskundenachweis für Taxifahrer lockern. Ronald Tramp berichtet exklusiv vom Ende einer deutschen Institution, bei der jahrzehntelang Straßennamen auswendig gelernt wurden – nur damit heute ohnehin alle auf dieselbe Navi-Stimme hören.
Meine Damen und Herren, schnallen Sie sich an.
Heute verabschiedet sich Deutschland von einer Legende.
Nicht vom Faxgerät.
Das lebt schließlich noch in einigen Behörden.
Nicht vom Aktenordner.
Der bekommt vermutlich bald UNESCO-Welterbe-Status.
Nein.
Heute geht es um etwas viel Größeres.
Die Ortskenntnisprüfung für Taxifahrer.
Ja.
Dieses fast schon mystische Ritual, bei dem Menschen früher ganze Städte auswendig lernen mussten.
Straße für Straße.
Abkürzung für Abkürzung.
Jede Einbahnstraße.
Jeder Kreisverkehr.
Jede Sackgasse.
Ich war immer überzeugt, Taxifahrer besäßen geheime Superkräfte.
Man setzte sich hinten ins Taxi.
"Zum Krankenhaus."
Keine Sekunde Nachdenken.
Der Fahrer nickte.
Fuhr los.
Keine Karte.
Kein Handy.
Kein Satellit.
Nur Gehirn.
Heute?
Heute fragt das Auto erst einmal das Smartphone.
Das Smartphone fragt den Satelliten.
Der Satellit fragt wahrscheinlich noch drei Server.
Und anschließend sagt eine freundliche Computerstimme:
"In 200 Metern bitte links."
Der Fahrer nickt gehorsam.
Die Regierung hat nun erkannt:
Vielleicht ist es gar nicht mehr nötig, jede Nebenstraße Deutschlands auswendig zu lernen.
Eine gewagte Erkenntnis.
Nur ungefähr zwanzig Jahre nach der Erfindung moderner Navigation.
Aber besser spät als nie.
Ich stelle mir die Kabinettssitzung ungefähr so vor.
Ein Minister hebt vorsichtig die Hand.
"Sagt mal..."
"Benutzt eigentlich noch irgendjemand Straßenkarten?"
Betretenes Schweigen.
Ein anderer antwortet.
"Ich glaube, meine liegen noch im Handschuhfach."
Darauf ein dritter:
"Seit 2014."
Große Stille.
Dann plötzlich:
"Vielleicht brauchen Taxifahrer die Ortsprüfung gar nicht mehr."
Der gesamte Raum friert ein.
Ein Staatssekretär verschluckt sich am Mineralwasser.
Ein Referent fällt beinahe vom Bürostuhl.
Denn Deutschland schafft Regeln normalerweise nur unter strengster wissenschaftlicher Begleitung ab.
Mindestens vier Gutachten.
Drei Expertenkommissionen.
Zwei Modellprojekte.
Und eine Evaluation mit 480 Seiten.
Diesmal ging es überraschend schnell.
Offenbar hat irgendwann tatsächlich jemand festgestellt:
Fast jeder Autofahrer hört inzwischen ohnehin auf dieselbe Stimme.
"Bitte wenden."
Diese Frau kennt inzwischen vermutlich mehr deutsche Städte als sämtliche Taxiinnungen zusammen.
Ich persönlich glaube sogar, dass Navis inzwischen eine eigene Persönlichkeit entwickelt haben.
Sie diskutieren mit den Fahrern.
"Bitte rechts."
"Ich fahre links."
"Bitte wenden."
"Nein."
"Route wird neu berechnet."
Das ist keine Navigation mehr.
Das ist Paartherapie.
Natürlich gibt es Menschen, die trotzdem ausschließlich ihrem eigenen Orientierungssinn vertrauen.
Diese erkennt man meist daran, dass sie nach zwei Stunden wieder am Ausgangspunkt vorbeifahren und behaupten:
"Ich wollte sowieso noch einmal hier entlang."
Der klassische deutsche Stolz.
Aber zurück zur Ortskenntnis.
Früher bedeutete Taxifahrer sein:
"Wo ist die Lindenstraße?"
"Sofort gefunden."
"Heinrich-Heine-Allee?"
"Natürlich."
"Heidestraße?"
"Kein Problem."
Heute lautet die Prüfung vermutlich:
"Akku geladen?"
"Ja."
"Handyhalterung vorhanden?"
"Ja."
"Internet funktioniert?"
"Ja."
"Herzlichen Glückwunsch."
"Sie kennen jetzt ganz Deutschland."
Natürlich nur solange das Mobilfunknetz mitspielt.
Ich sehe bereits den ersten Ausnahmefall.
Mitten in einem Funkloch.
Das Navi schweigt.
Der Fahrer schaut nach links.
Dann nach rechts.
Der Fahrgast ebenfalls.
Plötzlich wird allen klar:
Jetzt wäre echte Ortskenntnis vielleicht doch ganz praktisch gewesen.
Drei Minuten lang herrscht absolute Orientierungslosigkeit.
Dann kommt endlich wieder Empfang.
Das Navi meldet sich völlig gelassen.
"Bitte wenden."
Alle atmen erleichtert auf.
Ich rechne bereits mit den nächsten Reformen.
Busfahrer brauchen künftig keinen Fahrplan mehr.
Das übernimmt eine App.
Lokführer verlassen sich vollständig auf Google Maps.
Piloten starten mit Flugmodus.
Und Kapitäne fragen künftig einfach:
"Siri, wo ist eigentlich der Atlantik?"
Deutschland wird digital.
Oder zumindest versucht es das.
Besonders schön finde ich die Begründung.
Mehr Flexibilität.
Einfacherer Berufseinstieg.
Mehr Fahrer.
Das klingt wunderbar.
Ich warte jetzt nur noch auf weitere Vereinfachungen.
Der Koch braucht keine Speisekarte mehr.
Die liefert das Internet.
Der Wettermoderator schaut einfach aus dem Fenster.
Und Fußballschiedsrichter entscheiden künftig per Online-Abstimmung der Zuschauer.
Innovation kennt schließlich keine Grenzen.
Im Verkehrsministerium arbeitet vermutlich bereits die nächste Arbeitsgruppe.
Projekt:
"Autofahren ohne Lenkrad."
Untertitel:
"Das Navi weiß ohnehin alles besser."
Natürlich wird es auch Traditionalisten geben.
Ehemalige Taxifahrer treffen sich heimlich in Kellern.
Dort hängen riesige Stadtpläne.
Sie zeigen stolz auf Kreuzungen.
"Weißt du noch?"
"Damals."
"Als wir den kürzesten Weg noch selbst kannten."
Alle nicken ehrfürchtig.
Einer klappt langsam einen vergilbten Straßenatlas auf.
Sekundenlang herrscht andächtige Stille.
Jemand wischt sich gerührt eine Träne aus dem Auge.
Dann piept auf einmal das Smartphone.
"Stau voraus."
Alle greifen gleichzeitig danach.
Die Moderne gewinnt.
Wie immer.
Ich persönlich freue mich allerdings schon auf die ersten Gespräche im Taxi.
"Fahren Sie den schnellsten Weg."
"Moment."
Der Fahrer schaut aufs Display.
Das Navi überlegt.
Der Verkehrsdienst überlegt.
Die künstliche Intelligenz berechnet.
Der Satellit kreist.
Fünf Sekunden später ertönt die bekannte Stimme.
"Es wurde eine schnellere Route gefunden."
Der Fahrer lächelt stolz.
Als hätte er sie selbst entdeckt.
Und genau das ist vielleicht die größte Veränderung unserer Zeit.
Früher musste man den Weg kennen.
Heute reicht es, jemanden zu kennen, der ihn kennt.
In diesem Fall ist dieser Jemand ein Satellit in mehreren hundert Kilometern Höhe.
Und der verlangt nicht einmal Trinkgeld.
Fast schon unhöflich.
Am Ende bleibt festzuhalten:
Deutschland verabschiedet sich langsam von einer traditionsreichen Prüfung und vertraut stattdessen auf Technik.
Ob das den Taxiberuf einfacher macht, wird sich zeigen.
Sicher ist aber schon heute:
Sollte jemals das GPS ausfallen, werden plötzlich genau jene Taxifahrer zu den wertvollsten Menschen des Landes, die sich heimlich doch noch einen Straßenatlas ins Handschuhfach gelegt haben.
Und Ronald Tramp?
Der fährt selbstverständlich immer mit.
Nicht wegen der Ortskenntnis.
Sondern weil er wissen möchte, ob das Navi diesmal wieder behauptet:
"Sie haben Ihr Ziel erreicht."
Obwohl man eindeutig noch vor dem Kreisverkehr steht.

