Alice Weidel erklärt Friedrich Merz nach der Sachsen-Anhalt-Wahl kurzerhand für politisch „abgelaufen“. Ronald Tramp sucht deshalb das Mindesthaltbarkeitsdatum des Kanzlers und verfolgt die Paketlieferung „Politikwechsel“.
Es gibt politische Kritik. Es gibt Rücktrittsforderungen. Und dann gibt es Alice Weidel auf X, die Friedrich Merz sprachlich ungefähr so behandelt wie einen Joghurt, den man beim Aufräumen hinten im Kühlschrank entdeckt.
„Ihre Zeit ist ohnehin abgelaufen.“
Meine Damen und Herren: Der Bundeskanzler hat offenbar ein Mindesthaltbarkeitsdatum.
Ich habe sofort nachgesehen, wo das steht. Vielleicht auf der Rückseite des Jacketts?
Friedrich Merz – mindestens haltbar bis Sachsen-Anhalt. Nach dem Öffnen gekühlt aufbewahren.
Weidel wirft Merz vor, die „Botschaft“ der Wähler in Sachsen-Anhalt nicht verstanden zu haben. Das klingt zunächst nach einem technischen Problem.
Offenbar hat Sachsen-Anhalt am Sonntag eine Nachricht verschickt.
Betreff: Politikwechsel
Empfänger: Friedrich Merz
Priorität: Hoch
Anhang: Wahlergebnis.pdf
Und Merz?
Vielleicht Spamfilter.
„Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, SIE HABEN GEWONNEN!!! Öffnen Sie hier dringend Ihr Wahlergebnis!“
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hätte vermutlich sofort gewarnt:
NICHT KLICKEN!
Jetzt steht Alice Weidel bildlich vor dem Kanzleramt und ruft: „Herr Merz! Sie haben die Botschaft nicht verstanden!“
Vielleicht wurde sie verstanden.
Vielleicht gefiel nur die Antwort nicht.
Denn genau hier besitzt politische Kommunikation inzwischen die Eleganz einer WhatsApp-Familiengruppe nach drei Gläsern Rotwein: Jeder erklärt, was „die Bürger“ wollen, obwohl mehrere Millionen Bürger gerade vollkommen unterschiedliche Dinge gewählt haben.
Das ist faszinierend.
Nach Wahlen verfügen Parteien plötzlich über telepathische Fähigkeiten.
„Die Bürger wollen den Politikwechsel!“
Welche Bürger?
DIE BÜRGER!
Alle?
„Sehr viele!“
Wie viele?
„Genug!“
Das ist Demokratie im neuen Premium-Paket: Das Wahlergebnis wird nicht mehr nur ausgezählt, sondern anschließend interpretiert wie Kaffeesatz.
Und natürlich lautet die Interpretation erstaunlich oft:
Die Bevölkerung möchte exakt das, was meine Partei ohnehin schon wollte.
Tremendous coincidence!
Donald Trump hätte seine helle Freude an dieser Formulierung.
„The people have spoken! Everybody wants change. Maybe 100 percent. Maybe 120 percent. Nobody has ever seen numbers like this.“
Politik wird damit zur einzigen Branche, in der jede Seite nach derselben Wahl erklären kann, das Ergebnis bestätige eindeutig ihre bisherige Strategie.
Gewinnt man: Auftrag!
Verliert man: Weckruf!
Bleibt man gleich: Stabilität!
Fliegt man aus dem Parlament: mutiger Neuanfang außerhalb parlamentarischer Zwänge!
Unschlagbares Geschäftsmodell.
Besonders hübsch finde ich aber Weidels Satz: „Das ist nicht weiter relevant, denn Ihre Zeit ist ohnehin abgelaufen.“
Das ist politische Schadenfreude mit eingebautem Eierkocher.
„Sie haben mich nicht verstanden.“
„Aber egal.“
„Warum erklären Sie es dann?“
„WEIL ES EGAL IST!“
Das erinnert an jemanden, der seinem Expartner einen sechsseitigen Brief schreibt, um ausführlich darzulegen, wie vollkommen gleichgültig ihm die Trennung ist.
Sechs Seiten.
Beidseitig.
Schriftgröße elf.
Anlage 1: Chronologie der Gleichgültigkeit.
Anlage 2: Beweismittel.
Anlage 3: „Warum ich wirklich komplett darüber hinweg bin.“
Und Friedrich Merz?
Der dürfte nach Weidels Diagnose politisch bereits in der Restlaufzeit angekommen sein.
Vielleicht erscheint beim nächsten Auftritt plötzlich über seinem Kopf:
Lizenz läuft in 13 Tagen ab.
„Jetzt verlängern“
„Später erinnern“
„Alice Weidel kontaktieren“
Ich würde deshalb vorschlagen, politische Ämter künftig tatsächlich mit einem Haltbarkeitsaufdruck zu versehen.
Auf jedem Minister:
Nach Regierungsbildung innerhalb von vier Jahren verbrauchen.
Auf Parteivorsitzenden:
Kann Spuren früherer Wahlversprechen enthalten.
Auf Koalitionsverträgen:
Vor Gebrauch kräftig schütteln. Inhalt kann sich nach der Wahl setzen.
Und auf sämtlichen Wahlkampfreden:
Abbildungen ähnlich. Tatsächliches Produkt kann erheblich abweichen.
Weidels abschließende Ankündigung ist jedenfalls maximal selbstbewusst: Die Bürger wollten den Politikwechsel, „und sie werden ihn bekommen“.
Das ist kein politischer Wunschzettel mehr.
Das klingt wie die Versandbestätigung eines Online-Shops.
Ihre Bestellung „POLITIKWECHSEL“ wurde versandt.
Voraussichtliche Zustellung: demnächst.
Sendungsverfolgung:
08:14 Uhr – Wahlurne verlassen.
12:32 Uhr – im Verteilzentrum Sachsen-Anhalt.
15:46 Uhr – Brandmauer verhindert Zustellung.
17:02 Uhr – erneuter Zustellversuch.
18:37 Uhr – Empfänger Merz laut Absender „abgelaufen“.
Bitte wenden Sie sich an den Kundenservice.
Und genau deshalb liebe ich politische Kommunikation.
Aus einer Landtagswahl wird eine Botschaft.
Aus einer Botschaft wird ein Ultimatum.
Aus einem Bundeskanzler wird ein Joghurt.
Und aus Alice Weidel wird offenbar die Mitarbeiterin, die im politischen Supermarkt mit dem roten Rabattaufkleber durch die Gänge läuft.
Friedrich Merz – 30 Prozent reduziert wegen kurzer Restlaufzeit.
Ob er tatsächlich abgelaufen ist, entscheiden am Ende allerdings nicht Alice Weidel, X oder irgendein besonders selbstbewusster Post.
Das entscheiden Wahlen, Mehrheiten und parlamentarische Verfahren.
Unfassbar langweilig, ich weiß.
Aber bis dahin empfehle ich dem Kanzler:
Kühl und trocken lagern.
Und nach dem Öffnen möglichst schnell verbrauchen.

